Musical-Gala, 07.03.2010, 16.00 Uhr - Forum am Schlosspark Ludwigsburg

 

“Du bist das Wunder, das mit der Wirklichkeit versöhnt...”

 

Zum ersten Mal seit ewigen Zeiten vertraute ich mich mal wieder der Deutschen Bahn an. Als eingefleischte und überzeugte Autofahrerin absolutes Neuland für mich. Und da ich, wenn es denn wirklich mal sein muss, nicht einmal in der Lage den ÖPNV zu nutzen, ohne mit einem Bein im Gefängnis zu stehen (falsche Preisstufe, falsches Ticket usw.) erwartete mich also ein echtes Abenteuer.

Die Online-Ticketbuchung klappte dann doch verhältnismäßig gut und mein Drucker spuckte tatsächlich das gewünschte Dokument aus.

Gestern habe ich mich an diesem Zettel regelrecht festgeklammert, um bloß zur richtigen Zeit auf dem richtigen Bahnhof auf dem richtigen Gleis zu sein.

Der Zug setzte sich also am Bochumer Hauptbahnhof in Bewegung und in Düsseldorf wurde es dann richtig “amüsant”: Eine etwa 10 Mann starke Gruppe (Fußballfans) enterte den Zug und fast jeder hatte ein Sixpack Bier unter dem Arm. Nun ist so ein ICE-Wagen relativ lang, aber das Schicksal oder sonst wer wollte es, dass sich diese feucht-fröhliche Truppe, die nicht nur mit allerlei trinkbarem sondern auch mit einem undefinierbaren bayerischen Dialekt ausgestattet war, in meinem engeren Umfeld niederließen. Das dies alles mit einer exorbitanten Lautstärke und mit vollem Körpereinsatz passierte, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Kaum sassen alle, wurden auch schon die ersten Bierflaschen mit lautem (leise kannten diese “Männer” nämlich nicht) “Plopp” geöffnet. Man(n) stieß auf Gott und die Welt und vor allem auf sich selbst an. Na dann mal Prost. Die Fahrt ging weiter, die Lautstärke stieg bedenklich an und die Witze wurden immer platter. Als sich schließlich das schier unlösbare Problem stellte, wohin mit den vielen leeren Bierflaschen, kam endlich die Durchsage: “Wir erreichen in wenigen Minuten Stuttgart.” Warum schon in diesem Moment unzählige Menschen aufsprangen, sich mit zum Teil schweren Gepäckstücken im Gang quetschten und anderen Leuten ihre teilweise dicken Hintern ins Gesicht drückten, hat sich mir nicht so ganz erschlossen, aber wie gesagt: Ich bin nicht so die versierte Bahnfahrerin.

Im Stuttgarter Hauptbahnhof klappte der Anschluss mit einer Regionalbahn ganz gut und nach weiteren 10 Minuten Fahrt war Ludwigsburg erreicht. Auch das finden des Schlosspark-Forums war nicht allzu schwierig.

 

Das Programm begann mit einer Ansage von einem Mädel aus dem Orchester. Leider mußte sie mitteilen, dass Marc Gremm vom Arzt absolutes Sprechverbot bekommen hatte und somit nicht mit von der Partie sein konnte. Auch Kaatje Dierks sei stimmlich angeschlagen, wollte aber versuchen, durchzuhalten. (Was ihr dann auch ganz prima gelungen ist. Sehr sympathisch, wie sie sich zwischendurch immer wieder entweder bei ihrem Arzt bedankte oder doch Bedenken bekam, ob das, was sie gerade tat, diesem wohl gefallen würde.)

 

Das erste Stück des Tages (‘Where Eagles Soar’) wurde vom KJO gespielt und dann erschienen die drei Protagonisten des Tages (Kevin Tarte, Janet Marie Chvatal und Kaatje Dierks) mit ‘76 Trombones’ aus The Music Man. Der Titel hatte mir im Vorfeld überhaupt nichts gesagt, aber als es losging kam der Aha-Effekt. Es ist wirklich ein ganz bekanntes Lied.

 

Nach jeweils einer Solo-Nummer der beiden Damen kam Kevin mit seinem ersten Solo (‘Speak Softley Love’ aus Der Pate) auf die Bühne. Ganz cool mit verspiegelter Sonnenbrille, grauem Anzug, weißes Hemd und lila Krawatte stand er da und sang soooooooo wunderschön gefühlvoll und sanft. Und da war die Überschrift zu diesem Bericht geboren: Er war das Wunder, das mit der Wirklichkeit (s. Erlebnisse im Zug) versöhnte. Danke, danke und nochmal danke dafür.

 

“Eigentlich käme jetzt ein Duett mit Marc und mir” verkündete Janet und zählte viele bekannte Duos aus der Film- und Musikgeschichte auf und ließ auch nicht unerwähnt, dass ihr am Vorabend Roland Haug (der Leiter des KJO) hilfreich beigestanden hätte, indem er die Biene Maja und Willi beisteuerte.

Kurz und gut: Aus dem geplanten Duett ‘My Heart Will Go On’ aus Titanic wurde ein Solo von Janet.

 

Zwei junge Herren aus dem Orchester spielten dann ein Posaunenduett. (Das besondere an diesem Stück war für mich, dass mich einer der Jungs doch sehr stark an den jungen Oliver Kahn erinnerte, aber das nur am Rande.)

 

Der erste Teil ging mit Höhepunkten aus Miss Saigon zu Ende. Alle Stücke waren klasse gesungen, aber Kevin (jetzt in Armeehosen, T-Shirt und offenem Hemd) toppte mal wieder alles. Bei ‘Why God Why?’ hat mich neben seiner Stimme wieder einmal seine Mimik fasziniert und bei ‘Letzte Nacht der Welt’ (mit Kaatje) hätte ich dahin schmelzen können. (Das wäre wenigstens geräuschlos vonstatten gegangen, im Gegensatz zu einer etwas merkwürdigen Person neben mir, die immer wenn Kevin erschien einen hysterischen Kicheranfall, begleitet von unkontrollierten Zuckungen bekam.)

 

Der zweite Teil begann mit der ‘Toyland Suite’ (gespielt vom KJO) und es war ganz erstaunlich, wie gut man alleine durch die Instrumente die einzelnen Spielzeuge definieren konnte. Dann folgte ein Solo (das ein Duett sein sollte) von Janet.

 

Und dann kam ES: ‘Nella Fantasia’. Asche auf mein Haupt, das Stück kannte ich bis gestern nicht. Welch große Lücke! Eine junge Oboe-Spielerin stand auf und begann zu spielen. Später wurde sie nur ganz sacht von dem übrigen Orchester begleitet und dann kam Kevin ... Er sang das ‘Nella Fantasia’ so wunderschön, dass einem einfach die Tränen kommen mußten. Unbeschreiblich. Was für ein großartiger Moment! (Und rührend zu sehen, wie Kevin die junge Musikerin beim Applaus immer wieder nach vorne schob und selbst im Hintergrund blieb.)

 

Eigentlich hätte das Konzert jetzt zu Ende sein können, denn man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Es ging aber weiter mit einem Duett von Janet und Kaatje (‘Jemand wie Du’ aus Jekyll & Hyde), gefolgt von ‘Va Todo Al Ganador’ (=‘The Winner Takes it All’) mit Kevin und eigentlich Marc, aber Janet gab den Bariton und sprang (nicht ohne Frotzeleien von Kevin) für Marc ein. Danach kamen noch zwei Solo Titel mit Janet und Kaatje und einem Instrumentalstück des KJO.

 

Kevin sang ‘My Way’, ein Lied, das ich nicht unbedingt brauche, aber wenn es der Richtige singt ...

Als Kevin die Bühne verließ, rief Janet ganz jämmerlich nach ihm. “Kevin, wir haben doch jetzt ein Duett” und aus dem Hintergrund kam eine Stimme: “Ich komm ja schon. Ich zieh mir nur mal eben die Jacke aus.” Es folgte ‘Something Stupid’ mit Kevin und Janet und Kevin gelang es ganz vortrefflich ziemlich “stupid” aus der Wäsche zu gucken. (Apropos Wäsche: Schwarze Lederhose, weißes Hemd, schwarze Weste und vormals auch schwarze Jacke.)

 

Die Gala neigte sich mit einem Medley aus We Will Rock You dem Ende entgegen.

(Vorher schwärmten Kevin und Kaatje aber noch von alten Zeiten, als sie zusammen bei Cats in Hamburg waren. Kaatje: “Das ist aber laaaaange her.” Kevin: “Ja, so hundert Jahre. Aber damals waren wir die kleinsten und süßesten Kätzchen, die es gab. Sozusagen die Kiddie-Cats.”)

Nachdem das Haus gerockt war, war aber immer noch nicht Schluss. Es folgte noch eine Zugabe der Zugabe mit einem Udo Jürgens-Medley oder heute muss man ja besser sagen: Einem "Ich war noch niemals in New York-Medley". Die drei Sänger zogen sich in den Hintergrund zurück und machten den Background-Chor und wohl auch die Background-Tänzer, denn bei ‘Griechischer Wein’ deutete ich Kevins wild rudernde Arme mal als Sirtaki-Einlage.

Mit einem vielstimmigen ‘Ich war noch niemals in New York’, tosendem Applaus und Standing Ovations endete die Gala dann aber wirklich.

 

Fazit: Eine tolle Gala mit einem fantastischen Orchester, einem sympathischen Orchesterleiter und drei Sängern der Extraklasse. Janet und Kaatje habe ich das erste Mal live erlebt. Janet, die, so klein sie ist, eine so große Stimme und eine ganz und gar charmante Art hat und Kaatje, die etwas handfestere und unglaublich wandelbare Frau mit ganz starker, angenehmer Stimme. Und Kevin...

Ich sage bloß: Die zweimal fast 4 Stunden Bahnfahrt und allem drum und dran hätten sich alleine für dieses fantastische ‘Nella Fantasia’ gelohnt.

 

Ach ja und seit gestern liebe ich Schiller. Auf dem Rückweg vom Forum zum Bahnhof habe ich mich an seinem Denkmal orientiert und wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin. (Im Dunklen sieht irgendwie doch alles ganz anders aus und ein Taxi war weit und breit nicht zu sehen.)

Die Abfahrt vom Stuttgarter Hauptbahnhof verzögerte sich um gleich zwanzig Minuten, so dass es schließlich 23.45 Uhr war, als ich wieder in Bochum landete. Um 0.00 Uhr schloss das Parkhaus, in dem mein Auto (wäre ich mal mit dem gefahren) stand, was mich dann noch zu einem kleinen Sprint veranlasste.

 

Aber: Da gab es ja dieses Wunder, das mit der Wirklichkeit versöhnt...