The Gentlemen of Musical, 07.06.2014, 20.00 Uhr - Ebertbad Oberhausen

 

Heiß, heißer, Gentlemen...

 

Da warense also wieda... Die beiden Herren, die es verstehen Herrscharen zu elektrisieren, gemeinsam in echt und lebendig auf einer Bühne. Vorhang auf, Musicalstars in Concert proudly presents Jan Ammann und Kevin Tarte, ihres Zeichens “The Gentlemen of Musical”.

 

Klar, dass die Tickets weg gingen wie geschnitten Brot und dass es schon nach kurzer Zeit (zumindest für Oberhausen) hieß: Ausverkauft!

Diese Tatsache und die Hitze der vorangegangenen Tage ließ schon nichts Gutes ahnen und richtig: Als man das Ebertbad betrat wurde man gleich in eine warme Wolke gehüllt, die einem den Schweiß von der Stirn rinnen ließ und dafür sorgte, dass sich manch sorgfältig aufgetragenes Make-up in Nichts auflöste.

 

Kluge Frauen hatten einen Fächer mitgebracht und fächelten sich grazil Luft zu. Weniger kluge Frauen (wie ich) haben zwar einen Fächer, aber hatten diesen nicht dabei. Wenig grazil wurde also mit den Getränke- oder den ausliegenden Konzerthinweiskarten (was für ein Wort) vor den Gesichtern herumgewedelt, um so wenigstens für ein bisschen Abkühlung zu sorgen.

 

Zum guten Brauch eines Musical- oder Konzertsbesuches gehört für mich immer, meine Sitznachbarn näher in Augenschein zu nehmen. Rechts und links konnte ich diesmal vor unliebsamen Überraschungen sicher sein, denn dort sassen meine Schwester auf der einen und eine liebe gute Bekannte auf der anderen Seite. Die Leute hinter uns machten einen eher unscheinbaren Eindruck, stellten sich aber im Laufe des Abends als echte Experten heraus, die immer wieder mit fundiertem Wissen zu glänzen wussten. Vor mir waren noch ein paar Plätze frei und in den davor liegenden Reihen ragte niemand unangenehm in die Höhe, so dass ich mich schon über die relativ gute Sicht zu freuen begann.

 

Aber man soll sich bekanntlich nie zu früh freuen und schon gar nicht, bis die Plätze vor einem belegt sind. Und da kam es diesmal im wahrsten Sinne des Wortes dicke.

Ein extrem beleibter Mensch (ich lasse jetzt mal offen, ob Frau oder Mann, wähle aber im weiteren Verlauf die männliche Form) schob sich in die Stuhlreihe und ließ sich, auch bereits sichtlich von der Hitze mitgenommen, erleichtert auf seinen Stuhl fallen. Schlagartig war mir der Blick auf die Bühne versperrt und mir dämmerte umgehend, dass dieser Abend für mich wohl eher eine One-Man-Show werden sollte, wenn überhaupt. Ansonsten würde mir nichts anderes übrig bleiben, als Frau Komissartchik bei ihrem virtuosen Spiel auf den Tasten zu beobachten. Sicher auch reizvoll, aber deswegen war ich eigentlich nicht hier...

 

Das Saallicht ging aus und wer immer noch die leise Hoffnung hegte, dass nun vielleicht doch die Klimaanlage anging, sah sich enttäuscht.

Marina Komissartchik nahm am Klavier Platz und ihr folgten nacheinander Kevin Tarte und Jan Ammann.

 

Opener war, wie schon im letzten Jahr, ‘You’re nothing without me’. Die hübschen Frauen blieben diesmal unbedacht, stattdessen folgte das mir völlig unbekannte ‘Who will love me as I can’.

 

Da die beiden Herren bei diesem Stück dicht nebeneinander standen, konnte ich keinen der Beiden sehen und wünschte mir in diesem Moment, Fan der Wildecker Herzbuben zu sein. Die ließen sich nicht so einfach verdecken.

 

Im Anschluss daran folgten die ersten Solostücke. ‘I am what I am’ ließ uns Jan Ammann wissen. Wer möchte das nicht gerne von sich sagen? Fast inflationär wird es ja oft daher gesagt “Ich bin was ich bin” und komischerweise häufig von Leuten, die eigentlich nur etwas sein möchten und überhaupt nicht mehr das sind, was sie sind.

 

Kevin Tartes erstes Solo war ‘Being Alive’, mir wiederum völlig unbekannt und auch nicht wirklich im Gedächtnis haften geblieben. Außerdem schwitzte ich in dem Moment besonders und gesehen hatte ich immer noch nichts.

 

‘Send in the Clowns’ (bei den ersten Takten meinten die Experten hinter uns “Ah, was aus Cats!”)

war mein erstes Highlight. Ich liebe dieses Stück seit ewigen Zeiten und in dieser sowohl zweistimmigen wie auch zweisprachigen Version - Hach wat schön!

 

Nun war es Zeit für die beiden Damen des Abends: Viktoria Tocca und Tina Haas. Gemeinsam sangen sie ‘Ich hab geträumt’ aus Les Misérables. Auf den Barrikaden blieb auch Jan Ammann und besang den ‘Stern’. Etwas weniger wütend und zurückhaltender (positiv gemeint) als sonst, was mir gut gefiel. Und Hurra!, als er zum Unterstreichen seines Schwurs den Arm in die Höhe reckte, konnte ich diesen sogar sehen.

 

Erfreulicherweise beschloss mein beleibter Freund, seine Sitzposition ein wenig zu ändern, und so kam es, dass ich Kevin Tarte bei seinem nächsten Solo nicht nur hören, sondern auch sehen konnte. Ich Glückspilz ich!

Er brachte aus Camelot ‘If ever I would leave you’ zu Gehör und wenn mich nicht alles täuscht, hat er das auch bei seinen With a Song in my Heart-Konzerten gesungen. Schon seinerzeit fand ich dieses Stück toll und es hat auch diesmal nicht seine Wirkung auf mich verfehlt.

 

(Eine kleine Anekdote am Rande und wieder mal ein “typischer Kevin”: Er wollte dieses Stück schon nach ‘Send in the Clowns’ singen. Er sagte es an, beschrieb in schönsten Worten eine alte Burg und verfiel in die Kevin-übliche Andacht, die man des öfteren bei ihm sehen kann, wenn ihm ein Titel besonders am Herzen liegt. Die Stimmung war also schon mal da, nur eine Kleinigkeit fehlte...

Marina Komissartchik weigerte sich beharrlich, ihr Spiel zu beginnen. Da kehrte auch unser Träumerle in die Realität zurück und warf der Pianistin einen fragenden Blick zu. Erst als diese energisch den Kopf schüttelte, fiel ihm ein: “Oh my God, erst kommen ja die Ladies...”

Als er dann tatsächlich an der Reihe war und wieder auf die Bühne kam, machte er verschwörerisch den Daumen nach oben, ganz nach dem Motto “Jetzt aber!”)

 

Viktoria Tocca sang (mutmaßlich auf schwedisch) aus dem eher unbekannten Musical Kristina från Duvemåla der beiden ABBA-Jungs Benny Andersson und Björn Ulvaeus ‘Du maste Finnas’

 

Ihr folgten das Trio Haas, Ammann und Tarte mit ‘This Side of the Sky’ aus dem neuesten Musical von Meister Webber (Andrew Lloyd Webber) Stephan Ward. (Beim googeln bin ich übrigens auf folgende Überschrift gestoßen: “Stephan Ward: Andrew Lloyd Webber's biggest flop to date...” Nun, das mögen andere beurteilen, allerdings vom Stuhl gehauen hat mich dieses Stück auch nicht gerade.)

 

Anlässlich des 100. Geburtstags der UFA (Universum Film AG) - der zwar erst im Jahre 2017 ansteht, aber was soll’s - hielten es die Herren Ammann und Tarte für eine gute Idee, uns in die Zeit der Schwarzweißfilme zu entführen. Gott sei Dank beließen sie es nur bei einem kleinen Versuch, noch einen Schritt weiter in die Stummfilmzeit zurückzugehen.

 

‘Irgendwo auf der Welt’ und ‘Ein Freund, ein guter Freund’ hießen die beiden Gassenhauer aus längst vergangener Zeit. Dazwischen gab es für mich allerdings so etwas wie eine Begegnung der dritten Art. Der Scheinwerfer schwenkte von der Bühne ins Publikum und beleuchtete den Mittelgang zwischen den Stuhlreihen. Von hinten kam eine Dame nach vorne und redete mit den beiden Herren auf der Bühne. Im Publikum herrschte eine gewisse Ratlosigkeit und die Gentlemen zogen es ebenfalls vor, die Bühne zu verlassen. Betont lasziv erklomm die Dame einen Barhocker und gab mit vielen rollenden Rrrrrrrrrrrrrrrrr’s Zarah Leanders ‘Nur nicht aus Liebe weinen’ zum Besten. (Nee, aus Liebe nicht, aber ich hätte da im Moment noch einen anderen Grund.)

Um es kurz zu machen: Bei der Dame handelte es sich um Karin Pagmar, sie war der Super-Special-Guest der GoM-Konzerte und, laut Jan Ammann, mit einer Stimme gesegnet, die einen in den Stuhl haut (was man ja auch so oder so interpretieren kann). Nun habe ich bei meinem letzten GoM-Bericht den großen Fehler begangen und mich, sagen wir, nicht so freundlich über eine blonde Sängerin geäußert, was mir von ein paar Leuten echt übel genommen worden ist. Deshalb werde ich hier einen Teufel tun und mich näher über Frau Pagmar auslassen. Nur so viel: Ich hätte sie jetzt nicht gebraucht.

 

Den ersten Akt schloss der Phantom-Block: ‘Love never dies’ sang Viktoria Tocca und es klang in meinen Ohren (sie taten nämlich nicht unerträglich weh) um Längen besser als bei der oben kurz erwähnten blonden Dame.

 

Das Phantom tauchte wieder im Doppelpack auf (die Experten hinter uns raunten “Endlich was aus Tanz der Vampire) und animierten ihre Christine, in den höchsten Tönen für sie zu singen (‘Das Phantom der Oper’). Vielleicht etwas zu viel, denn die beiden Phantome, die sie da umschlichen wie eine Katze die Maus, schienen für die arme Frau etwas zu viel zu sein, denn mit einer abwehrenden Geste und einem Gesicht, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, flüchtete sie geradezu von der Bühne.

 

Nicht-Phans (Phans=Fans vom Phantom der Oper) schienen über den arg dramatischen Abgang etwas irritiert zu sein. Phans hingegen wussten gleich “Autsch, das ging aber daneben.”

Und zwar dieser vermaledeite letzte und ja wirklich bis an die Schmerzgrenze vermutlich vieler Sängerinnen gehende Ton. Den hat sie nicht mal wirklich zersemmelt, sondern sie hat ihn einfach gar nicht mehr erreicht (anders kann ich das jetzt als Laie nicht beschreiben). Darum brach sie ihren Gesang ab, noch ehe die Musik zu Ende war und wehrte mit ihren Händen den Applaus ab.

Dank meinem Vordermann konnte ich Phantom Jan in dem Moment nicht sehen, aber die Reaktion von Phantom Kevin war einfach nur rührend. Voller Mitgefühl sah er seine junge Kollegin an und hätte sie wohl am liebsten tröstend in den Arm genommen. Ihre Flucht kam ihm aber zuvor und so guckte er nur ein wenig hilflos zu Jan hinüber (den ich immer noch nicht sehen konnte) und die beiden beschlossen wohl stillschweigend mit ‘Till I hear you sing’ weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.

 

Eine Pause hatten nun alle Beteiligten nötig und der Großteil der Zuschauer drängte nach draußen. Teils um ein bisschen frische Luft zu erhaschen, teils um das bisschen frische Luft mit Zigarettenqualm sofort wieder unfrisch zu machen. Tatsächlich hatte es sich ein wenig abgekühlt und ich glaube, niemand hätte etwas dagegen gehabt, wenn der zweite Teil des Konzerts draußen stattgefunden hätte.

Fand er aber nicht und das typische Ebertbad-Glöckchen rief alle wieder ins Innere, wo es zwischenzeitlich, so schien es zumindest, noch heißer geworden war.

 

Auch der Stuhl vor mir war wieder besetzt und so beschloss ich für den zweiten Akt, mich kerzengerade hinzusetzen, um wenigstens hin und wieder über ihn hinweg einen Blick auf die gesamte Bühne zu bekommen. (Die Experten hinter mir dachten sicher, ich sei in der Pause gewachsen.)

Lange Zeit, sich darüber Gedanken zu machen hatten sie allerdings nicht, denn es wurde mystisch.

Die ersten Takte von ‘Gott ist tot’ erklangen und unisono durchflutete ein Seufzer den Raum. Die beiden Herren der Finsternis teilten sich ihre Gesangsparts brüderlich auf und luden gemeinsam ihre Sarah (Tina Haas) zum Ball ein und zogen sie anschießend genauso einträchtig in die ‘Totale Finsternis’ hinein. Vier lange Vampirzähne blitzten in gefährlicher Nähe der Halsschlagader, denn natürlich hatten es sich die Beiden nicht nehmen lassen, ihre Beißerchen einzusetzen. Eine echte Überraschung wäre mal, wenn diese Einlage ausbleiben würde, aber dann wären sicherlich viele Fans aus beiden “Grafenlagern” enttäuscht. Und solange der Veranstalter mit Plakaten für das GoM-Konzert wirbt auf dem nicht etwa die Konterfeis von Herrn Ammann bzw. Herrn Tarte zu sehen sind, sondern die beiden in Grafengestalt, ist damit wohl auch nicht zu rechnen. (Herr L. weiß eben, was die Fans wollen...)

 

Einmal in Beißlaune, schloss sich noch aus dem Musical Dracula ‘Je länger ich lebe’ an, bevor Viktoria Tocca ein Lied (‘Dark Waltz’) von ihrer CD sang.

 

Bevor die Herren Tarte und Ammann mit einem wunderschönen ‘The Rose’ gemeinsam für das nächste Highlight sorgten, gab es noch je ein Solostück: ‘What’s another year’ (Tarte) und ‘Unchained Melody’ (Ammann).

 

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch Frau Pagmar noch einmal auftauchte (‘Er war gerade 18 Jahr’).

 

‘Paris, Paris’ - dorthin entführte uns Jan Ammann. Die melancholische Geschichte steht irgendwie im Gegensatz zu der leichten Melodie. Besonders bei dieser “Lalala Lalala, Paris Lalala-Stelle” kriegt man richtig Lust, sich in ein luftiges Sommerkleidchen zu werfen und durch die Straßen von Paris zu tanzen.

Apropos luftiges Sommerkleidchen: Erwähnte ich eigentlich schon, wie heiß es war?

 

Kevin Tarte offenbarte uns die ‘Rainbow Connection und verschwieg doch tatsächlich, dass es sich dabei um ein Lied aus der Muppet Show handelte. Erst Jan Ammann brachte ihn dazu, das Geheimnis zu lüften (“Hast Du’s ihnen gesagt?” “Nein, hab ich nicht.” “Los, sag das jetzt.”) und sorgte damit für allgemeine Erheiterung.

 

Ebenfalls zur Belustigung trugen die Überlegungen der zwei Helden bei, ob sie sich nicht vielleicht mal ihrer Jacketts entledigen sollten. Während Kevin Tarte mutig die Initiative ergriff und tatsächlich einmal ohne die wärmende Oberbekleidung auf der Bühne erschien, verwarf Jan Ammann diesen Gedanken ob seines durchschwitzten Hemdes relativ schnell. Auch die Bemerkung seines Kollegen, dass bestimmt wenige etwas gegen “Mister Wet-Shirt” hätten und das verlangende Kreischen aus dem Publikum konnten ihn nicht umstimmen. (So blieb der kollektive Kollaps angesichts eines verschwitzten Männerkörpers also zum Glück aus.)

 

Tina Haas besang noch das ‘Einsame Gewand’ der Päpstin und weil die Kirche schon einmal Thema war, fragte Jan Ammann gleich im Anschluss ‘Gott warum?’ (Mir wieder eine Spur zu wütend, aber das ist ja Geschmackssache).

 

Noch einmal gab es das Trio Haas, Ammann, Tarte und zwar mit dem Titel ‘Niemals allein’ aus Der Graf von Monte Christo.

 

Das Beste kommt zum Schluss; es bewahrheitet sich doch immer wieder.

Kevin Tarte sang ‘Into the West’ und dass mir jetzt ziemlich heiß wurde, lag nicht mehr an der hohen Temperatur. Boah, das war ja mal wieder so ein richtiger “Kevin-Song”, einfach nur traumhaft schön.

 

Zeit um wieder Fassung zu erlangen gab es nicht, denn gleich im Anschluss beglückten uns die Gentlemen mit einem fantastischen ‘Hallelujah’. So hätte es jetzt meinetwegen noch stundenlang weitergehen können. Ging es aber nicht und so war ‘Weil das mein Leben ist’ (abgewandelt in “Weil das unser Leben ist”) das letzte Duett des Abends.

 

Als Rausschmeißer diente einmal mehr ‘That’s what’s friends are for’, dass alle Beteiligten gemeinsam interpretierten.

 

Trotz einigem Ungemach wie der großen Hitze und das mitunter doch stark eingeschränkte Blickfeld war es ein gelungener Konzertabend. Die Highlights waren (neben ‘Into the West’) für mich ganz klar die Duette der beiden Künstler, von denen es gerne noch ein paar mehr hätten sein können. Der Frauen-Anteil war mir eindeutig zu hoch; ich hätte auch nichts gegen einen reinen Herrenabend einzuwenden. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert und man muss mit dem zufrieden sein, was man hat. Also mache ich artig einen Knicks, verbeuge mich in Ehrfurcht und sage: “Tschüss und Danke, Gentlemen - schön war’s mit Euch!”