Kevin Tarte: With a Song in my Heart, 12.02.2011, 20.00 Uhr - FILharmonie Filderstadt

 

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Manchmal werden tatsächlich auch die kühnsten Träume wahr und so einen Moment gab es im vergangenen September, als via SoM-Newsletter die Ankündigung für ein Solokonzert von Kevin Tarte ins Haus flatterte. ENDLICH!

 

Kaum zu glauben, dass es schon wieder fünf Monate her war, als ich mit zitternden Fingern den Umschlag öffnete, der die kostbarsten Karten seit langem beinhaltete.

 

Und jetzt war es so weit und von nah und fern hatten sich Menschen in Bewegung gesetzt und waren nach Filderstadt gereist, einem Ort, den ich eigentlich immer nur mit Tennis in Verbindung brachte.

 

Alle hatten sich an Kevins facebook-Neujahrswünsche (auf die seine Fans gieriger warten als auf den Segen des Papstes oder die Ansprache der Kanzlerin) gehalten und waren zumindest einigermaßen “gesund”, absolut “begeisterungsfähig” und notwendigerweise “reiselustig” - denn: “wir haben eine Menge miteinander vor ;-)!”

 

Der Charme der FILharmonie hielt sich in Grenzen, aber das war auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Eine ziemliche Enge im Foyer und aufgeregtes Stimmengewirr zeugten davon, dass auch diese relativ große Halle nahezu komplett gefüllt sein würde.

 

Das Konzert begann mit '42nd Street' aus dem gleichnamigen Stück und nach hinten gerichtete Scheinwerfer wiesen darauf hin, dass diesmal alles Gute nicht von oben kommen sollte, sondern sich aus dem hinteren Teil des Saales nach vorne bewegte.

 

Nachdem der erste Begrüßungsapplaus verstummt war, sang Kevin mit ‘With a Song in my Heart' das Motto des Abends und erzählte zwischendrin, dass er quasi mit Pavarotti und Domingo ("und wie die Jungs alle heißen”) großgeworden sei, da sein Vater sie verehrte und ihre Platten rauf und runter hörte.

 

Nach diesem Stück verließ er die Bühne und Marina Komissartchik intonierte am Flügel 'Hört ihr wie das Volk erklingt' aus Les Misérables. Kristin Hölck erschien und sang ein tolles 'Ich hab geträumt'.

Mochte ich diese Frau zu ihren "Joseph- und Elisabeth-Zeiten" nie besonders, muss ich seit einiger Zeit sagen, dass sie mir richtig gut gefällt und in meinen Augen immer mehr an Ausstrahlung gewinnt.

Und selbst wenn es unhöflich klingt: Auch Frauen können mit zunehmendem Alter interessanter werden.

 

Ob ich das bei dem nächsten Gast des Abends auch einmal sagen werde, wage ich zu bezweifeln. Zu Maricel habe ich nun mal ein etwas gestörtes Verhältnis. Doch auch zu ihr gibt es etwas positives zu sagen: Sie hat nicht gequatscht!

Statt dessen legte sie gleich mit 'Nur für mich’ los und ich weiß nicht, ob es ihr schwergefallen ist, dies ohne langatmige Einleitung zu tun. Das Lied an sich - eines meiner Lieblingsstücke aus Les Mis und daher auch mit ihr einigermaßen erträglich.

 

Kevin kam auf die Bühne zurück und schien nicht nur in einen langen grauen Mantel im Militär-Stil gestiegen zu sein, sondern gleichzeitig auch in die Haut des harten, verbitterten Polizeipräfekten Javert. Dessen Lied 'Stern' sang er mit einer unglaublichen Ausdruckskraft und ich habe es noch nie schöner gehört.

 

Der schwere Mantel wurde abgelegt und schon stand da ein geläuterter, mitfühlender Jean Valjean, der Gott beschwor, den jungen Marius zu verschonen und seine Hand über ihn zu halten ('Bring him home'). Wunderbar.

 

Im Die Schöne und das Biest-Block kam Kevins Liebe zum Detail so richtig zum tragen (im wahrsten Sinne des Wortes).

Erfreute er sein Publikum doch mit einer grauen Fellhose, die die struppige Gestalt des verwunschenen Wesens aufs Schönste darstellte.

Gemeinsam mit Annika Firley sang er den Titelsong des Stücks und warb mit einer roten Rose zärtlich um die Gunst der jungen Frau. Diese hatte vorher in der Rolle der Belle bereits ein hörenswertes 'Hier zu Haus' dargeboten, was sehr gut zu ihrer sympathischen Erscheinung passte.

Herzzerreissend war im Anschluss daran, wie "unser Biest" klagend die Frage stellte 'Wie kann ich sie lieben?'

 

Dass es im Anschluss einen Riesenapplaus gab, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden.

 

Zu sprechen war aber noch über die Hose, auf die Kevin vorsichtshalber noch einmal schmunzelnd hinwies (falls sie irgend jemand noch nicht bemerkt haben sollte) und folgende Anekdote erzählte: Als er sie zuhause in Vorbereitung auf das Konzert anprobierte, wurde er dabei die ganze Zeit misstrauisch von seinen beiden Katzen beäugt. Als er dann zu allem Überfluss noch eine hektische Bewegung machte, war es um das Seelenheil seiner Miezen geschehen: Panisch hätten sie Reißaus genommen... (Die armen Tierchen haben vermutlich gedacht, dass ihr "Dosenöffner" einem ihrer Artgenossen das Fell über die Ohren gezogen hatte und sie als nächstes dran glauben mußten.)

 

Zwischen den hier beschriebenen Musical-Titeln sang Kevin immer wieder Stücke, die mal heiter und mal melancholisch, mal poppig und dann wieder klassisch waren. Eines hatten allerdings alle gemeinsam: Sie waren unheimlich berührend und ein wahrer Ohrenschmaus.

 

Einen erheblichen Teil zum Gelingen des Abends trugen auch die manchmal leicht konfusen und dadurch umso charmanter wirkenden Moderationen von Kevin bei.

Köstlich, als er beschrieb, dass er schon vor längerer Zeit an einem ausgefeilten Konzept geschrieben hatte, das ihm dann aber plötzlich nicht mehr gefiel. Also mußte ein zweites und ein drittes her, die es dann aber auch nicht brachten und nicht faul, begann er Konzept Nummer vier zu entwerfen...

Tja, und was war die Folge? Am Tag X “schwimmen jetzt vier Delphine in meinem Kopf herum” und konnten sich manchmal nicht ganz auf eine Richtung einigen.

 

Das Publikum jedenfalls hatte Spaß, als er nach einem Titel von der Bühne verschwand und sich darauf erstmal nichts tat. Auch Frau Komissartchik schien nicht genau zu wissen, wie es jetzt weitergehen sollte, als auch schon ein breit grinsender Kevin zurückkam, sich vor den Kopf schlug und meinte “Ach Mensch, ich bin ja nochmal dran. So ist das wohl bei einem Solo-Konzert...”

 

Der letzte Musical-Teil vor der Pause gehörte dem Phantom der Oper, den Kristin Hölck (ich glaube mit 'Denk an mich') eröffnete.

Wieder schwenkte der Scheinwerfer nach hinten und der Gastgeber des Abends erschien mit der weißen Halbmaske des unheimlichen Wesens aus der Pariser Oper... und es sah verdammt gut aus.

 

Gemeinsam mit Kristin sang er mit 'Das Phantom der Oper' eines der bekanntesten Duette der Musicalgeschichte.

Kristin/Christine verschwand und das "Phantom" nahm seine Maske ab und legte sie auf den Flügel. Es folgte 'Die Musik der Nacht' ... und vom "Quell des Lebens" kann man ja eigentlich nicht oft genug trinken...

 

Nach der Pause ging es mit einem wunderschönen italienischen Lied weiter.

Hach, war das geil...

 

Und wie sympathisch, dass Kevin gleich nochmal zum Klavier ging, um einen Blick auf die Noten zu werfen um sicherzugehen, dass er wirklich alles richtig gesungen hatte und gleich darauf auch seiner Erleichterung darüber Ausdruck verlieh.

 

Ein weiteres “Nicht-Musical-Lied” war ‘The Prayer’ (im Duett mit Maricel) und wer dabei keine Gänsehaut hatte, sollte vielleicht mal prüfen, ob er überhaupt noch lebt.

 

Auch das Musical Elisabeth sollte nicht zu kurz kommen und die Einleitung bildete eine langsame (Solo)Version von ‘Die Schatten werden länger’. (Beim googeln habe ich herausgefunden, dass sie auch als ‘Die kleinen Schatten’ bezeichnet wird.) Kevin sang sie umwerfend und was war das denn bitte für ein kehliger Klang in seiner Stimme? Den könnte ich aber durchaus öfter hören. (Ob der anerkennende Pfiff aus dem Publikum allerdings sein mußte, sei mal dahingestellt.)

 

Dem jungen Sascha Kurth (den ich irgendwie etwas schlanker in Erinnerung hatte) blieb es vorbehalten, dem Kronprinzen Rudolf Leben einzuhauchen und ein sehr gelungenes ‘Wenn ich Dein Spiegel wär’ zu interpretieren.

 

Sehr schön geriet dann die Überleitung zum Tanz der Vampire-Block, die in etwa so lautete: "Jemand der mir eigentlich sehr nahe steht, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein könnten, hat mich gebeten, auch an diesem Abend dabei zu sein. Okay, habe ich gesagt, aber Du kommst erst zu späterer Stunde. Ich glaube, jetzt ist es Zeit für ihn und ich sage nur noch: Seien Sie bereit..."

 

Mit diesen Worten verschwand er von der Bühne, aber nur um kurz darauf mit einem "Guten Abend, hab vor mir keine Angst..." zurückzukehren.

Es folgte die 'Einladung zum Ball', die doch eigentlich alle Anwesenden schon lange und nur zu gerne angenommen hatten.

 

Nachdem Sascha Kurth ein liebevolles ‘Für Sarah’ geschmachtet hatte, gab es die 'Totale Finsternis' mit Maricel als Sarah (eine Kröte muss man ja schlucken) und ich beschränkte mich während ihres Gesangs darauf, mich an Kevin und seiner genialen Mimik zu erfreuen.

 

Das nun noch die 'Unstillbare Gier' kommen MUSSTE, verstand sich ja fast von selbst und sie war einfach nur fantastisch. Toll, wie Kevin auch ohne Maske und Kostüm das geheimnisvoll-mystische dieser Figur darstellte.

Da stimmte jeder Ton, jede Geste und jede Betonung. Es war der Wahnsinn!

(Und etwas flapsiger könnte man auch sagen: Wenn dem Phantom die Worte fehlen, reißt Graf von Krolock alles wieder raus.)

 

Es war mucksmäuschenstill im Saal und erst nach der letzten, langgezogenen "Giiiiiieeeeeeeeerrr" brandete unbeschreiblicher Beifall, unmittelbar gefolgt von Standing Ovations, auf.

Das war ein ganz besonderer Moment dieses Konzerts und er hätte eigentlich nie aufhören dürfen.

 

Mit drei Zugaben endete dieses wunderbare Konzert und dass Kevin sich bei ‘True Love’ auf den Bühnenrand setzte, dokumentierte nur einmal mehr, welche Nähe den ganzen Abend zwischen ihm und seinen “Fans and Friends” bestanden hatte.

 

Es war ein Konzert, in das Kevin so viel von sich selbst reingelegt hat, dass ich, nur wenn ich jetzt beim Schreiben daran zurückdenke, schon wieder total berührt bin. Ein Konzert, das geprägt war von Gefühlen und von der Leidenschaft des Künstlers Kevin Tarte für seinen Beruf. Ein Konzert, bei dem der Mensch Kevin Tarte gar nicht erst versuchte, seine Nervosität und seine stellenweise Unsicherheit zu unterdrücken und das gerade deswegen für lange Zeit in den Herzen aller bleiben wird.

 

Da meiner Schwester und mir nie allzu viel (um nicht zu sagen: nichts) an den Meets & Greets liegt, die nach jeder Musicalstars in Concert-Veranstaltung stattfinden, ließen wir es auch diesmal aus.

 

Wir hätten uns dabei auch nicht anders fühlen können, als wir es den ganzen Abend schon taten: Nämlich Closer 2 Kevin!