Thomas Borchert: If I sing, 14.05.2011, 20.00 Uhr - Ebertbad Oberhausen

 

“Singen macht glücklich...”

 

So viele tolle Lieder an einem Abend - ich hoffe, dass ich zumindest den größten Teil behalten habe. Die genaue Reihenfolge kriege ich bestimmt nicht mehr hin, aber ich weiß ganz genau, dass das Konzert mit dem Motto des Abends 'If I sing' (aus Closer Than Ever) begann.

 

"Wenn ich singe, bin ich glücklich" erklärte Thomas Borchert seinem geneigten Publikum und da er ja ein großherziger Mensch ist, wollte er alle Anwesenden an seinem Glück teilhaben lassen.

Was im Umkehrschluss nichts anderes hieß, als dass Alle singen mußten, äh... durften.

Dazu wurde der ganze Saal von den Plätzen hochgescheucht und mit diversen Atemübungen vertraut gemacht. Dies beinhaltete, dass zunächst (einatmend) die Arme in die Luft gestreckt werden mussten, um sie dann, zusammen mit dem Oberkörper und, ganz wichtig, einem "kleinen Seufzer" (ausatmend) nach vorne fallen zu lassen.

 

Natürlich gab es zu dem "kleinen Seufzer" noch eine Steigerung: Den "großen Seufzer" (wer hätt's gedacht?). Da der Herr der richtigen Atmung wohl in größtenteils fragende Gesichter blickte, ließ eine Erklärung nicht lange auf sich warten: "Der große Seufzer ist wie der Kleine - nur eben größer..."

 

Und dann ging es richtig los: Das Ebertbad wurde in drei Teile aufgeteilt: Der rechte Teil mußte (durfte) ein "Singen macht glücklich" anstimmen, der linke Teil wurde dazu verdonnert mit einem fröhlichen (bescheuerten) "Sing, sing, sing, sing" (im Scheibenwischerrhythmus) einzustimmen und die Leutchen im Rang, Verzeihung auf der "Baahaalluuuuustrrrraade", bekamen ebenfalls noch einen Part zugewiesen.

Und da waren sie: "Die Borchert-Chöre", wie es ein Spaßvogel in Kenntnis dessen, was auf ihn zukam, auf seinem T-Shirt stehen hatte.

Irgendwann waberte eine große Wolke der Glückseligkeit durch den Raum, der Meister war zufrieden und alle durften sich wieder setzen.

 

'Dies ist die Stunde' sang nun endlich der, für den Alle gekommen waren.

Und weiter ging es mit Stücken aus 'Jekyll & Hyde': Thomas Borcherts Kollegin Carin Filipčić kam auf die Bühne und es folgte das Duett 'Nimm mich wie ich bin' . 'Mein Leben' beklagte sie anschließend und war damit mühelos von der einen weiblichen Hauptrolle (Lisa Carew) in die andere (Lucy Harris) geschlüpft.

Als sie die Bühne verlassen hatte, erzählte Thomas Borchert, dass er Carin Filipčić von "den Elenden" kannte und spielte damit auf seine Les Misérables-Zeiten im nahen Duisburg an. (Meine Güte, wen hatte ich damals alles gesehen, ohne auch nur annähernd etwas mit den Namen anfangen zu können.)

Logische Konsequenz konnte jetzt nur sein, dass etwas aus Les Mis kam und so war es auch.

'Bring ihn heim', das Gebet des Jean Valjean auf den Barrikaden. Ich habe es schon oft von ihm gehört, aber noch nie in dieser Intensität. Das war Gänsehaut pur...

Anscheinend ging es Einigen so, denn nach dem letzten Ton ertönte von einer Zuschauerin ein abgrundtiefes "Boah!" (Für alle Nicht-Ruhrgebietler: Mit "Boah" unterstreichen wir gerne die darauffolgenden Worte: "Boah, ist das toll..." , "Boah, so eine Scheiße...", "Boah, bin ich satt..." Stößt der gemeine Ruhri nur ein "Boah" aus, heißt das im allgemeinen: "Ich bin sprachlos!")

Und auch der Protagonist konnte sich wohl einer gewissen Ergriffenheit nicht erwehren, denn für einen Moment schimmerte es auch in seinen Augen verdächtig feucht.

 

'Gigi' aus dem gleichnamigen Musical wurde (eingeleitet von der Geschichte über britische Freilufttheater im britischen Sommer) größtenteils im Publikum zelebriert, wo es wohl einige 'Gigis' zu entdecken gab.

 

Ebenfalls nicht ohne Geschichte begann der kleine Mozart-Block.

Thomas Borchert erzählte nämlich, warum er als relativ junger Mann ("schlappe 30") an die Rolle von Mozarts Vater Leopold gekommen ist. Er kam (welch Zufall) gerade aus Duisburg und hatte sich Valjean-mäßig einen Bart wachsen lassen. Der damalige Regisseur erkundigte sich, für welche Rolle er vorsingen wolle und war entsetzt, als er erfuhr, dass es der Colloredo sein sollte.

Das ging seiner Meinung nach ja gar nicht: "Junge, Du siehst so gütig aus, Du musst den Vater spielen."

Also hieß es für den jungen (gütigen) Mann, alles Gelernte zu vergessen und sich innerhalb kürzester Zeit mit einer anderen Rolle vertraut zu machen. Und da er anscheinend schon damals über ein nicht unerhebliches Improvisationstalent verfügte, klappte es ja auch bestens.

Und auch, wenn ich mir von ihm gut ein 'Wie kann es möglich sein?' vorstellen könnte - ich nehme auch immer wieder gerne sein 'Schließ Dein Herz in Eisen ein'.

So ganz genießen konnte ich es diesmal allerdings nicht, denn ich ahnte, was als nächstes kam: Wir waren bei Mozart + es gab eine weibliche Protagonistin = 'Gold von den Sternen'. Ich mag dieses Lied einfach nicht. (Aber Carin Filipčić hat es schön gesungen.)

 

Der erste Teil des Konzerts endete mit Elisabeth, dem Musical, in dem unser Tausendsassa gleich zwei nicht unbedeutende Rollen (alternativ, wie er es nannte) gespielt hatte: Den Tod und, wenn man so will, dessen Handlanger Luigi Lucheni.

Es verstand sich von selbst, dass es auch hier wieder etwas zu erzählen gab und die Vorstellung, dass der Tod im zweiten Akt sozusagen über sich hinausgewachsen war, während es den Lucheni nur noch in geschrumpfter Ausgabe zu sehen gab, entbehrte nicht einer gewissen Komik. Das sind doch so Vorstellungen, die jeder Musical-Verrückte zu gerne einmal selbst erlebt hätte.

 

Ich glaube, 'Kitsch' hatte ich von Thomas B. noch nie live gehört bzw. gesehen, aber eigentlich war schon klar, dass ihm der zynische Attentäter gut stand.

'Nichts, nichts, gar nichts' klagte Carin Filipčić und es tat gut, von der Elisabeth etwas anderes zu hören als das doch eigentlich übliche 'Ich gehör nur mir’.

 

Zum krönenden Abschluss des ersten Teils gab es noch den letzten Tanz oder war es der Todeswalzer oder doch der allerletzte Todestanz?

Wie auch immer: Auf jeden Fall war es eine very special edition von ‘Der letzte Tanz’, zu dem Thomas Borchert sich selbst am Klavier begleitete (jeder Andere wäre da auch nicht mehr mitgekommen) und es war eine Freude ihn dabei zu beobachten, auch wenn ich manchmal etwas Angst hatte, dass er bei seiner euphorischen Zappelei vom Klavierhocker fallen könnte.

 

Der zweite Akt begann mit der ‘Musik der Nacht’ und als T. B. anschließend erzählte, dass er das Phantom auch ganz in der Nähe gespielt hatte, legte er zum zweiten Mal an diesem Abend die Finger in offene Wunden. Nicht genug, dass das wunderschöne Theater am Marientor in Duisburg (ehemals Les Misérables) nicht mehr durchgängig von Musicals bespielt wird, nein, auch mein geliebtes Colosseum Theater in Essen (Phantom der Oper) fristet seit geraumer Zeit ein eher vernachlässigtes Musical-Dasein und wird zu meinem Entsetzen zum Casting für das Supertalent missbraucht.

 

Vielleicht sollte sich Herr Borchert mal Gedanken machen, dass alle Theater (zumindest im Ruhrgebiet) an denen er mal gespielt hat, den Dauer-Musicalbetrieb einstellen. Da kann man ja nur von Glück sagen, dass er bisher keine Ambitionen hatte, sich einmal als Lokomotive zu versuchen...

 

Ein zweites Andrew Lloyd Webber-Stück folgte auf dem Fuße: ‘Jung, schön und geliebt’ (aus Evita). Auch immer wieder schön zu hören.

 

Die nächste Überraschung ließ nicht lange auf sich warten, denn Herr Borchert verschwand hinter dem Vorhang, um mit einem eigenartig altertümlichen Gerät wieder zu erscheinen. Noch einmal verschwand er kurz und kehrte mit schwarzer Hornbrille (mit der sich manch Einer ja auch im richtigen Leben gefällt) und Gitarre zurück. Mensch, klar: Buddy Holly hat er ja auch schon mal gespielt.

Erwähnte ich in seinem Zusammenhang schon das Wort Tausendsassa?

 

Kurzerhand wurde ein Kabel von dem komischen Gerät, was wohl ein Verstärker war, an die Gitarre (kann er also auch spielen) angeschlossen, ein Schalter wurde umgelegt, nach etwa 30 Sekunden (“so lange muss man warten”) folgte ein zweiter Schalter und schon ging’s Rock’n Roll-mäßig ab.

‘Peggy Sue’ und (ich glaube) ‘Oh Boy’ rockte es da oben auf der Bühne und unten im Publikum gab es keinen Fuß mehr, der nicht im Rhythmus mit wippte.

 

Jetzt mußten sich die Gemüter erst mal wieder beruhigen.

 

Nach einer eleganten Einleitung, die über die Band Unheilig zu deren Frontmann (Der Graf) führte, kamen wir schließlich zu Thomas Borcherts Leib- und Magenrollen.

 

In drei verschiedenen Stücken hatte er diesen Adelstitel schon geführt, zuletzt in Der Graf von Monte Christo in St. Gallen. ‘Der Mann, der ich einst war’ ist wohl das Lied dieses Grafen und Thomas Borchert singt es jedesmal mit so viel Herzblut und zeigt damit immer wieder, wie viel es ihm bedeutet, dass ihm Frank Wildhorn diese Rolle quasi auf den Leib geschrieben hat.

 

Es folgte wiederum ein Duett mit Carin Filipčić (ich glaube es war ‘Niemals allein) - sehr schön.

 

Dann galt es den nächsten Grafen abzuhandeln - “aber der ist irgendwie anders.”

Klar, holt er doch manches Mal seine spitzen Eckzähne hervor, um sie in den Hals ahnungsloser Opfer zu schlagen. Allerdings ist er auch eine sehr zerrissene Kreatur, was mit ‘Je länger ich lebe’ (aus Dracula) schnell klar wurde.

 

Doch wie viele Grafen es in der Karriere des Thomas Borchert auch noch geben mag: Der von Krolock wird immer der sein, mit dem er am meisten identifiziert wird (ob es ihm passt oder nicht).

 

So ging auch ein kollektives Raunen durch den Raum, als die ersten Takte von der ‘Totalen Finsternis’ erklangen. Und wenn dieses Stück diesmal auch zur ziemlichen Lachnummer auf allen Seiten geriet, so war es doch interessant zu sehen und zu hören wie eine gestandene Frau wie Carin Filipčić den Part der blutjungen Sarah interpretierte.

An den wenigen ernsten Stellen begegnete hier nämlich einerseits Jemand dem Grafen auf Augenhöhe (nicht von der Körpergröße gemeint) und schien andererseits selbst nicht zu verstehen, was sie nun ausgerechnet an diesem Kerl findet.

Da Carin Filipčić ihren Worten auch noch die passenden Gesten folgen ließ (so tippte sie sich z. B. vielsagend an die Stirn) und das passende Gesicht aufsetzte (nach dem Motto: Ich muss doch bescheuert sein) hatte sie die Lacher natürlich auf ihrer Seite.

Und umso mehr fiel es auf, dass Graf Thomas zunächst unbeirrt und bitterernst sein “Sei bereit” hören ließ. Aber wo alle schon zur Albernheit neigten, konnte er doch unmöglich seriös bleiben und so fiel er regelrecht über seine Bühnenpartnerin her, um sie immer und immer wieder an den unmöglichsten Stellen zu beißen und anschließend schwer an ihrem Blut zu schlucken hatte. Außerdem schien ihr Lebenssaft auch jede Menge Alkohol zu enthalten, denn dem adligen Mann fiel es schwer, sich noch klar zu artikulieren und sich gerade auf den Beinen zu halten. Das sein armes Opfer in Folge dieser Sitcom einen Texthänger hatte und lachend von der Bühne verschwand, konnte ihr wohl keiner übel nehmen.

 

Natürlich rechnete jetzt Jeder mit der ‘Unstillbaren Gier’, hatte aber nicht mit einem Thomas Borchert in Hochform gerechnet. Auch der Hals von Marina Komissartchik erschien ihm zum Anbeißen lecker und erreichte mit dieser Attacke, dass die Gute mit dem Kopf auf die Klaviertastatur sank und so den einzigen Misston des Abends produzierte.

 

Es ist mir immer noch unbegreiflich, wie dieser Mann es geschafft hat, nach dem ganzen Klamauk noch eine grandiose ‘Unstillbare Gier’ hinzubekommen. Wieder machte sich eine ungeheure Gänsehautstimmung breit und nach der letzten “Giiiiiiiiieeerrr” brach begeisterter Beifall los.

 

Und eigentlich hätte jetzt Schluss sein sollen, denn eine Steigerung war kaum noch möglich.

Aber natürlich gab es noch einige Zugaben wie ‘Somewhere’ im Duett mit Carin Filipčić, ‘Sweet Transvestite’ und das beinahe schon unvermeidliche ‘Wildschweinduett’.

 

Der Applaus nahm kein Ende und hätte Thomas Borchert nicht irgendwann konsequent dem Drängen des Publikums widerstanden, dass ihn immer wieder auf die Bühne zurückholen wollte - es wäre noch ewig so weitergegangen.

 

Müsste ich ein nüchternes Fazit ziehen, würde ich sagen: Thomas Borchert liefert immer Premium-Qualität ab. Wenigen gelingt es, so dermaßen zwischen lockeren Plaudereien, faszinierendem Gesang, Improvisationen und totaler Albernheit hin- und herzuswitchen und dabei immer glaubhaft zu bleiben.

 

Für mich war dieser Abend, zusammen mit Borchert Beglückt im letzten Jahr, das stärkste Borchert-Konzert, das ich bisher erlebt habe (und das sind schon einige).

 

Und noch eines habe ich für mich festgestellt: Ich lasse lieber singen... und bin glücklich!