Borchert Besinnlich, 04.12.2010, 20.00 Uhr - Ebertbad Oberhausen

 

"Alle Jahre wieder..."

 

und er wäre nicht der besinnliche Borchert, hätte er dieses altbekannte Weihnachtslied mit dem ebenfalls altbekannten Text gesungen.

 

"...komme ich ins Ebertbad. Sing Euch Weihnachtslieder, heute zum fünften Mal."

 

Das reimte sich jetzt nicht mehr so wirklich, aber was wahr ist, ist wahr.

Kurz nachgerechnet: Bei der Premiere 2006 waren meine Schwester und ich noch nicht dabei, aber seit 2007 zählten wir zu den Stammgästen dieses "besinnlichen Wahnsinns".

 

Zum vierten Mal erlebten wir also diesen begnadeten Entertainer, der für uns mittlerweile zur Vorweihnachtszeit gehört wie Spekulatius und Lebkuchen.

 

Bewaffnet mit seinem berühmt-berüchtigten Notenbuch, aus dem er schon als Jugendlicher zu Weihnachen hatte spielen müssen und mit den nicht minder berühmten und noch mehr berüchtigten herausragenden gelben Post-it’s, die immer sein Konzept darstellen.

 

Allerdings gab es auch schon “Besinnlich-Konzerte”, an deren Ende er entweder feststellte: “Jetzt habe ich mir ein Konzept zurechtgelegt und doch etwas ganz anderes gemacht” oder schlicht und ergreifend zugab: “Irgendwie finde ich mich in meinem Konzept nicht zurecht.”

 

Nun, in diesem Jahr blätterte er sich souverän durch den Wust der gelben Zettel und brachte als erstes das bereits erwähnte ‘Alle Jahre wieder’ zu Gehör.

 

Und es war, wie immer, wieder erstaunlich, das die unterschiedlichsten Musikrichtungen in Weihnachtsliedern untergebracht werden können. Jazz, Swing und bei ‘Ihr Kinderlein kommet’ tatsächlich auch Reggae-Rhythmen...

Da staunt der Erstbesucher und der Wiederholungstäter wundert sich!

 

Nur sein, nach eigenem Bekunden, absolutes Lieblings-Weihnachtslied blieb “verschont”: ‘Still, still, still, weil's Kindlein schlafen will.’

 

Das genaue Gegenteil waren da die nie süßer als zur Weihnachtszeit klingenden Glocken.

In Ermangelung wirklicher Glocken und der Tatsache geschuldet, das der Hersteller der alljährlichen Nikolausmützen die Glöckchen falsch angebracht hatte, so dass diese auch nur ein mickriges “Bimm” zustande brachten, mußten die Glocken eben durch menschliche Stimmen ersetzt werden. Die Männer wurden aufgefordert, ein, im wahrsten Sinne des Wortes, glockenhellles Klingeling von sich zu geben, während die Frauen sich in den tieferen Tonlagen versuchen sollten. (Andersherum wäre es ja auch zu einfach und vor allem nicht so lustig gewesen.)

Das mit den Glocken in Menschengestalt ausgiebigst geübt werden mußte, versteht sich ja von selbst und dass dabei mehr gelacht als geklingelt wurde, eigentlich auch.

 

Kein ‘Borchert Besinnlich’ ohne Musical-Titel (wäre ja auch noch schöner).

‘Der Mann, der ich einst war’ (aus ‘Der Graf von Monte Christo’) und ‘Je länger ich lebe’ (Dracula) sollten es fürs Erste sein.

Und auch etwas aus der eigenen Feder stand auf dem Programm: ‘Das größte Geschenk’.

 

Natürlich wurde auch wieder ein Special Guest präsentiert. Es handelte sich um Karim Khawatmi, den Thomas Borchert als lieben Kollegen aus der St. Gallener Produktion ’Der Graf von Monte Christo’ und als begnadeten Fotografen vorstellte.

Und obwohl mir der Name dieses gut aussehendes Mannes, der jetzt etwas schüchtern auf der Bühne erschien, als Musicaldarsteller etwas sagte (live erlebt hatte ich ihn noch nie), war er mir tatsächlich mehr als Fotograf ein Begriff, da er schon einige seiner Kollegen ins rechte Licht gesetzt hatte.

 

Das er eine überaus angenehme Stimme besitzt, bewies er umgehend mit einem wunderschönen Titel (‘Home’).

Es war so toll und uns drängte sich sofort die Frage auf, warum wir von ihm bisher noch nichts gehört hatten.

 

Richtig verlegen nahm er den großen Applaus entgegen und wollte schnell wieder von der Bühne verschwinden. Zum Glück hinderte ihn der Gastgeber des Abends daran und so konnte er noch eine ganze Weile seinen verdienten Beifall genießen.

Als er schließlich doch die Bühne verließ, blieb der Eindruck zurück, wieder einmal einen tollen Künstler und obendrein einen anscheinend sehr sympathischen Menschen “kennen gelernt” zu haben.

 

Eine Weihnachtsgeschichte von Herrn Borchert, gemütlich auf dem Sofa sitzend, vorgetragen, rundete den ersten Teil des Abends gelungen ab.

Zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregend lautete sie in etwa wie folgt:

 

Drei Tage vor Weihnachten sprühten ein paar Männer “Ausländer raus!” und “Deutschland den Deutschen” auf die Kirchenmauer.

Und tatsächlich wurde die kleine Stadt mitten in der Nacht munter: Die Türen der Geschäfte öffneten sich und nacheinander traten Kakao, Schokolade und Kaffee (immerhin des Deutschen Lieblingsgetränk) ihren Weg in die Heimat an. Kurz entschlossen verließen auch sämtliche exotische Früchte ihre Kisten und folgten ihnen. Auch Spekulatius und Zimtsterne mußten aufbrechen, denn die Gewürze in ihrem Inneren wollten unbedingt zurück nach Indien.

Schlangen von japanischen Autos zog es gen Osten, freundlicherweise nahmen sie in ihrem Inneren die Unterhaltungselektronik mit auf die Reise.

Die Weihnachtsgänse erhoben sich in die Luft und flogen nach Polen, Fensterrahmen aus tropischen Hölzern hielt es nicht mehr in ihren Verankerungen.

Die kleine Stadt löste sich nach und nach auf.

Nach drei Tagen war der Auszug geschafft, rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr da.

Immerhin gab es noch Tannenbäume. Und Äpfel und Nüsse. Und ‘Stille Nacht’ durfte gesungen werden. Allerdings nur mit Extragenehmigung, schließlich kam es aus Österreich.

Nur eins wollte da nicht recht ins Bild passen: Maria, Josef und das Kind waren geblieben – drei Juden. Ausgerechnet. ”Wir bleiben” sagte Maria. “Wenn wir aus diesem Land gehen, wer will ihnen den Weg zurück zur Vernunft und zur Menschlichkeit zeigen? Wir bleiben!”

 

Der zweite Teil des Konzerts wurde mit einem Musicalblock eröffnet.

Als erstes erklang, von Marina Komissartchik am Klavier begleitet, ‘Die Musik der Nacht' und ließ Thomas Borchert im Anschluss von vergangenen Zeiten schwärmen, als er "umme Ecke in Essen" (seiner Geburtsstadt) als Phantom der Oper durchs Colosseum Theater spukte.

 

Die nächste Figur seines Bühnenlebens sei nun aber gar nicht spukig, zumindest nicht komplett, erklärte er anschließend. Schließlich singt 'Dies ist die Stunde' der gute Dr. Jekyll und nicht der böse Mr. Hyde.

 

Ein etwas schwieriger Charakter folgte wieder mit Leopold Mozart ('Schließ Dein Herz in Eisen ein' aus ‘Mozart’). Der Vater des großen Wolfgang Amadeus Mozart, der nie dessen Genialität besass und deshalb all seine unerreichten Träume, Wünsche und Hoffnungen auf seinen Sohn setzte. (Heute würde man wahrscheinlich sagen: "Er pushte ihn.")

 

‘The Impossible Dream’ (aus ‘The Man Of La Mancha’) schloss sich an und somit ein Titel, den ich in Dauerschleife hören könnte.

 

Diese Musicaltitel sind eigentlich fester Bestandteil jedes 'Borchert Besinnlich'-Konzerts und ich werde es auch wirklich nicht leid, sie zu hören.

 

Das waren jetzt schon vier ernsthaft vorgetragene Lieder in Folge und das ging ja mal so gar nicht.

"Ich werde nun eine Frau besingen..." fing er an, um sich dann sofort zu unterbrechen "Tut mir leid, Marina, das bist leider nicht Du."

Dass die Angesprochene daraufhin eine kleine Schnute zog und auch das Versprechen "Für's nächste Mal komponiere ich etwas nur für Dich" ihre Miene nicht heller werden ließ, konnte der fürsorgliche Herr Borchert natürlich nicht verantworten und scheuchte sie von ihrem Klavierstuhl weg, um kurzerhand, von gewagten Klavierinterpretationen begleitet, eine Hymne auf Marina zu singen.

Als dann auch noch das Publikum einstimmte, war die Gute richtig gerührt.

 

Nun guckten wohl einige Damen im Publikum etwas enttäuscht, dass nicht auch ihnen ein Lied gewidmet wurde, aber das war dann selbst einem Thomas Borchert too much: "So viel Zeit haben wir jetzt auch nicht, dass ich auf jeden Namen einen Song komponiere..."

 

Erst mal wieder in Plauderlaune geraten, erzählte er von den Zeiten, in denen er in London das Stück 'Gigi' Open Air gespielt hat. Obwohl Sommer war, herrschten eisige Temperaturen (die deshalb schon wieder richtig besinnlich waren) und die Tatsache, dass er in einer Szene in einem schicken gestreiften Badeanzug auf der Bühne stehen mußte, machte die Sache auch nicht wirklich besser.

 

Dann folgte aber wirklich das gleichnamige Stück 'Gigi' und gab ihm wieder Gelegenheit zu einem, an diesem Abend häufigen, Ausflug ins Publikum. (Vielleicht fehlt ihm das umher schreiten auf einem langen Gang ja doch etwas...)

Und als hätte es so sein müssen, fiel bei einem längeren Instrumentalteil klirrend ein Glas um, was ihn zu der Bemerkung veranlasste "So sind sie, die Gigis", um dann mit leicht vorwurfsvollen Unterton und erhobenen Zeigefinger 'Gigi' zu singen.

Toll, wie es dieser Mann immer wieder versteht, auf verschiedenste Situationen einzugehen und zu reagieren.

 

Und schon war es Zeit für die zweite Weihnachtsgeschichte des Abends. ‘Advent im Seniorenheim’ (in Anschluss an diesen Bericht) hieß sie, wurde zwar schon im Jahre 2008 vorgelesen, hatte aber trotzdem nichts von ihrer Witzigkeit verloren.

Besonders der "Hamburger Schnack" eines Thomas Borchert ist immer wieder auf's Neue köstlich.

 

Nachdem sich alle wieder einigermaßen von ihren Lachanfällen beruhigt hatten, nahm er wieder seinen Platz am Klavier ein, nicht ohne allerdings vorher einen "Engel" auf der Empore entdeckt und den unbändigen Ehrgeiz entwickelt zu haben, dieses liebreizende Geschöpf mit einem Spekulatius zu beglücken.

Lag es an Herrn B.'s Wurftechnik, an der Leichtigkeit des Wurfgeschosses oder an den mangelnden Fangkünsten der jungen Dame mit dem Heiligenschein - wer weiß es schon? Jedenfalls brauchte es ein paar Anläufe, bis das Weihnachtsgebäck bei seiner neuen Besitzerin landete.

(Ob es anschließend gleich verzehrt wurde oder mit dem Vermerk "Von Thomas Borchert persönlich zugeworfen bekommen" einen Platz hinter Glas kriegen würde, entzieht sich leider meiner Kenntnis.)

 

Am Klavier angekommen wurde registriert, dass sich der alljährliche Weihnachtsbaum zu seinem Vorteil verändert hatte, endlich die richtige Farbe besass (grün und nicht mehr gräulich-violett) und zudem noch mit einer großen "Disco-Schleife" geschmückt war. Das dann aus den schnöden Christbaumkugeln kurzerhand Disco-Kugeln wurden, wen wundert es? Jedenfalls wurde dem Baum in diesem Jahr mit einem besonders inbrünstigen 'Oh Tannenbaum' gehuldigt.

 

Wenn das Publikum jetzt meinte, bei ‘Süßer die Glocken nie klingen’ schon genug geleistet zu haben, wurden sie vom Mann an den Tasten flugs eines Besseren belehrt.

Ihm war so nach ’Kling Glöckchen Klingelingeling’ und was braucht man dazu? Richtig! Glocken oder, in diesem Fall passender, Glöckchen.

Und auch dieses Stück wurde zur Zufriedenheit des Meisters absolviert.

 

Karim Khawatmi wurde noch einmal auf die Bühne gebeten und zu ihrer großen Überraschung stellten die Herren fest, dass sie noch nie ein Duett gesungen hatten. Und wann, wenn nicht jetzt und hier gab es eine bessere Möglichkeit dazu? Heraus kam dann ein hörenswertes ‘(Somewhere) Over the Rainbow’.

(An dieser Stelle noch einmal die Frage: Wo war dieser Mensch bis jetzt, dass ich ihn noch nie gehört habe?)

 

Und wo man gerade so schön (besinnlich) zusammen war, durfte doch auch DAS Weihnachtslied schlechthin nicht fehlen: 'Stille Nacht'.

Nur die Aufteilung der Strophen war nicht unbedingt fair gewählt.

Während K. K. die Erste singen durfte (T.B.: "Die kennst Du sogar"), übernahm er selbst die Zweite und erteilte mit einem diebischen Grinsen seinem geneigten Publikum das Wort für die dritte Strophe.

Und irgendwie schienen sich die Beiden da oben einig zu sein: Das konnte doch wegen fehlender Textkenntnis nichts werden.

 

Aber weit gefehlt: Textsicher und zum großen Erstaunen der beiden etatmäßigen Sänger, erklang der große Ebertbad-Chor und es hörte sich gar nicht mal schlecht an. Kein Wunder aber auch bei dieser tollen Klavierbegleitung...

 

Am Ende wusste man nicht so genau, wer jetzt wem applaudierte: Das Publikum den beiden Künstlern, die beiden Künstler dem Publikum oder doch das Publikum sich selbst.

 

Allmählich neigte sich der Abend dem Ende entgegen, aber einen Thomas Borchert ohne seine 'Unstillbare Gier' ziehen zu lassen ging ja mal gar nicht.

Und wirklich: Wie oft hat dieser Mann dieses Lied schon gesungen? Und jedes Mal scheint er neu in dieses Stück hineinzufallen.

Gebannt hingen alle an seinen Lippen und ließen sich nur allzu gerne von den Qualen des Grafen von Krolock erzählen.

Ein besonderes Highlight gab es noch zum Ende des Stücks, denn noch einmal begab sich Thomas B. ins Publikum oder anders gesagt (auch wenn ich es möglichst vermeide, einen Künstler bei einem Solo-Konzert über seine Paraderolle zu definieren): Der Graf schritt in die Niederungen seiner Anhängerschaft.

 

Auf Höhe der zweiten Reihe blieb er stehen (wir sassen in der dritten Reihe, direkt am Gang) und es war schon etwas ganz Besonderes, die letzten Takte der Gier nur auf eine Armlänge getrennt hören zu können.

Interessant war auch die “Mikrofontechnik” bei dem letzten Wort (=Gier): Am Anfang ganz weit entfernt vom Mund, so dass "nur" die normale Stimme ohne Verstärkung zu hören war und je länger das Wort gezogen wurde (GIIIIIIIIIIIEEERR), desto näher ging das Mikro zum Mund.

Das ergab so einen Wahnsinns-Effekt... Einfach nur WOW!!

 

Ein völlig geflashtes Publikum brauchte scheinbar eine Weile, um wieder in die Realität zurückzukommen und auch der Künstler stand noch eine Weile mit geschlossenen Augen da.

Aber dann brandete umso lauter der Applaus auf und das die Stühle beim Aufspringen nicht umkippten, als alle zur kollektiven Standing Ovations aufsprangen, lag wohl nur daran, dass sie fest miteinander verbunden waren.

Minutenlang gab es tosenden Beifall, den ein sichtlich berührter Thomas Borchert dankend entgegennahm. Und fast schien es so, als ob sich dieser Bühnen-Vollprofi an diesem Abend auch nur schwer von seinem Publikum lösen konnte.

 

Für beide Seiten gab es einen kleinen Trost: Zum Einen noch ein sehr ruhiges Lied (Titel mir leider unbekannt/selbstgeschrieben?) und zum Anderen die Tatsache, dass der Vorverkauf für ‘Borchert Besinnlich’ 2011 schon begonnen hat.

 

Und wir wissen ja: Weihnachten kommt immer so plötzlich!

 

 

- Wenn man es selbst lesen muss, ist es zwar nicht so lustig, als wenn es vorgelesen wird, aber trotzdem:

 

Advent im Seniorenheim

 

Der Singkreis des Landfrauenvereins Heringsmoor war nur einer von zahlreichen Vortragsgruppen und Einzelkünstlern, die wochenlang vergeblich versuchten, in das städtische Seniorenstift am Höcklager Industrieweg einzudringen. Dem inneren Drang, alten Menschen zur Weihnachtszeit eine Freude zu machen, stand immer wieder die kompromisslose Abwehrbereitschaft der Heiminsassen gegenüber, die es leid sind, als Publikum für Amateuraufführungen herhalten zu müssen. So jedenfalls erklärt es der 89jährige Josef Röhrmöller, als Sprecher des Ältestenrates.

 

“Ja, wir woll’n hier vor Weihnachten einmal in Ruhe Kaffee trinken und nicht dauernd dies Gejiedel und Gefiedel an'e Ohren habm. Und wenn das im Guten nich geht, dann müssen wir Maßnahmen ergreifen.”

 

Maßnahmen, die sich am Anfang nur auf die hermetische Abriegelung des Gebäudekomplexes beschränkten. Röhrmöllers Erfahrungen als Infanterist 1943 im Kessel von Tscherkassi, als seine Kameraden in einer ähnlich verzweifelten Situation waren, kommen jetzt den Heimbewohnern zugute. Die wuchtigen Eisenmöbel vor den Außentüren, Stacheldrahtrollen vor den besonders gefährdeten Souterrainfenstern sowie verschweißte Sieldeckel im Kellerbereich, reichten jedoch schon bald nicht mehr aus. Rund um die Uhr wurden Heimbewohner zum Wachdienst eingeteilt.

 

“Ja die Probleme sind praktisch Tach und Nacht, nich. Morgens fallen schon die Plagen vonner Gesamtschule über uns her mit ihrem Flötenkreis. Die fiepen hier rum mit Mach hoch die Tür und Klingglöckchen und alles falsch und durcheinander. Dat is nicht zu ertragen. Inner Mittachsstunde hab'n wir dann meistens diese Trampeltänzer vom Trachtenverein Strohkruch, die will keiner mehr sehen, aber mit uns kann man’s ja machen.”

 

Besonders kritisch wird es am Abend, wenn die Aufmerksamkeit der alten Menschen nach einem langen Wachdienst zu erlahmen droht. Dann nämlich pirscht sich im Schutz der Dunkelheit der Jagdbläserchor 'Hubertus' aus Niederstenbreckelwede heran.

 

“Ja die tröten hier Die Sau ist tot, wenn unsereiner nur in Ruhe fernsehen will. Und da bin ich dann zum ersten Mal mit'm Schrotdrilling dazwischen gegangen.”

 

Nicht minder gefürchtet ist unter den Senioren die Schöppenwessler Speeldeel mit ihrem niederdeutschen Schwank Krach um Jolante, die aber in diesem Jahr, wenn auch gegen ein empfindlich hohes Schweigegeld wieder abzog. Doch nicht immer lassen sich die vorweihnachtlichen Besucher so unkompliziert abwehren. Der Shanty-Chor Ankommersiel mit seinem Adventsrepertoire wie Christus war ein Steuermann oder Wir lagen auf Kiel vor Bethlehem ließ sich aus Hubschraubern auf das Flachdach des Speisesaals absetzen, in der vergeblichen Hoffnung, durch einen Lüftungsschacht zur besinnlichen Kaffeetafel vorzudringen. Nach 25 Jahren Heimerfahrung kennt Opa Röhrmöller inzwischen alle Tricks.

 

“Ja wir hatten die Tage einen hier, der gab sich als Klempner aus und wollte nach 'e Heizkörper kucken. Und ich denk noch, da is doch wat faul, mach 'ne Taschenkontrolle und siehe da, kein Werkzeug und nix. Statt dessen diese elende Gedichtband Wiehnacht ob de Halli, damit wollte er uns hier den Abend versaun.”

 

Schlussendlich waren alle Anstrengungen der alten Leute umsonst. Am frühen Nachmittag des 2. Advents hielt die Schweißnaht der Feuertür zum Babitoratlager dem karitativen Ansturm nicht mehr stand. Die tapferen Bewohner des Seniorenstifts wurden von der vorweihnachtlichen Stimmung doch noch eingeholt.

 

 

Und weil’s so schön war, hier auch noch die Geschichte von ‘Borchert Besinnlich’ 2009 (bei der ich vor Lachen beinahe erstickt wäre):

 

Der Beleuchtungswettkampf

 

Und für die Vorweihnachtszeit gilt dies ganz besonders. Habe dies meinem Nachbar erläutert, der mir in dieser Hinsicht voll zustimmt. Die kalte Witterung lässt die Gedanken klarer hervortreten, der Alltag mit seinen dummen Streitereien tritt zurück und macht wirklich Wichtigem Platz. Mein Nachbar erzählt mir, dass er in diesem Jahr beabsichtige, seine Tanne im Garten mit hübschen Lichtern zu schmücken. Wegen der Stimmung. Finde das toll.

 

Seit gestern hat mein Nachbar einen Tannenbaum illuminiert. Kleine Lämpchen, ca. 20 Stück weiß. Sieht hübsch aus, sagt die ganze Nachbarschaft. Habe beschlossen, mich solidarisch an der Weihnachtsstimmung zu beteiligen und mich im Baumarkt nach kleinen Lämpchen umgesehen. Natürlich sollte die Menge nicht zu spärlich ausfallen, von wegen der Wirkung und so. Erstand kurzentschlossen eine 50er Lichterkette mit extrastarken Lämpchen, brillantweiß. Werde sie gleich heute abend montieren.

 

Komische Sache. Mein Nachbar scheint meinen Wunsch zur gutnachbarlichen Zusammenarbeit zwecks Verschönerung der Straße missverstanden zu haben. Heute morgen waren bei ihm sämtliche Tannenbäume sowie zwei Kirschbäume und eine Platane mit Lichterketten versehen. Eine flüchtige Zählung mit dem Feldstecher ergab eine Rate von mindestens 80 Lämpchen je Baum.

Soll das ein Wettkampf sein? Ist doch erwachsenen Menschen unwürdig.

 

Kam heute Mittag zufällig im Baumarkt vorbei.

 

Wussten Sie, dass man bei Abnahme von 15 Lichterketten a 150 Leuchteinheiten Sonderrabatte erhält? Besonders effektvoll seien blinkende Ketten, vorzugsweise die 250er-Einheiten mit Hochspannungssicherheitstransformator und induktiver Anschaltung. Da ich das für übertrieben halte, habe ich für die große Tanne lediglich 2 davon gekauft. Komme unter Einsatz von zwei Gummibäumen auf jetzt 14 behängte Gewächse. Ein Odem des Friedens geht vom Garten aus.

 

Eine Kampfansage. Mein verschwendungssüchtiger Nachbar hat den kompletten Zaun mit Leuchtkörpern behängt. Ca. 1000 rhythmisch blinkende Lampen in geschmacklosestem technicolor. Die Farbe bringt einen Stich ins proletarisch-billige in die Weihnachtsbeleuchtung. Das bestätigt auch mein Elektriker, der an unserer Fassade Leuchtsterne und die biblischen Motive angebracht hat. “Wenn schon Farbe, dann aber leuchtend-kräftige Halogenstrahler wie diese hier.“

 

Die rhythmisch blinkenden Figuren an sämtlichen Fenstern verursachen schlimme Kopfschmerzen, die auch bei Betrachtung meiner neu angebrachten 5000-Watt-Licht-bogen-Himmelstrahler nur wesentlich besser werden. Sie werfen rhythmisch zuckende Lichtfinger in den wolkenverhangenen Himmel und geben einen interessanten Kontrast zu den lasergesteuerten Beamern, die auf den Wolken interessante Bilder und Szenen aus der Weihnachtsgeschichte schreiben. Dagegen sind die neu installierten Lauflichter an den Fassadenkanten des Hauses meines intriganten Nachbarn geradezu lächerlich profan.

 

Hatte heute Besuch eines Technikers der städtischen Stromwerke, der den fulminanten Anstieg meines Stromverbrauches für einen Defekt im Leitungssystem hielt. Unsere Unterhaltung wurde stark gestört durch das elektrische Glockengeläut auf dem Nachbargrundstück, das mit 38 Kupferglocken elektronisch gesteuert die bekanntesten 40 Weihnachtslieder spielt. Der Techniker empfahl mir, einen neuen Industrietrafo setzen zu lassen und im Abrechnungssystem auf Gewerbeabrechnung für mittelgroße Betriebe umzusteigen, wegen der günstigeren Grundgebühren. Beim Weggehen meinte er kopfschüttelnd, ob ich nicht etwas gegen dieses Glockenradau unternehmen wolle. Zeige ihn meine neuen 2000-Watt Außenlautsprecher mit Punktcharakteristik und die zugehörige Abspielstation für das Unterhaltungsband "Stille Nacht“. Heute Abend gehe ich auf Sendung.

 

Habe einen Beamer installiert, der auf das Garagentor die Neuverfilmung der Jesusgeschichte mit Charles Heston in der Hauptrolle projiziert. In Reserve halte ich noch eine Kopie der ?10 Gebote“. Da kann mein geschmackloser Nachbar mit den Außenlautsprechern in der Rezitation der Weihnachtsgeschichte natürlich einpacken, zumal, der Schneewerfer auf meinem Dach durch die erzeugten Schneemengen alle Geräusche stark zu dämpfen pflegt. Mehrere strategisch angebrachte Heizstrahler halten dabei die illuminierten Gartenbäume schneefrei.

 

Die Menschenmassen in unserer Straße nehmen langsam unübersehbare Ausmaße an. Dabei kann ich voller Stolz feststellen, dass das Ausblasen von feinen Silbersternen vor dem Haus die allgemeine Bewunderung auf dieser Seite der Straße konzentriert. Da kann auch das Rentiergespann mit Kinderbelustigung meines Nachbarn nichts daran ändern.

Zumindest seit meinen kostenfreien Ausschank von Getränken und der Verteilung von Gebäckteilen.

 

Etwas Merkwürdiges ist passiert. Die Stadtverwaltung hat alle weihnachtlichen Zurschaustellungen in meiner Straße verboten, mit dem völlig irrelevanten Argument, hier werde ein nicht genehmigter Weihnachtsmarkt abgehalten. Ich bin fassungslos.

Und das an Weihnachten, dem Fest des Friedens und der Besinnung.