Nachlese 2012 oder: Ich bin (k)ein Fan!

 

Wieder ein Jahr um. Wieder ein Jahr, das mit zahlreichen Musical- und Konzertbesuchen bereichert war. Und doch bin ich 2012 wie noch nie zuvor zu der Erkenntnis gekommen: Ich bin kein Fan!

 

Besonders schmerzhaft wurde mir das am vorletzten Tag des alten Jahres bewusst, als ich eine langerworbene ‘Sweeney Todd’-Karte in bester Lage verfallen ließ, weil mir die Aussicht auf eine Nacht mit verpassten Anschlusszügen und zugigen Bahnsteigen wenig verlockend erschien.

Dumm aber auch, dass ein Theater nicht in der Lage ist, die Länge eines von ihm aufgeführten Stückes im voraus richtig bekannt zu geben und aus diesem Grund aus zwei Stunden und vierzig Minuten mal eben drei Stunden und zehn Minuten werden.

Sämtliche Planungen einschließlich einer bereits gebuchten Bahnfahrt mit einer moderaten Ankunftszeit am Heimatbahnhof wurden damit über den Haufen geworfen. Vielen Dank, liebes Theater Magdeburg.

 

Aber bereits früher im Jahr beschlich mich der Gedanke, dass mir das echte Fan-Gen fehlt.

Als nämlich das in den letzten Jahren von mir besuchte Zusatzkonzert des Kreisjugendorchesters Ludwigsburg nicht wie sonst und bewährterweise in Ludwigsburg stattfand, sondern in Bietigheim-Bissingen. Ah ja, alles klar!

Obwohl ich von diesem Ort noch nie gehört hatte, war ich doch guten Willens ihn kennen zu lernen und loggte mich frohen Mutes auf der Seite der Deutschen Bahn ein.

Tatsächlich, Bietigheim-Bissingen wurde angesteuert und ich sollte es erreichen, wenn ich zwei Mal umsteigen und den Rest des Weges mit dem Bus zurücklegen würde. Der ganze Spaß sollte so an die fünf Stunden dauern (eine Fahrt wohlgemerkt) und relativ spontan entschloss ich mich, dass ich den Sonntag auch anderweitig ganz gut verbringen konnte.

 

Umso erstaunlicher und bewundernswerter (oder vielleicht doch bedauernswerter?) sind für mich deshalb Menschen, die beinahe schon zwanghaft ihrem bevorzugten Musicalstar durch die Republik folgen. Sie tun dies ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen, sei es in physischer, psychischer oder aber materieller Hinsicht.

 

In ihren Köpfen scheint sich hartnäckig der Gedanke festgesetzt zu haben, der Mensch da oben auf der Bühne könne keinen Ton mehr über die Lippen bringen, wenn sein (natürlich größter) Fan nicht im Publikum sitzt. Und allen Ernstes geben sich manche Menschen in ihrem facebook-Profil den Namenszusatz “wsw”. Wofür das steht? Na, selbstverständlich für “wir schon wieder” (und sie scheinen darauf auch wirklich noch stolz zu sein).

 

Fand ich den Begriff “Musicalitis” anfangs noch ganz amüsant, empfinde ich ihn inzwischen als etwas überstrapaziert. Fast scheint es so, als seien manche Mitmenschen regelrecht davon besessen, mehr Musicalbesuche vorweisen zu können als alle anderen.

 

Auf gar keinen Fall darf es versäumt werden, einen anstehenden Musical- oder Konzertbesuch (am besten gleich beim Buchen des Tickets) via facebook kundzutun.

Wer dann die meisten Veranstaltungen vorweisen kann hat gewonnen.

 

Sehr schön ist auch immer der Aufschrei, der mit Konzertankündigungen einhergeht. “Warum kann das Konzert denn nicht in meiner Nähe sein. Heul!” “Immer sind die besten Sachen in...” (je nach Standort beliebig einsetzbar). “Nie ist was in...” (wiederum beliebig einsetzbar).

 

Na liebe Künstler, so geht es aber auch nicht. Schnürt gefälligst Euer Ränzel (noch öfter als ihr es ohnehin schon tun müsst) und bereist gefälligst die ganze Republik, damit auch wirklich jeder jedes noch so kleine Konzert mitkriegt und niemand mehr das Gefühl haben muss, permanent etwas zu verpassen.

 

Und auch die Unsitte, Musicals wieder abzusetzen muss ein Ende haben.

Wer will denn die Verantwortung übernehmen, wenn das Leben eines Fans am Tag nach der Dernière (die er noch mit Rosenwerfen, Gesängen und Knicklichtern verschönert hat) in Scherben liegt?

 

In diesem Zusammenhang sei der fb-Nutzer erwähnt, der am Vortag der Rebecca-Dernière den bedeutungsschweren Satz “Morgen ist er, der schlimmste Tag 2013... und das schon am 06. Januar...” niederschrieb. Wer jetzt schon weiß, dass ihm im neuen Jahr nichts Schlimmeres widerfährt als eine Musical-Dernière ist doch im großen und ganzen ein recht glücklicher Mensch, oder?!

 

Ganz wichtig ist den richtigen Fans natürlich auch, ihrem Star ihre “PP” (Permanent-Präsenz) nach Vorstellungsende an der Stage Door zu zeigen bzw. nach Konzertschluss am so genannten “Meet & Greet” teilzunehmen.

Das eigentliche musikalische Erlebnis nehmen sie meist nur noch leicht gelangweilt in Kauf. Das Hinterher ist doch so viel unterhaltsamer und spannender.

 

Hier kann endlich das zweihundertfünfundzwanzigste Foto (Fan eng und vertraut an Darsteller/In geschmiegt) geschossen werden und das langersehnte dreihundertneunundneunzigste Autogramm gibt es noch obendrein dazu.

 

Dass manche Darsteller/Innen auf den Fotos ein Gesicht machen, als wünschten sie sich ans andere Ende der Welt (dabei wünschen sie sich wahrscheinlich nur, nach einem anstrengenden Tag nach Hause zu kommen) scheint den gemeinen Fan dabei wenig zu interessieren. Oder merkt er/sie es einfach nicht?

 

Auch der oft gebrauchte Satz “Ich hatte noch einiges zum Unterschreiben lassen” weckt in mir pure Verständnislosigkeit. Was denn, um Himmels Willen? Den geschätzten Klopapierverbrauch für die nächste Woche (denn nächstes Wochenende belagern sie ja wieder die SD), damit einem die Unterschrift des/der Angebeteten auch wirklich ganz nah ist?

 

Und wehe, Darsteller/Innen machen diesen Zirkus nicht mit. Denen werden dann gleich mal sämtliche Fähigkeiten abgesprochen und böse Menschen sind sie noch obendrein.

 

Ein bisschen erinnert mich dieses Fan-Gebaren an die so genannten Ultras im Fußball. (Definition laut Wikipedia: “Bei Ultras handelt es sich um fanatische Anhänger, deren Ziel es ist, ihren Verein immer und überall bestmöglich zu unterstützen“.) In einem Zeitungsbericht stand einmal, Ultras sind der Meinung, viel für ihren Verein zu tun und dafür wollen sie auch viel zurück haben und entsprechend behandelt werden.

Dass diese Blitzbirnen niemand zwingt, vor Spielbeginn sogenannte Choreographien darzubieten und während des Spiels mit genau einstudierten Gesängen zu nerven, übersehen sie dann mal geflissentlich. (Und jetzt hoffe ich, dass das nicht die Richtigen oder vielmehr die Falschen lesen und demnächst beim Erscheinen von Darsteller/In XY während einer Vorstellung Banner und farbige Pappkartons in die Höhe gehalten werden.)

 

Aber auch die “Stars” selber haben bei mir im vergangenen Jahr ein ums andere Mal Kopfschütteln ausgelöst. Nehmen wir Musicalstar T.: Er hat vor über drei Jahren bei einem Treffen seiner Fan-Community (jaahaaaa, ist ja gut; ich geb ja zu, ich war dabei - das erste und letzte Mal!) großartig angekündigt, seine erste Solo-CD zu produzieren. Große Freude brach aus und da es Hörproben gab und sich das Ganze im Oktober abspielte, freuten sich die ganz Naiven unter den Anwesenden schon darauf, die CD im Dezember unterm Weihnachtsbaum liegen zu haben.

 

Joah, mittlerweile sind vier Weihnachten ins Land gegangen und die CD ist immer noch nicht erschienen. Von jedem mittlerweile teils schon wieder vergessenen Superstar gibt es gefühlt hundert CD’s, nur diese eine will und will nicht erscheinen. “Ja Moment” begehren jetzt die Ultras des Herrn T. auf “die CD’s sind ja auch nichts gegen das, was uns demnächst (!) erwartet!”

Inhaltlich mag das ja auch stimmen, aber einfach mal vom handwerklichen aus betrachtet, ist eine CD aufnehmen eine CD aufnehmen. Egal, wer da im Aufnahmestudio steht und um welche Musikrichtung es geht. Und bei allem Perfektionismus: Irgendwann ist aber auch mal gut.

 

Aber halt, passend zur vergangenen Weihnachtszeit ließ uns der Künstler wissen, dass “das Endmastering und die Fertigstellung meiner CD stattgefunden hat.” Hallelujah! kann ich da nur sagen.

Und wie lange braucht es jetzt noch, bis das gute Stück in die erwartungsvoll zitternden Finger der Fangemeinde gelangt? Gut, die Fotos für das Cover wollen mit Bedacht ausgesucht sein.

Das kann dann schon nochmal ein gutes halbes Jahr in Anspruch nehmen. Und nur schnöde zu verkünden “Die CD ist jetzt erhältlich” widerstrebt Herrn T. wahrscheinlich auch.

 

Also sollte es mich doch gar nicht wundern, wenn die Suche nach einer geeigneten Location zur Präsentation der kleinen Silberscheibe schon angelaufen ist. Und was läge näher, als die Fans & Friends im Rahmen eines Communtiy-Treffens daran teilhaben zu lassen?

 

Zum Staunen bringt mich seit geraumer Zeit auch das Management eines anderen Musicalstars (nennen wir ihn mal Herrn A.). Waren es bisher ebenso überflüssige wie harmlose Dinge wie eine Halskette, die das sonnige Gemüt seines Schützlings widerspiegeln soll, wurden in diesem Jahr schon schwerere Geschütze aufgefahren. Jedes Konzert (denn der Manager des Herrn A. ist auch ein findiger Konzertveranstalter), dass nicht binnen zehn Minuten ausverkauft war, wurde um Herrn A. als Special Guest bereichert. Und so konnten sich auch Künstler, die vor einem Jahr noch nicht einmal daran dachten, jemals ein Solo-Konzert zu geben oder die sich der etwas schwereren Kunst verschrieben hatten, über einen proppenvollen Saal freuen.

 

À propos freuen: Das können sich seit einiger Zeit auch arme Kinder in Indien. Denn der findige Manager wird nicht müde, der Öffentlichkeit Fotos mit traurig dreinblickenden Kindern zu präsentieren und zu betonen, dass seinem Schützling dieses Projekt sehr am Herzen liegt und dieser natürlich auch schon eine Patenschaft übernommen hat. Klar, dass sich nun manche Fans bemüßigt, ja beinahe schon verpflichtet fühlen, ebenfalls Paten zu werden, obwohl sie in ihrem bisherigen Leben bestimmt noch nie auch nur im Ansatz daran gedacht haben.

 

Richtig geärgert habe ich mich im vergangenen Jahr über den Veranstalter der Sommernacht des Musicals. (Für mich ohnehin ein nahezu unerträglicher Dampfplauderer, aber das nur am Rande.) Kaufte man bei ihm ansonsten immer die Katze im Sack oder besser gesagt, Tickets fürs nächste Jahr, ohne zu wissen, wen man zu sehen bekam (und war damit eigentlich immer gut bedient), stürmte er diesmal auf die Bühne und verkündete mit stolzgeschwellter Brust, dass 2013 die mittlerweile fünfzehnte Ausgabe der Sommernacht des Musicals stattfinden wird. Und zu diesem Anlass habe er sich natürlich nicht lumpen lassen und habe es doch tatsächlich geschafft, Jan Ammann als einen der Mitwirkenden zu gewinnen.

Lautes Kreischen dankte ihm und mit breitem Grinsen sagte er dann doch tatsächlich “Hehehe, ich krieg Euch schon dazu, Karten zu kaufen.”

1.) War das eine sehr unsympathische und selbstgefällige Äußerung.

2.) Kann er sich nun wirklich nicht über mangelnden Zulauf beklagen, denn das Burgtheater ist immer ausverkauft und 3.) hatte diese Ankündigung zur Folge, dass es schon am nächsten Tag keine Karten mehr gab, sieht man einmal von einem Block mit freier Platzwahl ab.

 

Na prima, da war die Taktik dieses cleveren Kerlchens doch voll aufgegangen. Schade nur für all die Stammbesucher, die jetzt in die Röhre schauen, weil sie nicht schnell genug waren. Und schade auch für alle, die vielleicht auch einen Favoriten haben, der aber erst später bekanntgegeben wird und die nun keine Chance mehr auf ein Ticket haben.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe das jetzt nicht aus Frust über nicht bekommene Karten geschrieben. Ich hatte sie nämlich schon am Freitag vor der Sommernacht, als plötzlich der Vorverkaufsstart bekanntgegeben wurde, gebucht. Und das ohne auch nur zu ahnen, was da kommen sollte.)

 

Jetzt aber genug gemotzt, denn es macht doch eigentlich viel mehr Spaß über die Dinge zu berichten, die einem gefallen haben.

 

Und das war zum Beispiel die Tatsache, dass es im vergangenen Jahr gleich drei Mal zu einem Wiedersehen mit zwei Darstellern kam, die mich fast schon mein ganzes “Musicalleben” begleiten: Andreas Bieber und Kristian Vetter.

 

Bei meinem Wien-Trip im April hatte ich doch tatsächlich das Glück, Andreas Bieber als “Fredi-Bär” in ‘Ich war noch niemals in New York’ zu erleben. Hach, wat schön!

Im November war er dann mein strahlender Mittelpunkt bei dem ‘Aspects oft Andrew Lloyd Webber’-Konzert im Ebertbad und konnte dort die ganze Bandbreite seines Könnens so richtig ausspielen. Mitte Dezember dann bildete sein Solo-Konzert ‘Alle Jahre... Bieber’ den glanzvollen Schlusspunkt (wir erinnern uns an das Debakel mit Sweeney Todd) meines Musicaljahres 2012.

 

Wie eine Bombe schlug bei mir auch die Nachricht ein, dass Kristian Vetter den Daryl Van Horne in die ‘Hexen von Eastwick’ im Gelsenkirchener MiR spielte. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich ihn seit 2009 in ‘Vom Geist der Weihnacht’ nicht mehr gesehen. Schon bei seinem ersten Auftritt konnte ich erfreut feststellen, dass da immer noch der wohlbekannte Dreck in der Stimme (und das im positivsten Sinne) war. Wie er da die drei frustrierten Ladys eine nach der anderen verführte und sich dabei selbst nicht ganz ernst nahm - großes Kino!

 

Relativ spontan entschlossen meine Schwester und ich, in diesem Jahr auch einmal der Päpstin unsere Aufwartung zu machen. In Hameln verfolgten wir gebannt das Schicksal der jungen Johanna und durften neben einer grandiosen Sabrina Weckerlin in der Titelrolle eben auch einen grandiosen Kristian Vetter als ihren herrschsüchtigen Vater und als genussfreudigen Papst Sergius erleben.

 

Die Krönung lieferte er dann Anfang Dezember, als er zum wiederholten Male in die Haut des hartherzigen Pfandleihers Ebenezer Srooge schlüpfte. Auch wenn solche Bezeichnungen ja immer etwas abgedroschen klingen, aber den Scrooge darf man wohl mittlerweile mit Fug und Recht als seine Paraderolle bezeichnen. Wie er es immer wieder schafft, die Wandlung des verbitterten, einsamen Mannes in einen warmherzigen Menschenfreund darzustellen, ist einfach einmalig.

 

Wenn ich schon bei der Rubrik Wiedersehen macht Freude bin, darf ich zwei Männer auf gar keinen Fall vergessen: Paul Kribbe (‘Aspects of Andrew Lloyd Webber’-Konzert) und Claus Dam (‘Die Päpstin’). Mensch, auch die beiden hatte ich eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr auf einer Bühne gesehen. Um sie zu beschreiben reichen fünf kleine Worte: Sie haben es einfach drauf!

Schier unglaublich, dass sie jahrzehntelang Erfolg haben, ohne das es Kalender von ihnen gibt oder ihr Antlitz diverse Tassen ziert...

 

Sehr erfreulich fand ich auch, einen gewissen Arvid Larsen kennen zu lernen. Diesen Umstand verdankte ich der Wieder-einmal-Abwesenheit eines Thomas Borchert, der es genau an dem Wochenende vorzog in Hamburg zu weilen, als ich ihn als Hausherr von Schloss Manderley in Stuttgart erwartete. Aber der, der dann als Maxim de Winter auf der Bühne stand, ließ diesen Umstand ganz schnell vergessen. Nach dem Aus von ‘Rebecca’ vor ein paar Tagen kann ich nur hoffen (fürchte aber das Gegenteil), dass er deutschen Produktionen noch lange erhalten bleibt.

 

Zwei Kandidaten, die bisher auf meiner geistigen “Geht-gar-nicht-Liste” standen konnten mich im vergangenen Jahr auf tolle Art und Weise für sich einnehmen.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich über Andreas Wolfram (jahrelange Stammbesetzung beim Starlight Express) schon geärgert habe. Wenn sein Name auf dem Castboard stand, war das ein Garant dafür, entweder eine total gelangweilte Show von ihm zu sehen oder eine an Unnatürlichkeit nicht zu überbietenden Stimme und Darstellung zu erleben. Und jedes Jahr die frohe Botschaft: Andreas bleibt StEx noch ein weiteres Jahr erhalten. Freu, freu!

 

Ob er diesmal beim Tag der offenen Tür des Rollschuhmusicals besonders gute Laune hatte oder ob einfach mal ein Knoten geplatzt ist - keine Ahnung. Jedenfalls grenzte es schon an ein Wunder, dass der Herr sich herab ließ und bei den Skate- und Technikshows mitmachte. Wat war dat denn?

Als er schließlich noch mit seinen Kollegen die Außenbühne rockte und als Frank’n‘Furter ein hinreissendes 'Sweet Transvestite' hinlegte fand ich ihn doch tatsächlich richtig sympathisch.

 

Auch Christian Alexander Müller gehörte jetzt nie wirklich zu meinen Favoriten, aber was der junge Mann bei der diesjährigen Sommernacht des Musicals in Dinslaken präsentierte, war schon nicht von schlechten Eltern. Seine Stimme hatte nicht mehr diesen metallischen Klang, der mich immer so gestört hatte, sondern klang richtig wohlig warm. Los ging es mit einem wunderbaren 'Der Mann, der ich einst war' (Der Graf von Monte Christo). Es folgte sein Leib- und Magenstück 'Die Musik der Nacht' und das hatte ich noch nie so großartig von ihm gehört wie dieses Mal. Die Standing Ovations waren wirklich berechtigt und auch ich stand dieses Mal aus vollem Herzen auf. Sehr sympathisch war auch sein kleinlautes “Ich kann nicht tanzen”, als ihn die temperamentvolle Roberta Valentini bei ihrem Duett 'The Time of My Life' zu einem heißen Tänzchen animieren wollte. Aber auch trotz (oder vielleicht wegen) der fehlenden Tanzeinlage war das Stück gut gelungen.

 

Bei dem Konzert der Musical Tenors überzeugte er in seinen beiden Solostücken (‘Die Musik der Nacht’ und ‘Bring ihn heim’) wieder auf ganzer Linie und avancierte für mich zum sympathischeren Teil dieser Formation. Gut, er wird jetzt nie der große Spaßvogel sein oder ein Mensch, der mit seinem natürlichen Charme jeden sofort in seinen Bann zieht. Aber letztendlich ist mir so jemand dann doch tausend Mal lieber als jemand, der um jeden Preis witzig sein will und dabei leider nur lächerlich wirkt.

 

Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir natürlich auch der Grafenwechsel im Wonnemonat Mai in Berlin. Da floss bei mir schon das ein oder andere Tränchen, als sich mein Lieblingsgraf Kevin Tarte von seiner Rolle verabschiedete. Aber auch der Einzug des neuen Grafen (Thomas Borchert) wird mir unvergessen bleiben, denn er wurde bei seinem ersten Erscheinen unter Beifall zur Bühne geleitet. Gänsehaut pur!

 

Nicht vergessen darf ich natürlich das Solo-Konzert von Kevin Tarte im Ebertbad, bei dem er zum ersten Mal nach dem Abschied der Vampire aus Oberhausen ins Ruhrgebiet zurückkehrte. An diesem Abend passte, mal abgesehen von einer dicken Erkältung die mich beutelte, einfach alles.

 

Während ich das so schreibe merke ich gerade: Ich bin ein Fan! Ein Fan von diesen besonderen Momenten, die so unwiederbringlich und unbezahlbar sind.

Ich freue mich auf das neue Musical-Jahr und deshalb stimmt es mich auch ziemlich fröhlich, dass das ein oder andere Kärtchen nur darauf wartet eingerissen zu werden. Ich freue mich ebenso darauf, alte Bekannte auf der Bühne wiederzusehen, wie ich gespannt auf eventuelle Neuentdeckungen bin.

Und ganz ehrlich? Ich freue mich unbändig darauf, endlich mit zitternden Händen eine CD in den Player zu schieben und in aller Ruhe einer Stimme zu lauschen, die mich immer wieder in ihren Bann zieht und unendlich fasziniert.

 

Ganz nebenbei gibt es ja auch noch, quasi vor meiner Haustür, ein Jubiläum zu feiern. Seit sage und schreibe fünfundzwanzig Jahren drehen Rusty & Co. jetzt schon ihre Runden im rasantesten Musical der Welt. Möge der Geist des Starlight Express’ noch lange die Halle am Stadionring erfüllen.