Borchert Besinnlich, 03.12.2011, 20.00 Uhr - Ebertbad Oberhausen

 

Süßer der Borchert nie klang...

 

Habe ich es im letzten Jahr nicht prophezeit? Weihnachten kommt immer so plötzlich. Und nicht nur das: Kurz vor dem Fest der Feste gilt es für meine Schwester und mich seit fünf Jahren dem besinnlichen Herrn Borchert und seinem noch besinnlicheren Wahnsinn zu lauschen. Und wenn nicht schon vorher, steht spätestens seit diesem Jahr eins mal fest: Dieser Abend ist Kult und der namensgebende Herr in gewisser Weise auch.

 

Neu war für uns allerdings die Erfahrung, erst kurz vor Beginn des Konzerts vor Ort zu sein. Eine Baustelle (nebst darin stattgefundenem Unfall) hatte dafür gesorgt, dass wir für eine Strecke von normalerweise zwanzig Minuten diesmal neunzig brauchten. Und so wurden wir an unserem fünfjährigen Jubiläum darum gebracht, von knackigen Nikoläusen mit Weihnachtsgebäck und ähnlichem Schweinkram verwöhnt zu werden. Für alle Nicht-in-die-Borchert Besinnlich-Rituale-Eingeweihten: Bei den Nikoläusen handelt es sich um durchaus gut gebaute, Klappkaribik-gebräunte junge Männer, die, sagen wir mal, knapp bekleidet (aber immerhin mit Nikolausmütze auf dem Kopf) mit gut gefüllten Weihnachtstellern durch die Reihen gehen, damit dem Publikum die Wartezeit verkürzen und so ganz nebenbei auch noch so manches Frauenauge zum Leuchten bringen. Ob sie in späteren Jahren einmal mit der Begründung “Ich war jung und brauchte das Geld” an diese Aktion zurückdenken, sei hier mal dahingestellt.

 

Aber gut, schließlich waren wir ja auch nicht wegen der halbnackten Männer hier, sondern wegen Thomas Borchert, der auch sehr bald (und sehr angezogen) auf die Bühne stürmte.

 

‘Alle Jahre wieder’, ‘Lasst uns froh und munter sein’, ‘Leise rieselt der Schnee’ und ‘O Tannenbaum’ (“wie grün sind Deine Blätter” - Pause - “welcher Idiot hat eigentlich diesen Text geschrieben?”), ‘Kling, Glöckchen’ und ‘Süßer die Glocken nie klingen’ (mit tatkräftiger Unterstützung des Publikums, dass mit großer Begeisterung und unter Anleitung des Meisters die ausgelegten Nikolausmützen schüttelte und damit die angenähten Glöckchen zum Bimmeln brachte), ‘O du fröhliche’ und und und ...

 

All diese bekannten, alten Weihnachtslieder, von denen man sich zum Teil vielleicht etwas entfernt hat und die trotzdem noch so vertraut sind, dass man beinahe jedes Wort (wenn auch nur gedanklich) mitsingen kann. Und so hörte man auch diesmal wieder ringsherum fröhliches Gebrummel oder entzücktes Gepiepse, wenn sich jemand nicht darauf beschränkte nur im Kopf mit zu singen, sondern seine Gedanken auch artikulierte. Wobei bei vielen Liedern allerdings auch ausdrücklich zum Mitsingen aufgefordert wurde. Ein Lied darf ich natürlich nicht vergessen und das ist ‘Still, still, still, (weil's Kindlein schlafen will)’ - das Borchertsche Lieblings-Weihnachtslied. Und wenn die anderen Lieder in ihrem Verlauf auch schon mal eine Stiländerung Richtung Jazz/Rock erfahren und in völlig neuen Variationen daherkommen, lässt Thomas Borchert hier alles beim alten und singt es so wie das Lied eben ist: Still, still, still...

 

Ganz versonnen erzählte er auch, wie er als kleiner Junge nachts nicht schlafen konnte, wenn für die Nacht Schneefall angekündigt worden war. Da stand er doch lieber am Fenster und sah erwartungsvoll in den Himmel hinauf, um ja nicht die erste Schneeflocke zu verpassen. Und wenn es dann tatsächlich schneite, blieb er am Fenster stehen, aus Angst, es würde aufhören, wenn er wegging... (Sich den kleinen Thomas im Schlafanzug am Fenster stehend vorzustellen, blieb jetzt jedem selbst überlassen.)

 

Neben solch kleinen Anekdoten und dem (mittlerweile auch schon obligatorischen) tief fliegenden Spekulatius, gab es natürlich auch wieder zwei Weihnachtsgeschichten, die Herr Borchert bequem auf einem Sofa sitzend vorlas. Die etwas besinnlichere war die Geschichte “Von denen, die auszogen, weil sie das Fürchten gelernt hatten“, die es auch schon im letzten Jahr gegeben hatte und momentan aufgrund der Ereignisse leider wieder aktueller denn je war. Zum Amüsieren gab es dann noch “Der Laden zur letzten Hoffnung” und ich denke, fast jeder der Anwesenden fand sich zumindest ansatzweise in dieser Geschichte wieder.

 

Handelt sie doch von dem guten Vorsatz eines Mannes, Weihnachtsgeschenke nicht erst kurz vor dem Fest zu kaufen wie bisher, sondern übers Jahr verteilt zu erwerben: Hier was mitnehmen, dort was bestellen. Und dabei sehr locker sein. Die Tage, Wochen und Monate gehen ins Land, aber er ist fest davon überzeugt: “Weihnachten habe ich im Griff.” Erst der Anruf seiner Mutter kurz nach den Sommerferien macht ihn etwas unruhig. Fragt sie doch, was er sich wünsche, denn sie plane alles gerne...

Was er sich wünsche? Das Weihnachten nicht kommt. Oder zumindest nicht so bald.

Es sind nur noch drei Monate, aber die ins Haus flatternden Hochglanzkataloge machen ihm wieder Mut: Da wird man in der Not was kriegen.

Und dann ist tatsächlich der Dezember da. Ganz nebenbei fragt er seine Frau, was sie sich denn so wünsche. Vielleicht sagt sie ja was, so wie im September, als sie so nebenbei mal was erwähnte. Leider hat er vergessen was es war...

Und leider reagiert sie jetzt auch ziemlich schnippisch auf seine Frage. Ob ihm nichts einfalle? fragt sie.

Natüüüüüüüürlich, sagt er aber vielleicht gibt es ja noch einen klitzekleinen Wunsch, so zusätzlich zu dem, was er bereits hat? Nein, hat sie nicht mehr. Sie freue sich auf die Überraschung.

Jetzt wird der Druck aber groß...

 

Noch drei Tage. Er hat nichts. Und muss noch so viel erledigen...

Noch zwei Tage. Er muss ein Schmuckgeschäft finden.

Letztes Jahr hat er ihr einen Ring geschenkt, vorletztes eine Kette. Diesmal einen Armreif? Aber Armreife sind schwierig, weil: es gibt keine guten Armreife. Die meisten sind mächtig und protzig und nicht fein und zart, wie es der Persönlichkeit seiner Frau entspräche.

Noch einen Tag. Vor einem halben Jahr hat er einen tollen Reif gesehen. Hat da aber nicht an Weihnachten gedacht.

 

Noch zwei Stunden!

Er kann doch nicht ohne was kommen. Kann ihr weder einen Gutschein geben, noch behaupten, das Geschenk sei gestohlen worden.

In der Maximilianstraße hat er mal was Schönes für sie gekauft. Arschteuer zwar, aber egal jetzt.

Hoffentlich hat der Laden noch offen.

Schwitzend stürzt er in das Geschäft. Der Laden zur letzten Hoffnung.

“Geben Sie mir einen Armreif, Mann!” (Hier geht's um die Existenz.)

Er wird sagen, dass der Reif zu ihr passt, obwohl er genau weiß, dass er nicht zu ihr passt. Er weiß, dass sie das auch sagen wird. Er wird sagen, dass er das anders sieht.

Kann man umtauschen? Kann man. Wird man!

Aber erst einmal schenken. Das ist jetzt das Wichtigste. Und nächstes Jahr wird er die Geschenke übers Jahr verteilt kaufen. Hier was mitnehmen, dort was bestellen. Sehr locker sein.

Nächstes Jahr.

 

Die Tatsache, dass er diese Geschichte mit einer Nikolausmütze auf dem Kopf und einer weiteren auf dem Fuß vorlas, bestätigte den Eindruck, den man schon die ganze Zeit hatte: Hier hatte jemand richtig Bock auf diesen Abend. Richtig Bock darauf, zu improvisieren, ausgelassen zu sein und immer mal wieder etwas Neues zu probieren. Vielleicht war es auch genau das richtige Kontrastprogramm zu seinem momentanen Probenalltag für Rebecca (“die von der Stage waren schon ganz unruhig, dass ich wegen Borchert Besinnlich ein paar Proben verpasse und haben vorhin schon wieder angerufen, wann ich denn morgen zurückkomme”), der mit Sicherheit wenig Raum für Spontanität bietet, da ein Regisseur mit Argusaugen über jede Geste, jedes Wort und jeden Schritt wacht.

Aber Stuttgart war weit, jetzt und hier gab es nur einen Regisseur. Der hieß Thomas Borchert und schien diese Tatsache noch mehr als sonst zu genießen.

 

Neben den ganzen Weihnachtsliedern gab es mit ‘Das größte Geschenk’ ein Lied, dass er als junger Vater vor fünfzehn Jahren zur Geburt seines Sohnes geschrieben hat.

 

Fehlen durften natürlich auch wieder nicht einige Musicaltitel aus dem breiten Repertoire dieses hervorragenden Künstlers.

Das dieses Mal etwas aus Rebecca dabei war, verstand sich ja wohl von selbst. ‘Zauberhaft natürlich’ findet Maxim de Winter seine junge Frau und bringt es mit diesem Lied zum Ausdruck.

Diese kleine Kostprobe hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht...

 

‘Gigi’ aus dem gleichnamigen Stück erfuhr diesmal eine extra lange Einleitung. Elegant wollte Thomas Borchert aus der Tatsache, dass er bei schlechtem Wetter gerne mal alte Musicalfilme sieht, zu diesem Stück überleiten, aber da gab es ja noch die brennende Frage, wie der Ruhrpott-Mensch so richtig schlechtes Regenwetter nennt. “Scheiße” ertönte es aus den hinteren Reihen, was erst einmal für große Erheiterung sorgte. Allerdings wurde der einsame Rufer sehr schnell überstimmt, denn ein beinahe einstimmiges “usselich” erfüllte den Raum, begleitet von irritierten Blicken derer, die nicht aus der Region stammten.

Auch Thomas Borchert schien sein Gehör etwas im Stich zu lassen, denn er wiederholte “Ach, gruselig sagen Sie hier?” “Neeeeeiiiinnn, nicht gruselig. Usselich!” “Häh?” Und so ging es fröhlich hin und her, bis der Herr im Haus darum bat, dass ihm doch bitte nur einer das Wort zurufen sollte. “Usselich!” fasste sich jemand ein Herz. “Ach, jetzt hab ich verstanden: Uselig!”

Na, Deutsch-Ruhrpott/Ruhrpott-Deutsch lernen wir aber bis zum nächsten Mal noch...

Jetzt waren aber erst einmal alle froh, dass er wenigstens annähernd auf der richtigen Spur war und konnten entspannt einem wunderbaren ‘Gigi’ lauschen, was sich auch immer mehr und mehr zu einem Paradestück im Programm entwickelt.

Künstlerisch besonders aufgewertet wurde das Stück diesmal dadurch, dass sich ein großer schlaksiger Mann eine goldene Weihnachtsgirlande umhängte und mit dieser, teils neckisch, teils lasziv, im Publikum herum wedelte.

 

Was haben Maultaschen mit dem Phantom der Oper zu tun? Eigentlich nichts, denkt der normal Musicalbewanderte Mensch und hat damit ja auch eigentlich recht. Eigentlich, denn wenn Herr Borchert ins Plaudern gerät, gibt es ja bekanntermaßen kein Halten mehr. Und so wurde der interessierte Zuhörer erst einmal ausgiebigst in die schwäbischen Gewohnheiten der Kehrwoche eingeweiht (“in Stuttgart gibt es kein besinnliches Weihnachten, sondern ein hygienisches”) und mit der heimischen Küche (“Maultaschen - Lecker!”) vertraut gemacht, während Marina Komissartchik (wie immer grandios) am Klavier geduldig darauf wartete ‘Die Musik der Nacht’ anzustimmen. Irgendwann merkte Thomas B. dann auch, dass er sich irgendwie verzettelt hatte und suchte scheinbar verzweifelt nach dem Bogen, den er jetzt von den Maultaschen zum Phantom schlagen konnte.

“Es ist ja so: Wenn man immer Maultaschen isst, verändert das die Form eines Menschen total.” Kunstvolle Pause. “So ging es auch einem Mann der in Stuttgart lebte und sich ständig von Maultaschen ernährte. Das veränderte sein Äußeres so sehr, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als nach Paris zu fliehen um sich dort im Untergrund zu verstecken.”

Ganz ehrlich: Man muss schon ein bisschen (positiv) bekloppt sein, um auf so was zu kommen, oder?

 

Und das faszinierendste ist immer, wie schnell Thomas Borchert von absolutem Blödsinn zu ernsthaftem Gesang umswitchen kann. Und seine ‘Musik der Nacht’ hat mich diesmal wirklich begeistert. Gerade diesen Titel, den ich von ihm immer als etwas hart gesungen empfunden habe, war für mich das eigentliche Highlight des Abends. So gefühlvoll, so hingebungsvoll...

“Lass Dich treiben, lass alles hinter Dir...” und das “Dir” wurde kurzerhand mal ohne Mikrofon gesungen... und das Ebertbad bebte. Wunderschön!

 

Nicht fehlen durfte natürlich die “Grafen-Trilogie” mit ‘Der Mann, der ich einst war’ aus Der Graf von Monte Christo, ‘Je länger ich lebe’ aus Dracula (es gibt kein anderes Musical, dass mich alleine von der CD so begeistert und das ich gerne gesehen und sogar Uwe Kröger in Kauf genommen hätte), und ‘Die unstillbare Gier’ aus Tanz der Vampire.

Und hier gab es nach der ‘Musik der Nacht’ die zweite echte Überraschung des Abends, denn so habe ich “die Gier” von Thomas Borchert noch nie erlebt.

Für mich immer nahe an der Perfektion kam an diesem Abend noch ein Borchertsches Zückerchen obendrauf: Dieser Graf zeigte mehr als sonst seine Gefühle, offenbarte seine verletzliche Seite fernab jeglicher Arroganz...

 

Es schien beinahe so (auch wenn sich das jetzt blöd anhört), als hätte er dieses Stück, obwohl schon aberhundertmale gesungen, ganz neu für sich entdeckt. Vielleicht gibt es ja tatsächlich so etwas wie Vorfreude bei ihm auf sein neues altes Engagement in Berlin.

 

Jedenfalls war die Gier berührend wie nie zuvor von ihm und damit der wirklich krönende Abschluss eines ohnehin gelungenen Abends.

 

Und noch eine Sache war bei diesem Konzert regelrecht wohltuend: Es gab keine Flut von (überflüssigen) Merchandise-Artikeln in Form von Kerzenhaltern, Tassen, Maus-Pads usw. Es gab keine überlebensgroßen Plakate von dem Künstler des Abends, keine Schlüsselanhänger und schon gar keine Halsketten. Und es hatte auch nicht den Anschein, als vermisste irgendjemand dieses ganze Brimborium...

 

Etwas vermissen konnte man dagegen ein wenig den Glamourfaktor des Special Guest. Präsentiert wurde nämlich ein Nachwuchskünstler namens Philipp Nowicki, der bei irgendeinem Casting gewonnen hatte. Was gibt es zu ihm zu sagen? Gesungen hat er ‘Für Sarah’ und später mit Thomas Borchert zusammen ‘Stille Nacht’. Ganz ehrlich hat er mich jetzt weder akustisch noch optisch vom Stuhl gehauen, aber hey: Er ist vor kurzem erst achtzehn geworden und es scheint mir eine gute Idee zu sein, mit ihm so zu verfahren wie es manchmal mit jungen Pferden gemacht wird: Noch einige Zeit auf die Weide, Zeit für die Entwicklung geben und dann mal weitersehen.

 

Als “Rausschmeißer” gab es das mittlerweile ebenfalls zum Kult gewordene ‘Wildschweinduett’, das natürlich auch wieder mit geradezu enthusiastischem Beifall bedacht wurde und alle glücklich, zufrieden und vor allem sehr besinnlich in die Oberhausener Nacht entließ.

 

Und mag Opa Hoppenstedt auch jedes Jahr zur Weihnachtszeit bedauern “Früher war mehr Lametta”, halte ich einfach mal dagegen: “Dafür ist heute mehr Borchert”.