Kevin Tarte: With a Song in my Heart, 15.09.2012, 20.00  Uhr - Ebertbad Oberhausen

“An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit...” oder: Herzenssache

Ich weiß noch genau, wie ich in einem großen “Social Network” die Nachricht über ein Solokonzert von Kevin Tarte im Ebertbad kommentiert habe (okay, so genau wusste ich es jetzt auch nicht mehr, aber der Chronik sei Dank, konnte ich es nochmal nachlesen): "Man muss nur dran glauben... dann geschehen auch mal Wunder!”

Denn eins war mir schon immer sonnenklar: Mein Lieblingskünstler in der heimeligen Atmosphäre des Ebertbads - das konnte nur ein genialer Abend werden. Die Sterne (oder besser gesagt die Morgensonne) standen wohl günstig, als ich meine Bestellung losschickte, denn meiner Schwester und mir wurden vom SoM-Team superschöne Plätze zugeteilt. Das war im Januar und trotz der ganzen Events, die bis September noch anstanden, hatte dieser 15. September doch immer einen festen Platz in meinem Hinterkopf. Nicht unerwähnt sollte in diesem Zusammenhang vielleicht bleiben, dass ich mich im März auf den Weg nach Stuttgart machte, um, hübsch eingepackt in zwei Rebecca-Besuchen, das zweite ‘With a Song in my Heart’-Konzert in Filderstadt zu erleben. Da die dortige FILharmonie allerdings einen etwas fragwürdigen Charme (von dem ich mich bereits bei der Konzert-Premiere 2011 überzeugen durfte) besitzt, war klar, dass sich die Konzerte, wenn auch inhaltlich gleich, unterscheiden würden wie Tag und Nacht.

So zogen also die Tage ins Land und dann war er da, der 15. September. Aber statt großer Freude herrschte eher gedämpfte Stimmung. Denn, wie das Leben so spielt, seit Tagen hielt mich etwas Grippeartiges in seinen Klauen und da wir ein Herz und eine Seele sind, erklärte sich meine Schwester solidarisch und hatte ebenfalls Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Na toll!

Aber schlappmachen gilt nicht und so rafften wir uns gegen halb sieben auf und traten den Weg nach Oberhausen an. Mann, war dat schön, endlich mal nicht fast fünfhundert Kilometer durch die Republik (egal, ob in südliche oder östliche Richtung) fahren zu müssen, um Kevin zu sehen und zu hören. Nach zwanzig(!) Minuten(!!) waren wir (schon etwas besser gelaunt) am Ziel und halfen nur zu gerne fremden Menschen, die aus einem Wagen mit Münchener Kennzeichen (die armen Schweine!) stiegen  und uns nach dem Weg zum Ebertbad fragten. Alles kein Problem, denn heute hatten wir hier unser Heimspiel.

Unser Lieblingsschwimmbad empfing uns gleich wieder mit seinem ganz besonderen Charme und immer mehr setzte sich die Vorfreude gegen alle körperlichen Unzulänglichkeiten durch.

Die kleine Treppe, die zur Bühne hoch führte, ließ darauf schließen, dass sich die Hauptperson des Abends wie schon in Filderstadt wohl von hinten nähern sollte. Und während es sich dabei bei der Premiere im Februar 2011 um einen gut gekleideten Mann handelte, gab es bei der Zweit-Auflage im diesjährigen März eher einen Clown zu bewundern. Das soll jetzt wirklich nicht respektlos klingen, aber der Anzug sprengte wirklich jede Vorstellungskraft. Als Kevin in diesem Teil die Bühne betrat, habe ich wirklich gedacht, irgendein Beleuchter hätte gepennt und eine rot-grün karierte Schablone vor einen Scheinwerfer geschoben. So kleinkariert hatte man Kevin Tarte noch nie gesehen. Und auch wenn es später hieß, dieser Anzug sei das Original aus 42nd Street gewesen - das ging nun mal gar nicht.
(Seine “erste Kathie” aus dem Studentenprinzen, die an diesem Abend im Publikum sass, wird wohl auch nicht schlecht gestaunt haben.)

15.September, Ortszeit 20.05 Uhr:
“Komm mit mir...” (gerne, wenn Du nicht wieder diesen komischen Anzug anhast) erklangen die ersten Zeilen aus eben dem Song ‘42nd Street’ und ein Schatten näherte sich der Bühne, kam näher und... Puuhhh, Glück gehabt! Ein legerer beiger Anzug schob sich ins Blickfeld, weißes Hemd und weiße Turnschuhe dazu, passt! Darüber hinaus bot auch das, was in dem Anzug steckte, wieder einen überaus erfreulichen Anblick. Hey, der Abend fing an richtig Spaß zu machen!

Richtig Spaß schien auch ein sehr entspannt und gelöst wirkender Kevin Tarte auf der Bühne zu haben. Fast greifbar schien seine Freude über die Rückkehr nach Oberhausen, wo er zu herrlichen Tanz der Vampire-Zeiten die Herzen so vieler im Sturm erobert hat.
Ebenso greifbar schien allerdings auch die Welle der Zuneigung zu sein, die aus dem Publikum auf die Bühne schwappte. Irgendwie schienen alle Beteiligten froh und glücklich zu sein, an diesem Abend an genau diesem Ort sein zu dürfen.

Damit ist zur Atmosphäre eigentlich alles gesagt. Während nach manchen Liedern unmittelbar der Beifall losbrach, herrschte nach anderen Stücken erstmal noch Bruchteile von Sekunden beinahe andächtige Stille, so als wollte man sich, aber auch dem Künstler Gelegenheit geben, wieder in die Wirklichkeit zurückzukommen.

Natürlich trugen auch die Special Guests Kristin Hölck, Wietske van Tongeren, der junge Christian Miebach und eine wie immer großartige Marina Komissartchik am Klavier zum Gelingen des Abends bei. So oft wie Kevin erwähnt und lobt übrigens kein anderer aus der SoM-Künstlerriege das Können dieser leidenschaftlichen Pianistin.
Oft scheint es beinahe so, als stelle er sein eigenes Können und Talent weit hinter dem seiner Begleiterin am Klavier zurück.

Überhaupt fiel mir am Samstag wieder verstärkt auf, dass es für Kevin auch nach all den Jahren, nach allen Erfahrungen und Erfolgen nicht selbstverständlich geworden ist, umjubelt auf einer Bühne zu stehen. Irgendwie scheint da auch immer noch ein kleiner Junge zu stehen, der sich mit großen Augen und voller Dankbarkeit denkt “Wahnsinn, was hier mit mir passiert und Wahnsinn, was ich den Menschen geben kann.”

Absolut mitreißend ist seine Begeisterung für die Lieder, die er sich für sein Solo-Konzert ausgesucht hat. Und es sind keine einfachen Stücke, aber “ich finde das richtig geil” (O-Ton).
Und außerdem: “Wenn eine Sache im Herzen beginnt, kann sie nur gut werden...” So einfach ist das!
Dann ist hier jetzt die richtige Stelle, um mich einmal für das Herzblut und die Herzenswärme zu bedanken, die dieser großartige Künstler und dieser so liebenswerte Mensch in alles investiert, was er anfängt.

Und Entertainer-Qualitäten hat der Mann selbstverständlich auch noch.   
Wegschmeißen vor Lachen konnte man sich bei den Erzählungen unserer Südkorea-Reisenden Kristin Hölck und Kevin Tarte. Ob es da um irgendwelche “Leckereien” ging, bei denen man nicht wirklich genau wusste, worum es sich handelte; um den täglichen Umgang mit 71 Halbwüchsigen, die zum ersten Mal auf eigene Faust die Welt erkundeten und die Beiden irgendwie zu ihren Ersatzeltern erkoren hatten oder der (unfreiwillige) Abstecher in eine Karaoke-Bar, in der koreanische Geschäftsleute mit Aktenköfferchen ihr Gesangstalent unter Beweis stellten und gegen die Hintergrundmusik anbrüllten.

Eine Geschichte übertraf aber alle anderen: Bei einem ihrer Konzerte (Open Air, tolle Stimmung) küssten sich Kevin und Kristin nach einem gefühlvollen ‘Vivo Per Lei’. Aus ihrer Sicht nichts Dramatisches, aber ein kleiner aufgeregter Koreaner belehrte sie eines Besseren. Mit besorgt-strengem Blick und wild gestikulierend gebot er den Beiden “No, no, no please! Not good, not good!”, worauf die Beiden wie zwei ertappte Pennäler auseinander fuhren.
Kevin stellte den sittenstrengen Mann so anschaulich da, dass sich der Saal kollektiv die Lachtränen wegwischen musste.

Auf ein paar Songs muss ich jetzt aber auch noch näher eingehen.

‘Stern’ aus Les Misérables - ich liebe dieses Stück. Und wenn dann noch Mimik und Gestik stimmen... Und wie dann aus dem strengen Inspektor Javert der gutherzige Jean Valjean wird, der passend zu seinem Gebet ‘Bring him home’ auf die Knie geht und Gott anfleht - ohne Worte.

Kevins (Musical-)Lied schlechthin wird für mich mehr und mehr ‘Wie kann ich sie lieben?’ Genauso eindringlich wie gefühlvoll drückt er die gesamte Gefühlspallette des verzweifelten Biests aus - eine Meisterleistung.

Im März kündigte Kevin den Rebecca-Block noch mit einem augenzwinkernden “Rebecca läuft seit Dezember mit großem Erfolg in Stuttgart...” - Kunstpause - “Auch ohne Kevin Tarte!” an.
Diesmal hätte er vielleicht sagen können “Zum Glück bin ich nicht Schuld daran, dass es schon wieder abgesetzt wird”.

‘Zauberhaft natürlich’, ‘Gott warum?’ und ‘Jenseits der Nacht’ (Duett mit Wietske van Tongeren) kamen jedenfalls beim Oberhausener Publikum gut an und ich bin mir sicher, dass in vielen Köpfen der gleiche Gedanke rumorte: Er wäre ein verdammt guter Maxim de Winter gewesen.

Bei ‘Rondine Al Nido’ kann ich leider nur wieder vorsichtig fragen, wer gleich nochmal Luciano Pavarotti war? Traumhaft schön!

Dann das Intro von Madonnas ‘Like a Prayer’ - die Dame soll doch zukünftig bitte den Mund halten.

Absolut berührend empfand ich diesmal auch ‘For Always...’ und die eindrucksvoll dargestellten zwei Seiten einer Medaille (‘Till’ und ‘Broken Vow’). Bei diesen Stücken hatte man das Gefühl, dass Kevins Stimme auch ohne technische Verstärkung mühelos den letzten Winkel des Ebertbads hätte erreichen können. Das sind Lieder (und ich wage das mal einfach so zu behaupten), die ihm einfach liegen.

Habe ich jetzt noch etwas vergessen? Na klar, wo hab ich nur meinen Kopf!
Zu fortgeschrittener Stunde schlich sich doch tatsächlich wieder dieser Very-Very-Very-Special-Guest in den Saal. Standhaft (und seiner Meinung nach wohl auch standesgemäß) hatte er sich bis dahin geweigert ins Rampenlicht zu treten. Aber jetzt war es seine Zeit. Zeit für einen Nachtvogel!

Und das er sein Publikum einmal mehr von den Sitzen riss, muss eigentlich gar nicht erwähnt werden, oder? ‘Die unstillbare Gier’ breitete sich wie ein unsichtbarer Mantel über das beinahe atemlose Publikum und zog es vollkommen in seinen Bann. Wie gefährlich blitzten da die Zähne und wie eindringlich erzählte der Graf in Menschengestalt von den Schattenbildern seiner Qual.

Aber auch der schönste Abend ging einmal zu Ende und nach nicht enden wollendem Applaus, drei Zugaben, verbunden mit dem Dank des Künstlers an seine “Pottis”, deren Begeisterungsfähigkeit ihn einmal mehr umgehauen hatte, war dann tatsächlich Schluss.

Etwas gemildert wurde die aufsteigende Wehmut durch die Aussicht auf zwei weitere Konzerte mit Kevin im Ebertbad. Und auch die Andeutungen auf ein neues Soloprogramm hörten sich ziemlich vielversprechend an. Und eines ist ja wohl spätestens nach diesem Abend klar: Kein Weg führt für ihn mehr am Pott vorbei.

Und vielleicht, vielleicht, hat Kevin ja auf seiner Fahrt nach Hause eine Textzeile seiner Zugabe (“Ganz da hinten, wo der Leuchtturm steht, wo das weite Meer zu Ende geht. Dort blieb ein Stück von meinem Glück zurück.”) abgeändert und leise vor sich hin gesummt: “Ganz da hinten, wo der Gasometer steht, wo das Ruhrgebiet zu Ende geht. Dort blieb ein Stück von meinem Herz zurück.”