Backstage XXL - Drew Sarich, 26.09.2011, 19.30 Uhr - Lukas -alter Bahnhof Essen-Kupferdreh

 

“...denn mir gehört das Bier”

 

Einen Bericht schreiben von einem Konzert bei dem man keinen Titel kannte?

So geschehen nämlich auf dem Backstage XXL Konzert mit Drew Sarich. Allerdings ließ auch schon die Ankündigung des Künstlers “just me and my guitar” (wobei das “just” getrost gestrichen werden konnte) nicht unbedingt auf einen Abend mit opulenten Musicalmelodien schließen. Und von einem “vertanen Abend” zu sprechen, wie es tatsächlich jemand in einem dieser zahlreichen “Insider”-Foren getan hat, verbietet sich eigentlich von selbst.

 

Deswegen bin ich auch froh, dass es meine (beinahe) erste Handlung nach meinem Wien-Trip im April war, mir eine Karte für diesen Abend zu sichern. Das Lukas kannte ich bis dato noch nicht und ich muss sagen: Es ist eine schräge Location. Nicht so heimelig wie das Ebertbad, da ringsherum reger Kneipenbetrieb herrscht, von dem man auch während des Konzerts immer mal etwas mitbekam. Aber irgendwie passte das auch, denn wann kommt es schon mal vor, dass der Künstler des Abends mit einem Bier in der Hand die Bühne betritt?

 

Ein weiteres Novum war der Anblick eines scheinbar völlig relaxten Drew Sarich’, der mir auf dem Parkplatz entgegen geschlendert kam um kurz vor Konzertbeginn noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen.

 

Sehr unkonventionell wurde auch der größte Teil des Getränkeausschanks gehandhabt (den man gleich beim Kartenkauf mitbestellte: entweder die alkoholische oder die antialkoholische Variante), denn Riesensektkühler gefüllt mit unzähligen Flaschen verschiedensten Inhalts standen auf der Theke. Selbstbedienung war also angesagt.

 

Eigeninitiative musste man auch beim Finden seines Platzes zeigen, denn die Reihen waren etwas wirr und die einzelnen Stühle gar nicht gekennzeichnet. So gab es also eine Reihe A und B und dann wieder eine Reihe D. Reihe C war einfach mal weggelassen worden und es versteht sich eigentlich von alleine, dass auf meiner Karte genau dieser Buchstabe stand...

 

Also fragte ich eine Frau, die in der dritten Reihe (also die logische Reihe C) sass, was denn so auf ihrer Karte stehen würde. “D” antwortete sie mir freudestrahlend und durchaus hilfsbereit. (Aha!)

In der zweiten Reihe (eigentlich B) hatten sich auch schon ein paar Menschen niedergelassen und da man ja nicht genug mit seinen Mitmenschen kommunizieren kann, fragte ich auch hier nochmal nach und erhielt die für mich durchaus erfreuliche Antwort “Auf unseren Karten steht Reihe C.” (Na bitte!)

“Und welche Sitznummer haben Sie?” fragte ich jetzt schon eine Spur zuversichtlicher. Nachdem mir der freundliche Mann diese auch noch mitteilte ging der Rest eigentlich ganz von selbst, denn ich brauchte ja nur noch die freien Plätze von seinem Stuhl aus zu zählen und schon hatte ich mein Plätzchen für den Abend gefunden.

 

Etwas hektisch wurde es noch einmal mit dem Erscheinen von zwei Wiener Ladys (die vermutlich überall auftauchen wo Drew ist und wahrscheinlich felsenfest davon überzeugt sind, dass er sich darüber freut), die sich lautstark über die ungenaue Platzübersicht mokierten. Dabei war die Sache mittlerweile doch glasklar, denn es waren noch genau zwei Plätze (leider neben mir) frei, es begehrte niemand mehr Einlass und ob da nun ein A, B oder XYZ auf der Karte stand war jetzt eh egal. Aber irgendwie schienen die beiden Damen der Meinung zu sein, alle Sitzenden noch einmal aufscheuchen zu müssen, um sich dann auch wirklich und wahrhaftig auf “ihren” Plätzen niederlassen zu können.

 

Da hatten sie ihre Rechnung aber ohne die stoischen Ruhris gemacht, denn kaum jemand sah sich bemüßigt, noch einmal wegen dieser beiden Schreckschrauben aufzustehen.

“I kenn mi nimmer oas” nörgelte die Eine in einem leicht nasalen Tonfall, der mir schon bei vielen Wienerinnen aufgefallen ist. (Brauchst Du auch nicht. Setz Dich hin und halt die Klappe.)

Warum ich in diesem Moment an Georg Kreisler und sein Lied ‘Wie schön wäre Wien ohne Wiener' denken mußte, kann ich mir wirklich nicht erklären...

 

“Hey, ich bin Drew Sarich...” begrüßte uns der Star des Abends beinahe ein bisschen schüchtern und es schien fast so, als wollte er all denen, die sich vertan hatten und ihn gar nicht sehen wollten, die Gelegenheit geben, wieder diskret zu verschwinden. Nachdem von diesem unausgesprochenen Angebot allerdings niemand Gebrauch machte, konnte es aber auch schon losgehen. Vorher machte Drew allerdings noch eine bemerkenswerte Entdeckung: “Heute sind ja richtig viele Männer hier... Ey cool, ich bin nicht alleine!” und spielte damit wohl auf die weibliche Übermacht am Vortag an.

 

Dann wurde die Akustikgitarre angestöpselt und zwei, drei Songs folgten aufeinander. Und auch wenn ich nicht mit einem Musicalabend gerechnet hatte, fing ich mich doch ein bisschen an zu verfluchen nicht bewanderter im Rock/Pop-Bereich zu sein. Denn sämtliche Titel waren mir völlig unbekannt. Die Auflösung folgte allerdings auf dem Fuß, als Drew erklärte, dass es sich um seine eigenen Songs handelte. Teilweise hatte er sie für sich und eine Band geschrieben, die sich aber mittlerweile aufgelöst hatte. Also hat er einen großen Teil der Lieder umarrangiert, um sie alleine singen zu können.

 

Zwischen den einzelnen Titeln erzählte er immer etwas aus seinem (Künstler)leben und es war ebenso bemerkenswert wie sympathisch, dass er dabei nicht von seinen großen Erfolgen sprach, sondern von der Zeit (noch in den USA), als es bei ihm gar nicht gut lief. Ohne eigenes Engagement, dafür aber liiert mit einer erfolgreichen(!) Broadway-Darstellerin arbeitete er acht Stunden am Tag als Spielzeugvorführer in einem Spielwarengeschäft und konnte zu der Zeit “kein Spielzeug und schon gar keine Kinder mehr sehen”.

 

Richtig anrührend war die Geschichte von einer üblen Spelunke in den dunklen Gassen New Yorks (Markenzeichen: ein Pappschwein steht vor der Tür). “Wenn man da landet hat man’s geschafft: Ganz unten zu sein.”

Nun, (der vermutlich noch sehr junge) Drew strandete dort des öfteren und hielt sich angesichts der paar Dollar in der Tasche stundenlang an einem Bier fest. Dabei machte es ihn fast wahnsinnig, dass die Typen ringsherum doch tatsächlich genug Geld hatten, um sich auch noch den ein oder anderen Hot Dog zu leisten. Er wollte auch...

Also fragte er den Mann hinter der Theke, was denn ein Hot Dog kosten würde. Der Typ musterte ihn von oben bis unten und hauchte ihm ein “A Smile” entgegen...

 

Drew muss an diesem Abend hinreißend gelächelt haben, denn es sprangen sage und schreibe drei Hot Dogs für ihn heraus und er schien sich heute noch diebisch über diesen Erfolg zu freuen.

 

Dermaßen unterhaltsam verging der erste Teil des Konzerts und genauso sollte es auch weitergehen.

 

“Ich bin in der Pause gefragt worden, ob ich heute nicht auch ein bisschen was Musicalmäßiges spiele” eröffnete Drew den zweiten Teil, “aber...” und dabei spielte er auf seiner Gitarre die ersten Töne von ‘Ich gehör nur mir’, was ein kollektives Aufseufzen verursachte. “Ich will nicht...” singsangte er zu der bekannten Melodie, intonierte noch ein paar weitere Takte und schloss mit verschmitztem Blick “...denn mir gehört das Bier.”

Und obwohl jetzt auch dem letzten klar war, dass dieser Abend tatsächlich Musicalfreie Zone bleiben sollte, wurde diese spontane Einlage mit Riesengelächter- und beifall honoriert.

 

Der zweite Teil bestand größtenteils aus einem weiteren Soloprojekt Drews (“ist fast ein Musical”) mit Namen ‘Ugly Nina’ (hoffentlich habe ich das jetzt richtig geschrieben).

Es handelt von einem Mädchen, dass von seinem Vater regelrecht weggesperrt wird und anfängt, sich nach und nach zu befreien.

Schöne Melodien waren dabei und das Besondere war, dass sie die Gefühle des Mädchens tatsächlich widerspiegelten: Angst, Wut, Fröhlichkeit, Trauer...

 

Mit dem Song ‘Silent Symphonie’ aus seinem gleichnamigen neuem Album verabschiedete sich Drew Sarich sehr sanft und leise von seinen Gästen.

 

Es war ein schönes Konzert. Anders und deshalb so besonders.

 

Ein Konzert von einem Typ, wohltuend unaufgeregt und durchaus mit Ecken und Kanten, der keinen Hehl daraus macht, dass ihn Narben und Warzen mehr faszinieren als eine glatte Oberfläche und der wie zum Beweis (und regelrecht begeistert) eine Narbe auf seiner Hand präsentierte, die seit einer Schlägerei in London einfach zu ihm gehört und ihm immer wieder diese Geschichte erzählt.

 

Ein Typ, groß und sehr schlank, der es sowohl versteht mit einem großen Orchester und hinter einer perfekten Maske ein Bombaststück wie die ‘Unstillbare Gier’ zu zelebrieren, als auch pur und ungeschminkt (und ganz nebenbei: mit sehr schönen Händen) einfach nur mit einer Gitarre dasteht und die Menschen in seinen Bann zieht.

 

Danke Drew für diesen Abend! Es war ein Vergnügen, Dich ein bisschen näher kennengelernt zu haben.

Lukas - alter Bahnhof Essen-Kupferdreh

Lukas - alter Bahnhof Essen-Kupferdreh