Alle Jahre... Bieber, 16.12.2012, 19.30 Uhr - Grillo Theater Essen

 

Er ist wieder hier, in seinem Revier...

 

...genauso kommt es mir immer vor, wenn Andreas Bieber ein Konzert in Essen und Umgebung gibt. Für mich gehört er einfach in den Pott und fertich!

Schade, dass er sich so rar macht, aber dafür sind dann die Wiedersehen mit ihm umso schöner und kostbarer.

 

Vor zwei Jahren durften meine Schwester und ich schon dieses vorweihnachtliche Highlight erleben und deshalb waren wir natürlich hocherfreut, als es im Frühjahr hieß, Andreas Bieber kommt wieder nach Essen. Im letzten Jahr mussten wir leider auf ihn verzichten, da er seiner Wahlheimat Wien gerecht werden und die Leutchen dort erfreuen wollte. Es sei den Wienern gegönnt.

 

Jetzt waren wir aber wieder dran und alles hätte wunderbar sein können, aber im Vorfeld des Konzerts hatte ich tatsächlich ein bisschen Angst. Im weiteren Verlauf des Jahres (und vermutlich um den Kartenverkauf nochmal richtig anzukurbeln) wurde nämlich bekannt gegeben, dass Jan Ammann Special Guest bei Andreas Bieber sein wird. Bei allen wirtschaftlichen Interessen des Veranstalters: Langsam nervt es, dass dieser spezielle Gast eigentlich gar kein spezieller Gast ist, sondern schon zum Inventar gehört und sein zweiter Vorname wahrscheinlich schon “Special Guest” lautet.

 

Natürlich ging sofort ein Aufschrei durch die Fan-Gemeinde und nicht wenige Janatiker (meine Abkürzung für Jan-Fanatiker und die Steigerung zu Jan-Fans) sprachen innerhalb kürzester Zeit von einem Konzert mit Jan und einem gewissen Andreas Bieber, den sie dann wohl oder übel mit in Kauf nehmen mussten. Diese Leute dachten auch tatsächlich, der Vorverkauf hätte jetzt erst begonnen und wunderten sich dann über ihre vergleichsweise weit hinten liegenden Plätze.

 

Da es von Seiten des Veranstalters, der ja bekanntermaßen gleichzeitig das Management Jan Ammans inne hat, keine Richtigstellung zur Rollenverteilung beim Konzert gab, kamen mir doch einige Bedenken, dass der Auftritt weit über den eines “normalen” Special Guest hinausgehen sollte.

 

Irgendwann war es dann soweit und die letzte Meldung, am selben Tag des Konzerts geschrieben vom Haus- und Hoffotografen der SoM-Konzerte, ließ mich weiterhin nichts Gutes ahnen: “Im Grillo-Theater in Essen steht mein letzter Fotojob vor Weihnachten an: Alle Jahre Bieber mit Andreas Bieber und Jan Ammann.” Na, immerhin erwähnte er Andreas Bieber an erster Stelle, aber seit wann wird ein Special Guest so überaus häufig erwähnt? Zumal mit Ulrike Frank ja noch ein weiterer Name auf der Gästeliste stand.

 

Es wurde Abend und dankenswerterweise verzichtete Petrus diesmal darauf, uns mit leise rieselndem Schnee vor Augen zu führen, dass Weihnachten nun wirklich nicht mehr weit entfernt ist. Vor zwei Jahren begann just am Abend des Konzerts ein Wintermärchen und ungeheure Schneemassen sorgten dafür, dass zahlreiche Besucher das Grillo Theater nie erreichten. Und diejenigen (wir zum Beispiel), die für die Hinfahrt knappe zwanzig Minuten gebraucht hatten, waren froh, den Rückweg in zwei Stunden und, was das Wichtigste war, unfallfrei geschafft zu haben.

 

Dafür erfreute uns diesmal ein anderes vorweihnachtliches Phänomen: In Essen war verkaufsoffener Sonntag. Auch gegen 18.00 Uhr war es noch proppenvoll. Menschen, mehr oder weniger mürrisch, je nach Erfolg beim Weihnachtseinkauf, schoben sich die Einkaufsstraße entlang. Rings um die Buden des Weihnachtsmarktes herrschte das totale Chaos und es konnte durchaus der Eindruck entstehen, die Leute nahmen billigend in Kauf sich für einen Becher Glühwein oder eine Bratwurst zerquetschen zu lassen. Was hat so ein Irrsinn eigentlich noch mit Weihnachten zu tun?

 

Aber egal, wir hatten jetzt unser Ziel erreicht und das Grillo Theater schien, nach dem ganzen Rummel der draußen herrschte, ein Hort der Ruhe und des Friedens zu sein.

 

Als wir uns auf unsere Plätze setzten, ließ mich unser direktes Umfeld gleich mal wieder an Ruhe und Frieden zweifeln. Noch leicht traumatisiert von meiner schrecklich netten Borchert-Besinnlich-Nachbarin eine Woche zuvor, schnappte ich die Worte “Knicklichter” und “La-Ola-Welle” aus dem aufgeregten Geschnatter einer ausgelassenen Damenschar auf. Na, das konnte ja heiter werden.

(Um es vorweg zu nehmen: Ihr Verhalten war erträglich. Zwar meinten sie nach dem ein oder anderen Lied kreischen zu müssen, aber das eine La-Ola-Welle mit einer handvoll Leuten albern wirken könnte, sahen sie zum Glück noch rechtzeitig ein.)

 

Das Konzert begann und es war wie immer. Kaum hatte Andreas Bieber die ersten Takte gesungen und schon war ich gefangen.

Ich habe ihn schon es öfteren als den in meinen Augen komplettesten Darsteller bezeichnet und das bewies er an diesem Abend wieder auf das Allerfeinste. Er ist Sänger, Tänzer, (melancholischer) Clown und der perfekte Entertainer sowieso. Und ob es jetzt sein natürlicher Charme oder seine charmante Natürlichkeit ist, die mich immer wieder aufs Neue umhauen, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

 

Ob bei den zahlreichen Weihnachtsliedern (mein Favorit ‘Silver Bells’ - soooooo schön kitschig!), mit seinen großen Musicalerfolgen, aber auch mit “Nicht- Mainstreamingen” wusste er zu überzeugen. Beinahe zum Weinen schön war wieder seine Version von ‘Oh mein Papa’ aus der Operette Feuerwerk.

 

Ganz klar, dass hier in Essen und quasi nur einen Steinwurf vom Colosseum entfernt, die Sprache schnell auf dieses wunderschöne Theater kam. Und es ist immer wieder schön zu hören, dass fast alle Künstler, die je auf der Bühne des Colosseums gestanden haben, gerne und auch immer mit etwas Wehmut an diese Zeit zurückdenken. So auch heute und Andreas’ Worten “das schönste Theater überhaupt, da kann die Stage noch so viele moderne Häuser haben” ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen. (Und an dieser Stelle drängt sich mir ein Vergleich auf: Auch bei Darstellern ist eine schöne Fassade nicht alles...)

 

Als Verbeugung an seine erfolgreiche Essener Zeit als Joseph hatte Andreas Bieber auch eine ganz besonders liebenswerte Überraschung geplant. Zu gerne hätte er seinen damaligen Nachfolger Uli Scherbel bei seinem Konzert sozusagen als Very Very Special Guest präsentiert, aber die Personalsituation im Metronom Theater ließ das leider nicht zu. Uli Scherbel musste an diesem Abend in Oberhausen auf der Bühne stehen und trotz des kurzen Weges wäre es für einen Abstecher Richtung Essen nach Vorstellungsende zu spät gewesen. Schade, denn das hätte ein Hallo gegeben, wenn da auf einmal zwei Josephs ihre bunten Mäntelchen geschwungen hätten. Aber zum Glück ließ sich Andreas nicht die gute Laune verderben und verkündete fröhlich, dass er natürlich auch alleine etwas aus “Jupp” singen werde und das tat er dann mit einem wie immer hinreissenden ‘Wie vom Traum verführt’.

 

À propos Uli Scherbel: Es scheint sein Los zu sein, immer wieder Rollen zu spielen, die auch schon Andreas Bieber mit Leben gefüllt hat. Sei es nun als Joseph oder als Fred Hoffmann in ‘Ich war noch niemals in New York’. Ich finde ihn wirklich sympathisch und er ist auch ein toller Darsteller, aber an Andreas reicht er (in meinen Augen und Ohren) einfach nicht heran. Da fehlen immer so ein paar Nuancen und deshalb schoss mir bei Andreas’ ‘Alles, was gut tut’ auch ganz kurz der fromme Wunsch durch den Kopf “Tausche Uli gegen Andy”. Aber das nur so nebenbei.

 

Rudolf (nicht der Habsburger, sondern der mit der roten Nase) wurde ebenso besungen, wie die berühmt-berüchtigte Winterzeit in Wien. Da liefen wohl auch dem größten Winter- und Weihnachtsmuffel die Lachtränen übers Gesicht. Schon die Vorgeschichte war der Brüller, denn im letzten Jahr hatte es sich Andreas Bieber nicht nehmen lassen, als Piefke dieses Lied in Wien darzubringen. Und das auch noch gemeinsam mit einem Ami, der ihn auf der Gitarre begleitete. “Heute ist Drew Sarich ja nicht hier...” (schade aber auch!) “...aber ich habe Jemanden gefunden, der mich unterstützt.” Merkliches Aufrichten bei allen Jan Ammann Fans. Jetzt musste er doch kommen. Und das er Gitarrespielen kann, hatte er doch bei seinem Konzert bewiesen. Leider erschien aber der Pianist des Abends und bewies, dass er nicht nur in die Tasten hauen konnte, sondern sich auch auf Saiteninstrumente verstand.

Mit betont dummen Gesichtern standen die beiden jetzt da und zelebrierten die Wiener Winterzeit. Köstlich!

 

Verstärkung bekam Andreas im ersten Teil des Abends von der sympathischen Ulrike Frank, einer Kollegin aus seligen Jimmy Dean-Tagen in Essen, die wohl mittlerweile fester Bestandteil von “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” ist .

 

Klar, dass die Beiden etwas aus diesem Stück sangen und wenn man Ulrike Frank auch ihre Nervosität und die mittlerweile vielleicht etwas fehlende gesangliche Routine deutlich anmerkte, hörte sich das Ganze doch sehr ansprechend an.

 

Bei ihrem Solo (Asche auf mein Haupt, aber ich weiß den Titel nicht mehr) wurde sie von ihrem Mann Marc Schubring, seines Zeichens Komponist, am Klavier begleitet.

 

Ja, sie war tatsächlich die Einzige, die mit Andreas Bieber in der ersten Hälfte des Konzerts auf der Bühne stand. Mein Gott, was müssen die Janatiker gelitten haben. Besonders witzig fand ich die Stelle, als Andreas Bieber mit ‘Perhaps Love’ einen Song ankündigte, der ihm schon bei diversen Auditions Glück gebracht hatte.

In diesem Zusammenhang erwähnte er auch die Duett-Version von Placido Domingo und John Denver und erweckte so die Fans des Jan A. zum Leben. Denn wer, wenn nicht ihr Liebling, konnte den Part des Placido Domingos singen?

Dummerweise machte ihnen Andreas Bieber einen Strich durch die Rechnung und sang das Stück allein.

 

Und ehe man es sich versah, war der erste Teil dieses unterhaltsamen Abends auch schon wieder um.

 

Im zweiten Teil ging es genauso munter weiter und irgendwann kam Andreas Bieber auf die mittlerweile auch schon wieder fast zehn Jahre zurückliegenden ‘You walk with me’-Konzerte zu sprechen. Große Klasse, dass er hierbei auch seinen langjährigen Partner und kongenialen Bühnenkollegen Paul Kribbe erwähnte. Die Beiden werden für mich immer ein Dreamteam bleiben, genauso wie ich mich gerne an ihre Konzerte erinnere und die gleichnamige CD höre.

 

Neben der deutschen Fassung von ‘Wicked Little Town’ aus Hedwig And The Angry Inch, gab es noch ein mit voller Power gesungenes ‘I am’ und das wunderschön melodische ‘River in the Rain’. Einen Moment hatte ich vergessen, dass es sich bei diesem Stück um ein Duett handelt und bevor ich endgültig in alte Zeiten abdriftete, holte mich relativ unschönes Gekreische ziemlich unsanft in die Wirklichkeit zurück. Jan Ammann war erschienen und sang den Part von Paul Kribbe. Nicht schlecht, aber auch nicht annähernd so gut wie es sich bei Paul angehört hat und in Sachen Ausstrahlung braucht man erst gar nicht anfangen, die Beiden zu vergleichen.

 

Beim anschließenden Plausch auf dem Sofa wurde dann sehr ausgiebig über die vergangene Lampenfieber-Tournee und die daraus entstandene CD gesprochen, die geheimnisvoll eingepackt auf dem Tisch lag. Äußerst amüsant war in diesem Zusammenhang die etwas zerstreute Frage von Andreas, welchen Titel denn die CD habe. “Na, Lampenfieber natürlich!” “Ach so, ist ja eigentlich klar.” Wenn an diesem Abend auch niemand die Silberscheibe zu Gesicht bekam, stellte sich doch irgendwie ein Ehrfurchtsgefühl ein. Schließlich weiß man als versierter "Wetten, dass..?"-Seher doch genau, dass nur die ganz Großen auf einem Sofa sitzen um Werbung für ihre CD zu machen.

 

Beinahe fing ich jetzt schon an, unruhig zu werden, denn Herr Ammann hatte noch gar nicht den Horst Schlämmer gemacht und auch noch nicht seinen Sohn erwähnt. Aber dann kam die geballte Ladung.

 

“Hätte isch fast vergessen” lautete die Antwort im Schlämmer-Slang, als Andreas Bieber ihn wiederholt dazu aufforderte, doch mal die Flasche Wein zu öffnen, die da so einladend vor ihnen auf dem Tisch stand. Und die Auswahl seines Solostückes ‘Dieses schrecklich schöne Leben’ (natürlich auch auf der CD zu hören) begründete er damit, dass es sich dabei um das Lieblings-Einschlaflied für seinen Sohn handelte. Das wollte die Welt doch immer schon wissen!

 

Das war es dann aber auch glücklicherweise mit dem Ammann-Anteil an diesem Abend. Nur ganz am Ende wurden wir von ihm, Ulrike Frank und natürlich Andreas Bieber mit einem wunderschönen, dreistimmigen ‘Stille Nacht’ in die selbige entlassen.

 

Vorher unterhielt Andreas sein Publikum aber noch auf das Allerschönste und zauberte spätestens mit seinem unvergleichlichen ‘Ich wollte nie erwachsen sein’ auch dem Letzten im Saal ein Lächeln ins Gesicht.

 

Dieses Konzert war wieder Balsam für die Seele und hat einmal mehr bestätigt:

Er war nie wirklich weg, hat sich nur versteckt!