Andreas Bieber: So kann das Leben sein, 20.02.2015, 19.30 Uhr - Hansa Theater Dortmund

“Damen, Herren, aufgemerkt, denn hier kommt ein Gesamtkunstwerk...”

Eigentlich ist es ja anmaßend, über etwas zu schreiben, was eigentlich unbeschreiblich ist. Deshalb habe ich auch länger überlegt, ob ich es tun soll, aber dieses Konzert ist doch so nachhaltig in meinen Gedanken, dass die jetzt einfach mal raus müssen. So!

Mit Sicherheit habe ich nicht mehr alle Titel und auch nicht den genauen Ablauf des Abends auf die Reihe gekriegt, aber ich habe mich bemüht, meine Erinnerungen einigermaßen strukturiert wiederzugeben.

Ich fange mal mit der Location an: Das Hansa Theater in Dortmund ist dem Ebertbad (beinahe) ebenbürtig. Meine Schwester und ich waren zum ersten Mal dort und haben uns sofort wohl gefühlt.

Das Theater ist heimelig, ein bisschen schräg, mit einer überdimensionalen Oscar-Statue in der Ecke, schweren Samtvorhängen mit Sternendruck und kleinen Bar-Bereichen.
Plüschig und kuschelig trifft es ziemlich gut, wobei der Kuschelfaktor an diesem Abend noch einmal erhöht wurde. Durch einen Fehler im Buchungssystem waren Karten für eine Reihe doppelt verkauft worden und so musste improvisiert werden. Zusätzlich herbeigeschaffte Stühle sorgten dafür, dass auch wirklich alle einen Platz hatten.  

Sehr interessant war die Zusammensetzung des Publikums, denn auffallend viele ältere Leute bevölkerten den Saal. Mit Sicherheit hatten viele von ihnen Andreas Bieber schon als Joseph bewundert und sind in den vergangenen gut zwanzig Jahren mit ihm reifer (und nur ein ganz kleines bisschen älter) geworden. Auf jeden Fall konnte man davon ausgehen, dass die meisten dieser Leute aus eigener Erfahrung, positiv wie negativ, wussten, wie das Leben sein kann.
Die Atmosphäre war angenehm und größere Kreisch- und Hysterieattacken blieben dankenswerterweise aus. Nur ein paar Permanent- (oder sollte ich besser sagen Penetrant-)Lacher, die nun wirklich alles witzig fanden, was so auf der Bühne passierte (und sei es der Wechsel vom Handmikrofon zum Headset), nervten ein wenig. Aber diese Menschen, die um jeden Preis auch mal Aufmerksamkeit haben möchten, gibt es wohl immer und überall.

Mit 'Alles was gut tut' stürmte ein gelöst und entspannt wirkender Andreas Bieber auf die Bühne. Passend zu dem Stück aus “Ich war noch niemals in New York” schon mit schicker "Fredi-Bär-Frisur", den er ja demnächst wieder in Berlin verkörpern wird.

Anschließend erzählte Andreas von seinen Schauspiel-Anfängen im Mainzer Unterhaus und präsentierte mehrere "Ausstellungsstücke", die vor der Bühne placiert waren. Zu sehen gab es ein Theaterplakat, den ersten Fan-Brief und den ersten Arbeitsvertrag. Dieser verpflichtete ihn zwar bindend, eine Leistung abzuliefern, garantierte allerdings im Umkehrschluss auch ein regelmäßiges Einkommen. Was ja nicht das Schlechteste war, auch wenn es sich nur um ganze 50,00 DM (DM=Deutsche Mark; die Älteren werden sich erinnern) handelte. Für den jungen Mann war das eine Menge Geld.
Dort kam er auch dem Genre Musical zum ersten Mal näher, als er eines Tages eine junge Frau sah und hörte, die einen Musicalsong einstudierte. Bei der jungen Frau handelte es sich um niemand anderen als Pia Douwes und sie und ihre Kunst beeindruckten Andreas dermaßen, dass für ihn feststand: Planänderung!
Statt einer reinen Schauspielkarriere sollte es jetzt eine Musicalkarriere werden und wo ließe sich dieser Plan besser verwirklichen als in Wien?

Auch wenn er ihn vermutlich nur ungern ziehen ließ, chauffierte Vater Bieber seinen Sohn nach Wien. Und als ob das alles noch nicht schlimm genug gewesen wäre, erwies sich die erste Wohnung seines Sohnes als ziemliche Katastrophe. Papas Gesicht drückte in dem Moment wohl ein "Oh Gott, was ist das?" aus und der junge Andreas hätte in diesem Moment am liebsten das ganze Musical-Ausbildung-in-Wien-Abenteuer abgebrochen.

Hat er aber nicht und deshalb gab es nun einen Querschnitt aus Wiener Produktionen, in denen Andreas Bieber mitwirkte: ‘Ich wär so gern wie Fred Astair’ (Barbarella), ‘Ich wär so gern ein Producer’ (The Producers) und natürlich aus Elisabeth ‘Wenn ich dein Spiegel wär’.

 

Als echtes “Zuckerl” (um mal im Wiener Slang zu bleiben) entpuppte sich der von Andreas Bieber selbstgeschriebene Song ‘Die Zeit dazwischen’.  Zeilen wie “Das Leben lebt sich zwischen den Momenten...” und “Ein Hoch auf all die Kurven und die Loopings meiner Achterbahn, die mir die Zeit dazwischen gebracht hat...” gingen direkt vom Ohr ins Herz und sind daraus auch nicht mehr zu vertreiben.

Bei dem Streifzug durch 30 Jahre auf der Bühne gab es natürlich etwas aus den bisherigen Konzerten zu hören. Unter anderem 'The journey home' (You walk with me), 'Je Lui Dirai', 'Katie' und 'Sie' (No Frontiers) und 'Sexgeräusche' (Auf dem Rummelplatz der Liebe). Bei Letzterem waren die Mimik von Andreas Bieber und seine Interaktion mit Marian Lux schlichtweg der Hammer.

Ergänzt wurde das bunte Potpourri noch um 'Beide Dase däuft', wobei Andreas Bieber glaubhaft die Nöte eines schwerst erkälteten Menschen darstellte und um die 'Winterzeit in Wien' (immer wieder genial).

Um auch genau zu dokumentieren, wie kalt der Wiener Winter sein kann, nahmen Andreas und sein Pianist einen "Kostümwechsel" vor, wickelten sich in dicke Schals und stülpten sich formschöne Mützen über. Während Andreas mit seiner Kopfbedeckung fatal dem Dorftrottel aus Tanz der Vampire glich, verwandelte sich Marian Lux mit seiner Bommelmütze schlagartig in Tom Gerhardt.

Die Beiden agierten den gesamten Abend großartig miteinander und an dieser Stelle muss Marian Lux noch einmal extra erwähnt werden.
Nicht nur, dass er mit einem guten Humor gesegnet zu sein scheint, folgte er mit sichtbarem Interesse Andreas' Ausführungen, wenn er ihn nicht gerade musikalisch begleitete. Sehr sympathisch. 
Und eine Menge drauf hat er ebenfalls, wenn man so hörte, welche musikalischen Projekte er bereits gestemmt hat bzw. noch stemmen wird. So komponierte er z. B. ein eigenes Musical (“Lotte”, basierend auf Goethes “Die Leiden des jungen Werthers”), ihm unterliegt die musikalische Leitung bei der Goldenen Kamera und nebenbei stammen die Kompositionen für eine 13teilige Fernsehserie in der ARD von ihm. Oh Mann, es gibt schon geniale Köpfe...
An diesem Abend begleitete  er Andreas gekonnt durch das Programm. Schwerpunktmäßig und mit vollem Körpereinsatz als Pianist, aber auch mit der Gitarre oder als Background-Sänger.

Manche Lieder lassen direkt einen Zauber entstehen. So ging dann auch ein beinahe schon glückseliges Raunen durch das Theater, als die ersten Takte von ‘Ich wollte nie erwachsen sein’ erklangen und irgendwie schienen alle Anwesenden in eine andere Welt zu versinken.

Irgendwann kam dann  der Punkt des Abends, an dem ich bei solchen Konzerten immer Schwierigkeiten habe aus vollem Herzen zuzustimmen. Nämlich dann, wenn der/die männliche(n) Protagonist(en) feststellen "Irgendwie fehlt hier etwas Weibliches auf der Bühne." 
Der Meinung bin ich nämlich ganz und gar nicht. Das richtet sich in den meisten Fällen gar nicht gegen die jeweilige Künstlerin, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass mir ein reiner Herrenabend immer recht gut gefällt.

 Jedenfalls erschien mit Maya Hakvoort eine richtige Musical-Lady, die einmal mehr mit einer   angenehmen Stimme und einem sympathischen Auftreten überzeugte. Sie hatte jeweils im ersten und   im zweiten Teil einen Soloauftritt (Schande über mich, aber ich weiß die Titel nicht mehr) und jeweils   ein Duett mit ihrem Gastgeber (‘Corrida’ aus Jimmy Dean - kannte ich nicht, gefiel mir aber sehr gut)   und 'Das ehrenwerte Haus' (Ich war noch niemals in New York). Aus dem unerwünschten Paar wurde   kurzerhand eine Musical-WG und auch wenn Frau Hakvoort etwas mit ihren Einsätzen zu kämpfen   hatte, hätte die Stimmung auf und vor der Bühne nicht besser sein können.

 Der zweite Teil des Abends begann mit den unverwechselbaren Klängen des Prologs aus Joseph.   Wieder erfüllte so ein besonderer Zauber den Raum und ich wette, nicht nur ich sass schlagartig   wieder im Colosseum Theater und sah fasziniert zu, wie Jupp sein buntes Mäntelchen schwang.
 Es folgte 'Wie vom Traum verführt' und in Ermangelung eines Kinderchores übernahm das Publikum    gerne und mit Begeisterung diesen Part. Ob jung oder alt - jeder trug in diesem Moment ein   imaginäres buntes T-Shirt, hockte auf dem Boden und intonierte mit Inbrunst "Shalala" zwischen den   jeweiligen Textzeilen. Abgeschlossen wurde der kleine Joseph-Block mit ‘Schließt jede Tür vor mir’ -   wie immer ein besonderes Sahnestück.

In den späten 1990-ern gab es von Andreas Bieber auch mal einen Ausflug in die Popwelt. Aus dieser Epoche gab es drei Songs zu hören, von denen ich mich ehrlich gesagt nur noch an 'Clockwork of Happiness' erinnern konnte (obwohl die ‘Stand together’-CD bei mir im Regal steht).

Wiederum sehr bewegende Momente brachten die Interpretationen von ‘Fremder in der Welt’, das von dem Gefühl erzählt, nicht wirklich dahin zu gehören, wo man gerade ist und eine deutsche Version von ‘Dreamer’.

Dass es gar nicht so einfach ist, nicht der Größte bzw. der Längste zu sein, wurde jedem klar, der dem herzzerreißend vorgetragenen ‘Ich kann doch nichts dafür dass ich so klein bin’ lauschte.
Wer möchte auch schon von Jedem im Bus auf den Schoss genommen oder von seiner Angebeteten in die Höhe gehoben werden “weil sie sonst von mir oben nichts hat”?!

Sein ganzes (komödiantisches) Können zeigte Andreas Bieber beim ‘Opernbesuch’. In dem Chanson von Hugo Wiener geht es darum, dass ein geplagter Ehemann, der seine Frau nur äußerst widerwillig in die Oper begleitet hat, von ihr während der Ouvertüre zu Rossinis “Der Barbier von Sevilla“ zur Schnecke gemacht wird. Das keifende Eheweib wurde von Andreas so glaubhaft dargestellt, dass man den nicht vorhandenen Ehemann geradezu in seinem Sitz versinken sah.
Ganz großes Kino!

Abgeschlossen wurde das Konzert, begleitet von einem Knicklichtermeer, mit dem namensgebenden Helene Fischer-Song ‘So kann das Leben sein’. Hach, wat schön!

Als Zugabe gab es noch einmal ‘Die Zeit dazwischen’ und dann war dieser wunderbare Abend tatsächlich zu Ende.

Das war jetzt das achte Solo-Konzert (wenn man mal die beiden “You walk with me” -Konzerte mit Paul Kribbe dazuzählt, was ich einfach mal mache) dieses vielseitigen Künstlers. Nach den "Fast-Solo-Konzerten" 2003 und 2004, folgten 2007 die beiden “No Frontiers”-Konzerte und 2009 "Auf dem Rummelplatz der Liebe". Jeweils im Dezember des Jahres 2010 und 2012 erfreute das weihnachtlich angehauchte "Alle Jahre Bieber...".

Wenn man überlegt, dass andere “Musicalstars” schon beinahe inflationär Solokonzerte veranstalten, ist das doch eine vergleichsweise kleine Anzahl. Ein Konzert pro Jahr (natürlich im Pott!) dürfte es schon sein. Aber vielleicht bewegt sich ein bekennender “Jobhopper” damit schon am Rande der Eintönigkeit...
Schade eigentlich, aber der positive Nebeneffekt ist natürlich, dass man Andreas Bieber-Konzerten immer doppelt und dreifach entgegenfiebert.
Ich jedenfalls freue mich darauf, diesen (und ich wiederhole mich da gerne) für mich komplettesten Musicaldarsteller, der mit Können und Charme besticht, der Publikumsnah ist, ohne sich anzubiedern und der es immer wieder schafft, zu begeistern und zu verzaubern, auf seinem weiteren künstlerischen Weg zu begleiten.

Auf das es noch viele solcher Abende wie diesen geben wird. Und ich bin mir sicher, mein Fazit wird immer dasselbe sein: Boah, war dat wieder ein Gesamtkunstwerk!