Alle Jahre... Bieber, 13.12.2010, 20.00 Uhr - Grillo Theater Essen

 

“Scheiße, bin ich verliebt...”

 

sang Andreas Bieber in einem seiner Lieder und “Scheiße, was mag ich diesen Kerl” dachte ich, als er die Bühne betrat.

 

Endlich war es wieder soweit. Endlich gab es wieder ein Solokonzert von dem Künstler, der mich mein bisheriges “Musical-Leben” begleitet hat, der meine erste große “Musical-Liebe” war und von dem ich heute noch genauso begeistert bin wie vor fast zwanzig Jahren, als er seinen bunten Träumermantel schwang.

 

Oder, um noch etwas weiter in die Vergangenheit zu gehen, als er als schnoddriger, unkonventioneller Chaot Philipp Wolfengruber im Marienhof (seinerzeit meine bevorzugte Daily-Soap) auftauchte und ich mich heute noch an seinen ersten Satz in dieser Serie erinnern kann, obwohl ich ihn zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht kannte.

 

Es wäre jetzt vielleicht etwas weit hergeholt, wenn ich behaupten würde, dass Andreas es geschafft hätte, pünktlich zu seinem Weihnachtsprogramm auch den Schnee zurückkehren zu lassen.

Aber wer auch immer dafür verantwortlich war, zwei Stunden vor Konzertbeginn begann es zu schneien, um 20.00 Uhr war alles in tiefstes Weiß getaucht und irgendwie wurde einem ganz besinnlich (um mal eine Anleihe beim Kollegen Borchert zu machen) zumute.

(Dass die Rückfahrt nicht ganz so besinnlich wurde und statt der üblichen zwanzig Minuten über eine Stunde dauerte, erwähne ich nur mal so am Rande.)

 

‘Rockin' Around The Christmas Tree‘ war das erste Lied des Abends und sofort war sie wieder da: Diese Leichtigkeit, mit der ein Andreas Bieber auf der Bühne agiert.

Bei ihm gibt es keine einstudierten Tanzschrittchen, keine dreimal durchdachten Handbewegungen und auch keine An- oder Aussagen, bei denen man das Gefühl hat, sie seien tagelang auswendig gelernt worden.

 

‘Alles, was gut tut’ hieß es danach und zeigte, was Andreas derzeit so macht: Nämlich den Fred Hoffmann in ‘Ich war noch niemals in New York’ (Wien) spielen.

 

Danach erzählte er etwas von den Weihnachtsritualen in seiner Kindheit und erwähnte, dass alle warten mussten, bis sein Vater mit einem kleinen Glöckchen zur Bescherung rief.

“Etwa so”, meinte er und bimmelte leise mit einer Glocke, die auf einem Pult auf der Bühne stand. “Manchmal ist es doch schön, ein Kind zu bleiben.”

 

Oh mein Gott, er wird doch nicht...?!

Doch! “Ich wollte nie erwachsen sein...” ließ uns Andreas mit seiner unnachahmlichen Stimme wissen und erntete erstmal riesigen Zwischenapplaus.

Dieses Lied (‘Nessaja’) singt keiner so schön wie er. Die Gänsehaut war sofort wieder da und auch die Bilder, wie Andreas als geheimnisvoller Magier in ‘Tabaluga & Lilli’ seinerzeit in Oberhausen alle verzaubert hatte.

 

‘Oh mein Papa’ (aus der Operette ’Feuerwerk’) schwärmte er anschließend. (Was kann dieser Mensch eigentlich nicht singen?)

 

‘A Musical Christmas with Friends’ lautete ja der komplette Name dieses Programms und einer dieser Freunde war Felix Martin.

Das sich die beiden Künstler schon seit ewigen Zeiten kennen (wie lange genau wollten sie aber nicht verraten), merkte man ihnen bei ihrem lockerem Plausch auf der Couch, die einladend auf der Bühne stand, auch an.

Allerdings waren sie nicht ganz unter sich, denn unbemerkt setzte sich noch jemand zu ihnen: Jonny Kiss (richtiger Nachname: Kieselbüttel), ein Hamburger Jung aus Mümmelmannsberg, der Schlager nicht nur liebt, sondern regelrecht lebt.

 

Natürlich sass in Wirklichkeit keine dritte Person auf dem Sofa.

Es war auch Felix Martin, der wieder einmal bewies, dass er auch im Comedy-Bereich gut aufgehoben ist und dem Essener Publikum einfach mal seine Kunstfigur Jonny Kiss vorstellen wollte.

(Schade eigentlich, dass Inge Meysel nicht auch noch dazu kam, denn wenn Felix Martin die imitiert bleibt wirklich kein Auge trocken.)

 

Und wenn ich bei ihm auch immer ein bisschen Angst habe, dass er im nächsten Augenblick leichtbekleidet und mit Strapsen vor einem steht, um ‘Sweet Transvestite’ zu zelebrieren (vor allem, wenn kleine Treppen rechts und links an der Bühne geradezu zu einem Trip ins Publikum einladen) zeigte er sich musikalisch diesmal von seiner seriöseren Seite. Er behielt den Anzug an und sang ‘Was wichtig ist’ von Udo Jürgens und anschließend zusammen mit Andreas noch ‘Griechischer Wein’.

 

Nachdem Felix Martin die Bühne verlassen hatte, gab es von Andreas ein Weihnachts-Medley, u.a. mit ‘Kling Glöckchen’ und ‘Rudolph, the Red-Nosed Reindeer’.

 

Und wer, wenn nicht er, schafft es, von Rudolph, dem Rentier spielerisch den Übergang zu Rudolf, dem Sohn der Kaiserin Elisabeth zu finden, ohne dass es irgendwie deplaciert wirkt?

 

Mit ‘Wenn ich Dein Spiegel wär’ beschrieb er eindringlich die Qualen des unglücklichen Kronprinzen und schlüpfte damit in die Rolle, die er bei der Welturaufführung von ‘Elisabeth’ in Wien gespielt, um nicht zu sagen, kreiert hat. (Aber das verschweigt er immer ganz bescheiden.)

Ein Lied, das für ihn auch eine ganz besondere Bedeutung hat, denn es wurde nachträglich für ihn geschrieben, um der Rolle des Rudolfs noch mehr Nachdruck zu verleihen.

 

Ein weiterer Freund war Christian Alexander Müller und als Andreas ihn ankündigte, war das der einzige Punkt des Abends, an dem ich nicht mit ihm konform gehen konnte.

Er kam irgendwie auf das Duett ‘Perhaps Love’ von John Denver und Placido Domingo zu sprechen und sagte: “Bei Placido Domingo kann jetzt nur Einer kommen...”

Also bitte, das war jetzt aber eine Beleidigung für den guten Placido.

 

Christian Alexander Müller nahm das Kompliment allerdings widerspruchslos hin und es folgte tatsächlich dieser wunderschöne Song.

 

Und höre ich in der Original-Version immer Placido Domingos Stimme lieber als die von John Denver, blendete ich dieses Mal die linke Hälfte der Bühne komplett aus und konzentrierte mich lieber voll und ganz auf die rechte Seite, auf der Andreas stand.

 

Natürlich ließ sich auch ein C.A.M.-Solo nicht vermeiden und es wurde ‘Ein rätselhaftes Lied’.

An sich ein toller Titel, aber ich mag diese Stimme, die sich für mich immer irgendwie metallisch und ohne jede Wärme anhört, einfach nicht. Und natürlich durfte auch die “Müllersche Schnappatmung” nicht fehlen...

 

Nachdem auch er sich mit Andreas Bieber auf die Couch gesetzt hatte, fragte dieser ihn nach seinem momentan straffen Terminkalender und erwähnte, dass Christian ja erst vor kurzem mit den Tenors im Grillo Theater war. “Ja, am 08.” bestätigte dieser. “Und ich habe seitdem hier übernachtet”.

 

Tja, das konnte man ihm auf’s Wort glauben.

Unrasiert und in einem speckig-aussehenden Anzug (der obendrein auch etwas eng schien) konnte er wirklich nicht zuhause gewesen sein.

Und Hurra! Es gab auch wieder eine neue Frisurenvariation.

Die linke Seite beinahe ganz kahlgeschoren und nach rechts ein paar längere, strähnige Locken, die, je nach Kopfhaltung, auch schon mal vor den Augen hingen.

Das diese wieder durch die riesige Hornbrille verdeckt waren, fiel angesichts des sonstigen Outfits kaum noch auf.

Wenig sympathisch fand ich auch seine Aussage, dass er sich bei seinem Solokonzert den unbekannteren Musicaltiteln widmen will. Dagegen war ja noch nichts zu sagen, aber der Zusatz “Das sind die Anspruchsvolleren...” hätte nun wirklich nicht sein müssen.

Gut, dass es Herrn Müller gibt, der der Welt jetzt mal zeigt, was für banales Zeug sie bis dato gehört hat...

 

Mit ‘Winter Wonderland’ von Andreas und ‘Heidschi Bumbeidschi’ von allen drei Herren gesungen, ging der erste Teil des Konzerts zu Ende.

 

Der zweite Teil begann mit einem “Christmas-Medley”, das Andreas dazu nutzte, einen kleinen Ausflug ins Publikum zu unternehmen.

 

Natürlich durfte auch ein (viel zu kurzer!) Querschnitt aus seinen bisherigen Soloprogrammen ‘No Frontiers’ und ‘Auf dem Rummelplatz der Liebe’ nicht fehlen.

Mit ‘Beide Dase däuft’ (kein Schreibfehler - man muss sich nur vorstellen, total erkältet “Meine Nase läuft” zu sagen. Mit total “verrotzter” Stimme wird daraus dann tatsächlich “Beide Dase däuft”), mit ‘Das Liebeslied’ (aus dem ich meine Überschrift geklaut habe) und mit ‘Sie’ bewies Andreas einmal mehr seine Vielseitigkeit.

 

Ein Stück, das Andreas besonders am Herzen liegt, durfte auch an diesem Abend (zum Glück!) nicht fehlen.

‘Als die Liebe entstand’ aus ‘Hedwig and the Angry Inch’ und bei jeder Zeile merkte man auch heute wieder, wie sehr er an dieser Rolle hängt.

Wie er mit seinen Händen die Kinder der Sonne, der Erde und des Mondes beschreibt, sich in seinem Gesicht der grimmige Zorn des Gottes Thor widerspiegelt, der mit seinem Hammer alles zerschlagen will und die noch größere Freude des Zeus, der schließlich mit seinem Scherenblitz dazwischenfahren darf...

Sagenhaft, mit welch Intensität Andreas dieses Lied immer singt!

 

Das hört sich jetzt alles verworren an? Ist es auch.

Es ist ein Lied, bei dem man ganz genau zuhören muss und das dem Interpreten einiges abverlangt. Ich glaube, hier liegt auch für Andreas der besondere Reiz und ich erinnere mich an eine Anekdote, die er einmal bei einem seiner früheren Solokonzerte erzählt hat:

Als er 2006 die/den Hedwig in Wien spielte, gab es im Anschluss an die Vorstelllungen für das Publikum immer die Möglichkeit, mit ihm über das gerade Gesehene zu diskutieren.

Der arme Kerl hatte sich also zwei Stunden die Seele aus dem Leib gespielt und sich völlig verausgabt, als einer älteren Dame doch tatsächlich nur eine Frage unter den Nägeln brannte: “Wo sind denn Ihre schönen langen Haare hin?”

Das Künstlerleben ist hart, kann man da nur sagen...

 

Als letzter Freund oder besser gesagt Freundin stellte Andreas Bieber Sabine Mayer vor. Sie spielt aktuell die Lisa Wartberg in ‘IWNNINY’ in Stuttgart, nachdem sie vorher als Zweitbesetzung dieser Rolle in Wien dabei war.

Die Beiden kennen sich auch schon seit Urzeiten, haben schon in ‘Joseph’ zusammen gespielt und man merkte ihnen ihre Vertrautheit bei ihrem Gespräch auch an.

 

Ich kannte ihr Solostück nicht, aber es hörte sich ansprechend und angenehm an.

Nach dem Couch-Talk sang sie zusammen mit Andreas noch zwei Weihnachtslieder.

 

Mit ‘Jingle Bell Rock’, einem (makabrem) Gedicht (von Loriot) und dem beinahe schon unvermeidlichen ‘White Christmas’ neigte sich der Abend allmählich seinem Ende entgegen.

 

‘Love Shine a Light‘ stimmte Andreas an und nach und nach kamen seine drei Kollegen auf die Bühne und sangen den Song mit ihm gemeinsam zu Ende.

 

‘Close Every Door’ war Andreas ganz persönliche Zugabe an sein Publikum und schon nach den ersten Takten brach unbeschreiblicher Jubel los.

 

Und das ist es auch, was mich für Andreas’ Zukunft nicht bange sein lässt.

Sollte er einmal in einen finanziellen Engpass geraten, muss er sich nur einen genügend großen Platz, vorzugsweise in Essen, suchen.

Dann braucht er nur noch ‘Wie vom Traum verführt’, ‘Schließt jede Tür vor mir’ und als Zugabe noch ‘Ich wollte nie erwachsen sein’ singen und anschließend mit einem Hut rumgehen.

Ich schwöre, er verlässt diesen Platz als wohlhabender Mann, denn sein Publikum liebt ihn für diese Lieder.

Und sollte Wien ihn eines Tages nicht mehr mögen (oder umgekehrt): Das Ruhrgebiet nimmt ihn mit Kusshand zurück.

 

Wahrscheinlich ist sich Andreas dessen auch bewusst, denn während der Jubelarie huschte ein wissendes Lächeln über sein Gesicht.

Nahtlos ging er von der englischen Fassung in die deutsche über und brachte das Stück gewohnt fulminant und unter großem Beifall und Standing Ovations zu Ende.

 

“Setzt Euch noch ein bisschen” forderte er uns auf (was alle natürlich nur zu gerne taten) und las das Gedicht ‘Selbstliebe’ von Charlie Chaplin vor.

 

Und was hätte nach diesen ruhigen Zeilen besser gepasst, als das Weihnachtslied schlechthin?

Mit ‘Stille Nacht’ und allen vier Künstlern fand dieser abwechslungsreiche Abend einen würdigen Abschluss.

 

Und das Fazit?

Für mich eigentlich nichts Neues: Andreas ist für mich der kompletteste Musical-Darsteller.

Bei keinem anderen vereinen sich Perfektion und Lockerheit, Können und Improvisation, Fröhlichkeit und Melancholie so perfekt wie bei ihm.

 

Egal ob er singt, tanzt, vorliest oder erzählt, ob er eine Rolle spielt oder ganz er selber ist - es passt und es fühlt sich richtig und gut an.

 

Er wird immer einer meiner ganz besonderen Lieblinge bleiben und vielleicht stimmt es ja tatsächlich: “Scheiße, bin ich verliebt...”