Borchert Besinnlich, 08.12.2012, 20.00 Uhr - Ebertbad Oberhausen

Thomas Borchert und die Lebkuchen des Schreckens

Ja is' denn scho' wieder Weihnachten? ist man geneigt zu fragen, wenn die Tickets für Borchert Besinnlich aus der Schublade gekramt werden, die dort ja immerhin schon ein Jahr auf ihren Einsatz warten. Denn traditionsgemäß und wegen der großen Nachfrage beginnt der Vorverkauf für’s nächste Borchert Besinnlich-Konzert schon immer dann, bevor überhaupt ein Ton der aktuellen Ausgabe die Ohren der geneigten Zuschauer erreicht hat. Muss ich deshalb überhaupt noch erwähnen, dass die Karten für Borchert Besinnlich 2013 schon jetzt an einem sicheren Ort ausharren, um am 17. Dezember mehr oder weniger grob eingerissen zu werden?

Und so waren meine Schwester und ich bereit,  innerhalb einer Woche der nächsten uns liebgewordenen Vor-Weihnachts-Tradition (oder sollte ich besser sagen: Attraktion?) nachzugehen. Am vorangegangen Sonntag hatten wir uns nämlich vom Geist der Weihnacht verzaubern lassen, der in diesem Jahr im Essener Colosseum Theater ein Quartier gefunden hat.

Letzte Zweifel am bevorstehenden Fest räumte der Stau auf den letzten Metern unserer Fahrt auf der A42 aus, denn sowohl die Ausfahrt Neue Mitte als auch die Ausfahrt Zentrum war dicht. Verdächtig viele Autos mit gelben Nummernschildern standen in der Schlange und gaben wieder einmal Zeugnis davon, dass deutsche Weihnachtsmärkte eine geradezu magische Anziehungskraft auf unsere holländischen Freunde haben. Allerdings stellte sich auch heraus, dass Peter Maffay und sein grüner Kumpel Tabaluga an diesem Abend in der nahegelegen König Pilsener Arena nach den Zeichen der Zeit suchten.

So dermaßen eingekeilt mussten wir natürlich sofort an letztes Jahr zurückdenken, als ein Stau dafür sorgte, dass wir erst kurz vor Konzertbeginn im Ebertbad ankamen und so nicht mehr von den ebenso muskulösen wie leicht bekleideten Nikoläusen mit Weihnachtsleckereien verwöhnt wurden.

Aber auch die längste Autoschlange bewegt sich irgendwie vorwärts und doch schneller als gedacht waren wir am Ziel. Die Eiseskälte ließ uns auch gleich das Warme suchen und schon bot sich der vertraute Anblick. Die Bühne mit dem Klavier, einem Tannenbaum, der jedes Jahr besinnlicher zu werden scheint und die gemütliche Sitzgelegenheit für Onkel Thomas, wenn er uns mit der ein oder anderen Weihnachtsgeschichte erfreute. Die Bestuhlung war wie immer mit Hinweisen für die kommenden SoM-Konzerte übersät und natürlich fehlte auch das wichtigste Utensil des Abends nicht: Die Nikolausmützen mit ihren wohlklingenden Glöckchen. Und auch die aufgepumpten Nikoläuse versahen im knappsten Outfit (einer Art schwarzer Ringer-Anzug in Lightversion) ihren Dienst  und boten mit leicht debilem Gesichtsausdruck den Gästen Lebkuchen an.

Freundlich und nichtsahnend begrüßte ich meine Sitznachbarin. Dabei hätte ich angesichts der verwegenen Art und Weise wie sie sich ihre Nikolausmütze aufs Haupt gestülpt hatte, sofort misstrauisch werden müssen.

Mich beschleicht ja schon seit einiger Zeit bei manchen Musical- bzw. Konzertbesucher(inne)n aufgrund ihres Verhaltens der Verdacht, dass sie nur für die Dauer der jeweiligen Veranstaltung und mit wohlwollender Genehmigung der Anstaltsleitung Ausgang erhalten haben. Danach stehen dann irgendwo an der Saaltür diskret zwei Männer in weißer Kleidung und ersparen ihrem Schützling den Gang zur Garderobe, weil sie sein/ihr (Zwangs)jäckchen schon bereithalten.

Dermaßen an skurrile Typen gewöhnt, dachte ich auch, das es viel schlimmer eigentlich nicht mehr geht. Aber es geht! Und wie, denn dieses Subjekt da neben mir, toppte alles bisher da gewesene. Verhielt sie sich vor dem Konzert noch relativ unauffällig, löste anscheinend das Erscheinen von Thomas Borchert  eine unkontrollierte Heiterkeit bei ihr aus.
Die Töne, die sie fortwährend von sich gab, hatten irgendwie nichts menschliches mehr. Vielmehr hätte sich wohl jede paarungsbereite Schildkröte im Umkreis von zehn Kilometern angezogen gefühlt.
Schnaufend und röchelnd verfolgte sie das Programm, um dann (meist an den unpassendsten Stellen) in wahre Lachkrämpfe auszubrechen. Dass sie damit das Interesse ihres (und damit auch meines) gesamten Umfeldes auf sich zog, schien sie nicht im geringsten zu interessieren.

Mir war das Umdrehen der vor uns Sitzenden, das interessierte Vorbeugen der Leute in unserer Reihe und das nervös/genervte Fußgescharre hinter uns dafür umso unangenehmer und ich konnte nur hoffen, dass Niemand in dem diffusen Licht mich für diese enervierende Person hielt.

Der Höhepunkt der Peinlichkeit war erreicht, als sie sich allen Ernstes mit Thomas Borchert auf eine Diskussion einließ, wann denn nun die Premiere des Les Misérables-Films in den deutschen Kinos sein wird. Dabei hatte der Gute doch nur eine Überleitung zu seinem nächsten Titel (‘Bring ihn heim’) gesucht.

Und damit komme ich jetzt auch zum eigentlich Sinn dieses Abends und der bestand ja darin, sich von Thomas Borchert einmal mehr in eine vorweihnachtlich-besinnliche Stimmung bringen zu lassen.

Wie immer ohne große Vorrede setzte er sich dann auch ans Klavier, um mit den bekannten Weihnachtsliedern ‘O du fröhliche’, ‘Ihr Kinderlein, kommet’, ‘Kling, Glöckchen, klingelingeling’, ‘Süßer die Glocken nie klingen’ ...und, und, und auch den Letzten davon zu überzeugen, dass Weihnachten nicht mehr weit ist.

Gerade die Stücke, in denen das Wort Glocken, Glöckchen oder Klingelingeling vorkommen, scheinen dem Meister an den Tasten besonders viel Spaß zu machen. Denn die Vorfreude steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er sein Publikum dazu auffordert, seinen Gesang mit ihren Glöckchenbehangenen Nikolausmützen zu unterstützen. Am besten natürlich dadurch, dass der Kopf ruckartig hin- und hergeworfen wird. “Sie haben dann zwar morgen ein Schleudertrauma, aber ich verspreche Ihnen: Es ist ein besinnliches!” (Dass meine Sitznachbarin ihn beim Wort nahm und ihren Kopf wie irre schüttelte, versteht sich natürlich von selbst.)

Wie dem auch sei: Zum Glück kann man den Mützen ja auch hübsche Töne entlocken, wenn man sie in der Hand hält und sie kräftig schüttelt.

Richtig gefordert wurden einmal mehr die Herren der Schöpfung, die dazu ermuntert wurden, gar engelsgleiche Laute von sich zu geben. Das muss man sich dann wie folgt vorstellen:
T. B.: “Glocken mit heiligem Klang...”, der Engelschor mit glockenhellen Stimmen: “Haaahaaaaaaa!!!”

Jeder Eunuchenchor wäre vor Neid erblasst angesichts der Töne, die diese unerschrockenen Männer ihren Kehlen entlockten.

Etwas abgespeckt fielen diesmal die Musicalblöcke aus, zu denen in bewährter Weise Marina Komissartchik am Klavier Platz nahm. ‘Bring ihn heim’, ‘The Impossible Dream’ und ‘This is the Moment’ erfreuten uns im ersten Teil des Abends.
Besonders das Ende von ‘The Impossible Dream’ fand ich diesmal besonders eindrucksvoll. Dort heißt es ja “Yes, and I'll reach the unreachable star”.
Das Wort “Star” sang Thomas Borchert zunächst ganz normal mit dem Mikro vor dem Mund “Sta...”.
Dann nahm er das Mikro weg um zu vollenden “...aaaaaaaar”. Die Stimme erfüllte jede Ecke des Saales und ich bin mir sicher, die Gäste in der angrenzenden Pizzeria haben auch noch etwas mitbekommen.

Der Musicalteil nach der Pause bestand dann aus ‘Die Musik der Nacht’ (Frau Nachbarin wand sich stöhnend auf ihrem Stuhl) und ‘Der Mann, der ich einst war’. Und man kann sagen, was man will: Es sind immer wieder die Musicalstücke, die die Abräumer des Abends sind.

Auch im zweiten Teil gab es natürlich wieder bekannte und weniger bekannte Weihnachtslieder zu hören, darunter auch das erklärte Lieblingsstück des Thomas B. ‘Still, still, still’.
Dumm nur, dass gerade vor diesem ein eilfertiger Techniker nach vorne raste, um das am Klavier befestigte Mikrofon, dass schon den ganzen Abend ein Eigenleben führte und nie an seiner Position blieb, zu richten.
“Man hat ihn ja kaum gesehen” meinte dann auch der Mann am Klavier und in seiner Stimme schwang, wenn überhaupt, nur ein kleines bisschen (besinnliche) Ironie.

Sehr persönlich und sehr gefühlvoll) war einmal mehr die Interpretation von ‘Mein Sohn’. In diesem Moment scheint Thomas Borchert noch mehr als sonst in seine eigene Welt abzutauchen und sich nur darauf zu besinnen, wie es war, als er zum ersten mal seinen Sohn (“mittlerweile fünfzehn und riesengroß”) in den Armen gehalten hat.   
Michaela Schober überzeugte als Special Guest mit ihrem Solo ‘Once in a very blue moon’ und besang später zusammen mit Thomas Borchert das ‘Winter Wonderland’.   
Spätestens jetzt war Herr Borchert in Höchstform, leerte sein Wasserglas (oder war es doch farbloser Punsch?) in einem Zug aus, torkelte über die Bühne und lallte noch einmal ‘Winter Wonderland’ vor sich hin.

Marina Komissartchik, wie immer bei solchen Eskapaden milde lächelnd, ließ sich gekonnt auf das Spielchen ein und verlieh der ganzen Sache zum Schluss noch ihre ganz eigene Note, indem sie ein paar Töne von ‘Jingle Bells’ anhängte. Das war natürlich eine Steilvorlage für den gut gelaunten Herrn im dunklen Anzug und spontan gab es dann auch noch diesen Weihnachtsklassiker zu hören.
   
Als eine der Zugaben (gemeinsam mit Michaela Schober) durfte ‘Stille Nacht’ nicht fehlen und jeder Anwesende wurde herzlich eingeladen, mitzusingen. Ein Angebot, dass auch der größte Weihnachtsmuffel (gab es die an diesem Abend?) und der hartnäckigste Nichtsänger herzlich gerne annahmen. (Leider auch meine Sitznachbarin.)

Alles in allem war es ein harmonischer Abend. Sulix und Schlamine kamen auch noch zu ihrem Recht  und die "Kruppschen Krankenanstalten" blieben ebenfalls nicht unerwähnt.

Tja, wie gesagt: Harmonie pur.
Wenn da nicht die gemeinen Wurfattacken mit wehrlosen Lebkuchen gewesen wären!   
Als regelmäßiger Borchert Besinnlich-Gänger ist man ja daran gewöhnt, dass Weihnachtsgebäck an diesem einen bestimmten Abend tiefer fliegt, als man es sonst so vom gemeinen Spekulatius gewohnt ist. Nun haben aber eben diese Spekulatius die Eigenschaft, nicht besonders schwer zu sein. Als Wurfgeschoss eines gewissen Herrn (nennen wir ihn mal Herrn B.) eingesetzt, hielt sich der Schaden, den sie anrichteten in überschaubauren Grenzen.
Nun zeigte sich der Veranstalter der beliebten Konzertreihe in diesem Jahr aber äußerst spendabel. (Was bei der Vielzahl der meist ausverkauften Konzerte und den daraus resultierenden Einnahmen ja auch nicht mehr als recht und billig ist.) Jedenfalls gab es statt kleinen Spekulatius relativ große (und damit auch schwerere) Schokoladenlebkuchen. Herrn B. schien diese Tatsache nicht weiter zu stören. Jedenfalls schmiss er äußerst freigiebig die schokoladigen Dinger durch die Luft. Eins prallte frontal gegen den Arm meiner Schwester. Das besondere: Es war kurz vorher von Herrn B. mit einem zärtlichen Kosenamen und einem gehauchten Kuss bedacht worden.
Klar, dass ich diese Kostbarkeit im Bild festhalten musste:

Jetzt habe ich eine Vision.
Nächsten Sonntag findet das Konzert von Andreas Bieber statt. Special Guest (Überraschung!): Jan Ammann.
1) Ich wünsche mir wieder einen Teller mit Lebkuchen auf der Bühne.
2) Ich wünsche mir, dass Jan Ammann einen Lebkuchen (natürlich vorher    

    geküsst) in die Menge wirft.
3) Ich wünsche mir, dass er (also der Lebkuchen) bei mir landet.
4) Ich biete den Lebkuchen auf verschiedenen Internet-Plattformen zum

    Verkauf an.
    und
5) Ich werde reich!

Wie zur Strafe für diese gemeinen Gedanken flogen im Laufe des Abends noch einige Lebkuchen in unsere Richtung und einer verfehlte nur um Haaresbreite und weil ich mich geistesgegenwärtig weg duckte, meinen Kopf.
Das hätte eine schöne Beule gegeben. Kleiner Trost: Sie wäre sehr besinnlich gewesen.       


Und hier noch das Weihnachtsgedicht, das uns vorgelesen wurde. Manche Stellen muss man sich einfach bildlich vorstellen...

Der gestresste Weihnachtsmann

Das Weihnachtsfest ist wieder da!
Drum, Kinder, sollt’ Ihr heut’ erfahren,
was dort am Nordpol einst geschah
zur Weihnachtszeit vor hundert Jahren:

Der Weihnachtsmann war voll im Stress!
Drei Tage noch bis zum Bescheren!
Doch wollt’ an jenem Tag indes
fast alles ihm das Fest erschweren.

Schon morgens hatte es gekracht!
Ein Wichtel war schwer eingebrochen.
Der hatte wohl davor zur Nacht
dem Glühwein heftig zugesprochen.

Dann kam die große Tanne an!
Ein Weihnachtsengel war der Spender.
Da suchten erstmal alle Mann
vom letzten Jahr den Christbaumständer.

Das nervte Santa Claus doch sehr!
Der Ständer wurde nicht gefunden.
Der Engel trug den Baum umher
und störte den Betrieb seit Stunden!

Dann ließ der Wichtel Waldemar
den Riesensack mit Spielzeugsachen,
wo jedes Stück zerbrechlich war,
vom Fließband auf den Boden krachen!

Da lagen dann die Nerven blank!
Drei Wichtelmänner und zwei Elfen,
die feierten schon länger krank!
Wer konnte ihm da jetzt schnell helfen?

Vom heiligen St. Nikolaus,
da wollte er Ersatz erbitten.
Doch erst fiel prompt sein Rechner aus,
dann brach die Sitzfläche vom Schlitten!

Erst mal ’ne Pause, heiß und frisch
brühte er Tee in einer Kanne.
Der Engel fegte sie vom Tisch
mit seiner großen Weihnachtstanne.

Dann gab’s ’nen Kurzschluß, - Lichter aus!
Und es hat auch verbrannt gerochen.
Danach ist bald im ganzen Haus
das große Chaos ausgebrochen.

Der Weihnachtsmann kroch durch den Raum,
da ist die Brille ihm entglitten.
Der Engel mit dem Weihnachtsbaum
zertrat sie ihm mit sanften Schritten.

Pure Verzweiflung packte ihn!
Da hörte er den Engel fragen:
„Wo stecke ich den Baum jetzt hin?“
Das konnte er nicht mehr ertragen!

„Du kannst ihn Dir ....!“ schrie er dann auch
in seiner Wut, - in seiner Hitze!
Und so entstand der schöne Brauch
vom Engel auf der Christbaum-Spitze!