Jesus Christ Superstar, 14.08.2011, 19.00 Uhr - Freilichtbühne Tecklenburg

 

“Mach's noch einmal, Judas”

 

Zum zweiten Mal seit meine Schwester und ich die Freilichtspiele Tecklenburg für uns entdeckt hatten, stand Jesus Christ Superstar auf dem Programm. Wieder, wie schon 2002, in der deutschen Fassung, was bei diesem Stück doch eher selten vorkommt. Die Regie lag in den mittlerweile bewährten Händen von Marc Clear, der ja bekanntermaßen mit den 3 Musketieren im letzten Jahr ein Meisterstück abgeliefert hatte.

 

Einzig das Wetter hätte noch einen dicken Strich durch die Rechnung machen können und da wir während der kompletten Fahrt durch eine diesige graue Brühe fuhren, schwand unsere Hoffnung auf eine regenfreie Vorstellung mehr und mehr dahin.

Und tatsächlich begrüßte uns Tecklenburg auch mit einem seiner typischen Landregen. Es reichte ja auch nicht, mit der normalen Tasche (die nun auch keine geringen Ausmaße hat) und den obligatorischen Sitzkissen den beschwerlichen Anstieg hinein ins Örtchen Tecklenburg anzutreten. Nein, ein aufgespannter Regenschirm rundete das Bild doch gleich viel harmonischer ab.

Natürlich hörte es fast genau in dem Moment auf zu regnen, als wir unser Stamm-Café erreichten. Im Inneren bot sich das vertraute Bild: An jedem zweiten Tisch sassen Menschen, die ihren halben Hausstand mit sich herumzuschleppen schienen. Neben Kissen- und Deckenpakete konnte man auch die ein oder andere Kühltasche bzw. den ein oder anderen gut gefüllten Picknickkorb ausmachen.

Ja, in Tecklenburg herrscht eben immer ein besonderes Flair.

 

Das konnten wir gleich wieder einmal mehr feststellen, als wir (natürlich wieder nach zwei steilen Anstiegen) den malerischen Apfelgarten durchquert hatten und das immer wieder imposante Freilicht-Theater betraten. Auf unserem Weg nach unten gerieten wir in eine Gruppe fideler Landfrauen, die mit kernigem Münsterländer Dialekt die Reihen von unten nach oben abzählten, bis sie tatsächlich ihre Reihe 4 entdeckt hatten. (Es ist ja nicht so, dass die Reihen gut sichtbar nummeriert sind...)

Lautstark drängelten sie sich zu ihren Plätzen durch und nahmen dabei wenig Rücksicht auf bereits sitzende Personen, was angesichts der ihnen eigenen Körperfülle und dem umfangreichen Gepäck wohl auch zu viel verlangt gewesen wäre.

Absolut ins Bild passte es da, dass wir in der Pause beobachten konnten, wie die munteren Damen mit dem ein oder anderen Korn anstießen. So sind sie halt, die Westfalen!

 

Natürlich wurden auch wieder solche Mengen an mitgebrachten Köstlichkeiten verzehrt, dass es manch hungerleidendem Land die Tränen in die Augen getrieben hätte. Solange sich das Ganze in der Pause abspielt, ist dagegen ja auch nichts zu sagen, aber was Menschen dazu bewegt, während der Vorstellung in eine knackige Gurke zu beißen oder eine Sektflasche zu öffnen (das hörte sich dann aktuell so an: Jesus, mit betroffenem Gesicht: "In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen..." "PLOPP!") kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Zumal auf den Eintrittskarten gut sichtbar zu lesen ist: "Das Essen und Trinken ist während der Vorstellung nicht gestattet!" Ein Hinweis der eigentlich schieres Komik-Potential hat, aber tatsächlich notwendig ist, auch wenn sich einige Unverbesserliche immer wieder einen Kehricht darum scheren.

 

Das Theater füllte sich mehr und mehr und immer mehr riss auch der Himmel auf, zeigte tatsächlich nochmal sein schönstes Blau und ließ auch die Sonne einen Blick auf die Szenerie werfen.

Schon gut, wenn Jesus in der Nähe ist...

 

Und dann ging es los und damit brachen auch die letzten sieben Tage im Leben von Jesus an.

 

Aus einem auf dem Boden liegenden Kreuz entfernt ein kleiner Junge das zusammenhaltende Element des Kreuzes (eine rotbraune Steinplatte) und zeigt es den sich nähernden Personen. Angeführt werden diese von elf jungen Männern und man ahnt schon, dass es sich hierbei um die Apostel handelt. Aber elf? Ja, denn der Zwölfte, Judas, steht schon zu diesem frühen Zeitpunkt abseits und beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung.

 

Einer nach dem anderen nähern sich die Männer dem Kreuz und nehmen vorsichtig jeweils einen Teil davon in die Hand. Als sich das Kreuz auf diese Weise aufgelöst hat, öffnet sich im Hintergrund ein Tor und im blendend weißen Licht erscheint eine ebenso blendend weiß gekleidete Gestalt und lässt jede Bewegung auf der Bühne stillstehen.

Wie hypnotisiert stehen alle da und haben nur noch Augen für diese, im wahrsten Sinne des Wortes, Lichtgestalt.

 

Langsam schreitet Jesus mit einem kleinen Lächeln durch die Menschen und leitet immer wieder einen Apostel (um den sich jeweils eine kleinere Menschengruppe geschart hat) in die verschiedensten Richtungen. Und obwohl er sie nicht berührt, sondern ihnen nur mit einer Geste den Weg weist, folgen sie seiner Weisung mit verklärten Gesichtern.

 

Judas, der inzwischen seinen Beobachtungsposten aufgegeben und sich unter das Volk gemischt hat, versucht mit seinem provokanten 'Weil sie ach so heilig sind' (besser bekannt als 'Heaven on their minds') alle aus ihrem tranceartigen Zustand aufzuwecken. Auch Jesus möchte er aufrütteln, doch irgendwie scheint er für ihn und alle anderen nur Luft zu sein.

 

Als Jesus sich dann auch noch der Sünderin Maria Magdalena zuwendet und ihm ihre Zuneigung offensichtlich gefällt, scheint er große Mühe zu haben, nicht endgültig die Beherrschung zu verlieren. Doch wieder prallen seine Vorwürfe an Jesus ab und dieser geht sogar so weit, der Frau zu folgen und sich von ihr pflegen und verwöhnen zu lassen ('Alles wird gut sein’).

 

Die beiden Hohepriester Kaiphas und Annas treten zum ersten Mal in Erscheinung und sind sich einig: ‘Der Jesus muss weg’.

 

Das Volk ist da ganz anderer Meinung und preist den Heilsbringer mit einem vielstimmigen ‘Hosanna’.

Und während Jesus hierbei noch ein Teil der Masse ist, scheint ihm der (heute würde man sagen) Hype um seine Person doch irgendwie zu viel zu sein.

 

Ganz alleine steht er auf einem Torbogen und blickt auf die Szene unter sich (‘Armes Jerusalem’). Noch stärker kommt sein Unbehagen in der Tempelszene zum Ausdruck, als sich ihm von allen Seiten Alte, Kranke und Gebrechliche (oder um im Bild zu bleiben: Mühselige und Beladene) nähern und ihn, in der Hoffnung auf Heilung durch eine Berührung, bedrängen und geradezu einkesseln.

(Ob sich so ab und an auch manche Musicaldarsteller fühlen, wenn der Fan-Andrang an den stage doors dieser Welt mal wieder ausartet?)

 

Beinahe panisch ist in diesem Moment Jesus’ Gesichtsausdruck und erst sein beinahe schon ausgespucktes "Heilt euch selber!" bringt die Menge dazu von ihm abzulassen.

 

‘Wie soll ich ihn nur lieben?’ fragt sich Maria Magdalena und es war ihr anzusehen, dass sie sich selber nicht mehr versteht.

 

Wie sehr Judas mit sich und seinem Gewissen kämpft, symbolisieren ausdrucksstark zwei Wesen. Das eine in ein weißes (das Gute?) und das andere in ein schwarzes (das Böse?) Fantasiekostüm gekleidet, ringen sie tänzerisch zunächst miteinander, um dann den dazukommenden Judas in ihren Tanz einzubeziehen oder besser gesagt: Auf ihre jeweilige Seite zu ziehen.

 

Nach einem letzten Zögern verrät er den Hohepriestern den Aufenthaltsort Jesu: Den Garten Gethsemane.

Als Lohn gibt es dafür das ‘Blutgeld’ und es war faszinierend zu sehen, wie dieser charismatische Mann in einer Mischung aus Gier und Wahnsinn nach dem Lederbeutel mit den Silberlingen griff.

 

Zuspruch bekommt er auch noch von einem unsichtbaren Chor, der ihn für sein Tun lobt "Bravo Judas! Gut so Judas!"

 

Auch den zweiten Akt eröffnet der kleine Junge, der den Jüngern den Kelch für ‘Das letzte Abendmahl’ bringt. Und obwohl die sich in ihrem Lied bekennen “Immer schon wollt ich Apostel werden...” scheint Jesus in diesem Moment trotz der räumlichen Nähe schon weit entfernt von ihnen zu sein. "Einer von euch leugnet, und einer verrät mich!" wirft er den Männern vor und provoziert damit bei Judas einen erneuten Wutausbruch. Verbittert verlässt er die Runde, während die anderen Jünger betreten schweigen und schließlich in den Schlaf fallen. Noch einmal versucht Jesus sie aufzurütteln: “Bleibt denn keiner von Euch mit mir wach?” und beginnt dann ein Zwiegespräch mit seinem Gott (‘Gethsemane’).

 

Zum Ende erscheint Judas mit Soldaten im Schlepptau, geht auf Jesus zu und küsst ihn (was nervöses Kichern im Publikum auslöste). Das Zeichen für die Soldaten Jesus festzunehmen, was dieser auch relativ widerstandslos über sich ergehen lässt und auch die Hilfe der mittlerweile aufgewachten Jünger ablehnt.

 

Auf dem Weg zu Pilatus wird Jesus von dem aufgebrachten Volk angefeindet. Wieder steht Judas abseits, beobachtet die Szene und nimmt nur widerwillig den Dank von Kaiphas und Annas entgegen. Angesichts dieses Aufstandes zieht es auch Petrus vor, jegliche Bekanntschaft mit dem Gefangenen zu leugnen "Ich kenne ihn nicht!"

 

Der Mob verlangt von Pontius Pilatus Jesus abzuurteilen. Dieser zögert und scheint froh zu sein, Jesus aufgrund seiner Herkunft aus Galiläa an Herodes verweisen zu können.

 

Doch auch der lehnt es ab, Jesus zu verurteilen und verhöhnt ihn statt dessen lieber mit seinem Spottgesang (‘Herodes Song’).

 

Den Rückweg zu Pilatus nutzen die Wächter um Jesus mit Häme und Schlägen zu malträtieren.

Und während dies im Hintergrund passiert, stehen Maria Magdalena und Petrus im Vordergrund und wünschen sich ‘Lass uns neu beginnen’.

 

Auch Judas wird das ganze Ausmaß seines Verrats bewusst und er versucht, die Hohepriester umzustimmen. Aber diese sind viel zu begeistert von der Tatsache, das niemand mehr aus dem Volk Jesus zujubelt.

 

Judas erkennt, dass er im Grunde nur ein Werkzeug der Priester war. Passend zu seinen dunklen Gedanken nähern sich ihm zahlreiche schwarze Gestalten und legen ihm Stricke um den Hals, die sie nach und nach immer fester zogen, bis dem Leben des gequälten Mannes ein Ende bereitet wurde. (Eine interessante Variante den Selbstmord von Judas darzustellen und so blieb es Mischa Mang auch erspart, sich selbst an der Burgmauer aufzuhängen wie es 2002 sein Kollege Kristian Vetter noch tun mußte. Und er baumelte damals dort tatsächlich so realistisch, dass ich froh war, als er zum Schluss gesund und munter wieder auftauchte.)

 

Die schwarzen Gestalten heben Judas hoch über ihre Köpfe und tragen ihn weg.

 

Währenddessen haben die Soldaten Jesus einen roten (Königs)mantel umgehängt und ihm eine Dornenkrone auf den Kopf gesetzt. Mit blutverschmiertem Gesicht steht er wieder vor Pontius Pilatus, der ein Verhör beginnt und mit allen Mitteln versucht, Jesus vor dem Tod zu bewahren.

 

Als alle Worte aber an Jesus abzuprallen scheinen, ordnet der Statthalter schließlich 39 Peitschenhiebe für den widerspenstigen Gefangenen an.

Die Menge zuckt bei jedem der nur akustisch dargestellten Schläge zusammen, so als sei sie selbst getroffen worden. Erst nach dem letzten Schlag wird Jesus von zwei Wachen wieder in den Vordergrund gezerrt, wo er dann am Ende seiner Kräfte und blutüberströmt zusammenbricht.

Noch einmal versucht Pilatus ihn mit Worten zu erreichen, muss aber schließlich vor dem Drängen des Volkes (“Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn”) kapitulieren und das Todesurteil sprechen. Dies geschieht aber nicht, ohne sich vorher symbolträchtig die Hände in einer Schüssel mit Wasser gewaschen zu haben.

 

Allerdings wurde dieses “Ich wasche meine Hände in Unschuld” im nächsten Moment ad absurdum geführt, denn der Inhalt der Schale, die Pontius Pilatus wütend an die Wand geschleudert hatte, hinterließ daran einen großen Blutfleck.

 

Die Menge frohlockt über das Urteil und zu dieser ausgelassenen Stimmung passt es, dass Judas quicklebendig und im gleißenden Licht, das am Anfang Jesus vorbehalten war, “aufersteht”.

 

Jesus, bereits mehr tot als lebendig am Boden liegend, wird von ihm als ‘Superstar’ verspottet.

 

Nach dieser bizarren Einlage wird Jesus zu dem Kreuz geführt, daran befestigt (zum Glück nicht festgenagelt) und in die Senkrechte befördert.

 

"Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!", "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?” und schließlich "Es ist vollbracht ..." sind wohl Sätze, die jedem (selbst nicht ganz so Bibelfesten) bekannt sein dürften.

 

Während alle anderen im Dunkeln stehen und zu dem gekreuzigten Jesus aufblicken, erscheint noch einmal, hell angestrahlt, der kleine Junge und hält wieder das Verbindungsstück des Kreuzes in seinen Händen. Der Anfang vom Ende?

 

Marc Clear hat mit dieser Jesus Christ Superstar-Inszenierung wieder ganze Arbeit geleistet. Und es ist ihm auch gelungen, was er in einem Interview im Vorfeld der Spielzeit gesagt hat: “Die Interpretation des Publikums ist mir bei diesem Stück sehr wichtig und wir lassen ausreichend Raum dafür.”

Festzumachen ist dieser Satz sicher unter anderem auch an der Figur des kleinen (namenlosen) Jungen. Nicht nur, dass er das Stück quasi eröffnete und beendete, tauchte er zwischendurch immer wieder auf und ging einerseits sehr unschuldig, andererseits aber irgendwie auch wissend durch die Szenerie. Sein Erscheinen hatte immer etwas Tröstendes: Jesus wurde von ihm umarmt, vertrauensvoll schmiegte er sich in Maria Magdalenas Arme und selbst den zornigen Judas nahm er zutraulich an die Hand.

 

Diesen stillen Momenten stand wie ein Orkan die riesige Statisterie der Freilichtspiele gegenüber.

Nun ist ein Stück wie Jesus Christ natürlich prädestiniert, ein großes Ensemble aufzufahren. Und das lassen sich die Tecklenburger (wie immer) nicht zwei Mal sagen. Und vermutlich täuscht es, aber irgendwie kommt es mir so vor, als würde die Schar der Laienschauspieler von Jahr zu Jahr größer. Klar war es in einigen Szenen imposant anzusehen, wie immer mehr Menschen auf die Bühne kamen, aber wenn man in dem ganzen Gewusel schon nicht mehr erkennt, wer jetzt eigentlich gerade singt, ist es vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten. Scherzhaft habe ich dann diesmal auch zu meiner Schwester gesagt, dass es die “Teckis” fertig brächten, selbst in einem Einpersonenstück wie ‘Hedwig and the angry inch’ eine Massenszene einzubauen.

Besonders belustigend fand ich es dieses Jahr, wie die aufgebrachte Meute von Pilatus forderte ‘Kreuzige ihn, kreuzige ihn” und das “r” dabei so kernig betonte, wie es in dieser Region nun mal üblich ist. Man stelle sich vor: Die frommen Münsterländer fordern Jesus’ Tod...

 

Gut fand ich auch die Idee, die einzelnen Räume mit Stoffen zu verhängen und sie von den Darstellern selbst freilegen zu lassen. Das passierte manchmal schnell und im Vorbeigehen und dann wieder langsam und sehr bewusst. Die handelnden Personen waren quasi selbst dafür verantwortlich, dass das Stück weiterging.

 

Neben seiner Regiearbeit stand Marc Clear auch wieder selbst auf der Bühne und verkörperte den Pontius Pilatus. Leider hatte er diesmal nicht so viele Gesangparts (wie auch schon 2009 in Evita) und das ist bei seiner absolut genialen Stimme immer sehr schade. Da lobe ich mir doch das letzte Jahr, als er mit seinem ‘Engel aus Kristall’ die Zuschauer von den Bänken riss. Allerdings war das wenige, was er gesungen hat, auch diesmal wieder vom Allerfeinsten.

 

Ein weiterer alter Bekannter in Tecklenburg ist mittlerweile Stefan Poslovski. Als Annas überzeugte er

auf ganzer Linie. Sehr beflissen wieselte er stets seinem großen “Kollegen” Kaiphas hinterher und machte doch stets den Eindruck, als würde er liebend gerne an dessen Stelle das Kommando übernehmen. Sein Gesicht drückte mal herablassende Freundlichkeit, mal boshafte Verschlagenheit und dann wieder völliges Unbeteiligtsein aus.

Schade, dass er vor ein paar Jahren (nach eigenem Bekunden auf seiner Homepage) das Rollschuhfahren nicht hingekriegt hat. Er wäre beim Starlight Express die ideale Besetzung für den intriganten Bremswagen Red Caboose gewesen.

 

Tom Tucker war der bereits erwähnte Kaiphas. Meine Güte, kann der Mann brummen. Im schönsten

Bass-Bariton absolvierte er seine Parts und ist mir auch wirklich nur durch diese tiefe Stimme in Erinnerung geblieben.

 

Auch mit Thomas Hohler, unserem D'Artagnan vom letzten Jahr, gab es ein Wiedersehen. Als Simon Zelotes stand er auf der Bühne und sein Aussehen kam meiner Vorstellung eines Apostels ziemlich nah.

 

Frank Winkels als Petrus sang gemeinsam mit Maria Magdalena mein absolutes Lieblingslied aus JCS: ‘Lass uns neu beginnen’ (‘Could we start again, please’). Und obwohl es sich auch von ihm wunderschön anhörte, bleibt für mich die Version von Martin Berger unerreicht. Als er 2002 bei diesem Lied einsetzte, war das einer dieser unvergleichlichen Momente, die für eine Ganzkörper-Gänsehaut sorgen.

Sehr schön war es, dass Petrus (der Fischer) ein blaues Gewand trug, dass tatsächlich ein wenig an fliessendes Wasser erinnerte.

 

Eine absolute Nummer für sich war einmal mehr Adrian Becker in der Rolle des ausschweifend lebenden König Herodes. Solche (beinahe schon Revue-)Nummern scheinen tatsächlich nur für ihn gemacht zu sein. Keine Sekunde stand dieses Energiebündel still, sei es nun, dass er wie ein Irrwisch über die Bühne tanzte oder auf seinen Knien umher rutschte, um Jesus seine scheinbare Bewunderung zu zeigen. Ein toller Tänzer und Sänger und obendrein noch ein begnadeter Entertainer.

 

Wie wandlungsfähig kann “frau” sein? Im Fall von Femke Soetenga (Maria Magdalena) kann die Antwort nur lauten: Sehr!

Das erste Mal habe ich sie als taffe Erfolgsfrau Florence in der Essener Inszenierung von Chess gesehen. Schon da gefiel sie mir mit ihrer sehr angenehmen Stimme ausgesprochen gut. Im letzten Jahr brillierte sie bei den Musketieren als eiskalte Milady de Winter und dieses Mal war sie mit der freundlich-scheuen Maria Magdalena genau das Gegenteil.

Ihr Solo ‘Wie soll ich ihn nur lieben?’ und ihr Duett mit Frank Winkels (‘Lass uns neu beginnen’) waren ein Genuss. (Und das sage ich bei Frauenstimmen nicht allzu oft.)

Also: Immer wieder gerne.

 

Und wenn er auch der “Titelheld” ist und eigentlich zum Schluss kommen müßte, mache ich jetzt doch mit ihm weiter: Patrick Stanke. (Denn mein Star des Abends war ein anderer.)

 

So, dann war es also so weit: Ein nicht ganz schlanker Jesus sollte ans Kreuz genagelt werden. Etwas Amüsantes hatte diese Vorstellung ja wirklich, denkt man an den ausgemergelten Körper der ja auf eigentlich allen Jesus-Bildnissen dargestellt wird.

Zunächst bedeckte aber ein weites weißes Gewand alles was es zu bedecken gab. Und Patrick Stanke machte das, was er immer macht, wenn er auf einer Bühne steht: Er gab alles.

Egal, ob er mit gütigem Gesicht durch die Massen ging, aufgebracht mit Judas stritt oder schließlich (im wahrsten Sinne) gottergeben sein Schicksal annahm: Er war zu 100 % in der Rolle.

Und trotzdem fand ich jedes ‘Gethsemane’ von ihm, auf einem Konzert in Jeans und weißem Hemd gesungen, packender als es an diesem Abend der Fall war. Und das trotz vollem Jesus-Ornat nebst passender (wenn auch nicht unbedingt gelungener) Perücke.

 

Vielleicht lag es an dem ungewohnten deutschen Text, von dem ich möglichst viel mitbekommen wollte, vielleicht auch daran, dass einige Unwissende an unpassender Stelle anfingen zu applaudieren, weil sie dachten, das Lied sei zu Ende - keine Ahnung. Jedenfalls kam bei mir die “Gethsemane-Stimmung” nicht so richtig auf. Aber dafür konnte Patrick ja nichts...

 

Wie sehr er sich verausgabt hatte zeigte auch der Schlussapplaus. Kein übliches “Ich bin Patrick - keiner zieht die Augenbraue so schön nach oben wie ich - Stanke.”

Ungewöhnlich ernst nahm er den Beifall des begeisternden Publikums entgegen. Sicher war es auch kein Vergnügen über eine doch ziemlich lange Zeit, obendrein noch ziemlich unbekleidet, an einem Kreuz “zu hängen” bzw. auf einem kleinen schmalen Brett zu stehen.

Und deshalb kurz und knapp: Hut ab vor seinem Gesang, seinem Schauspiel und seinem körperlichen Einsatz.

 

And now Ladies und Gentleman, I proudly present... JUDAS!

Mit richtigem Namen Mischa Mang, mir bekannt aus Essener Aida-Zeiten und dabei immer etwas langweilig erscheinend. Höchste Zeit also, eines Besseren belehrt zu werden.

Und was da jetzt und hier auf der Bühne war hatte nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit dem etwas unscheinbaren Mann früherer Zeiten.

 

Schon rein Kleidungstechnisch unterschied er sich von allen anderen, denn sein dunkelbraunes Gewand stach immer wieder aus den ansonsten eher hellgekleideten Menschen heraus.

 

Aber nicht nur dieses Detail machte ihn zu einem echten Blickfang. Wann immer er erschien, strahlte er eine ungeheure Präsenz aus, selbst wenn er nur am Rand stand und das Geschehen beobachtete.

 

Dazu kam dann noch eine Stimme, die genau die richtige Menge “Dreck” hatte, die es für diese Rolle braucht.

 

Seine (ich vermute mal: echten) Haare hatte er am Anfang streng zu einem Zopf gebunden, aber mit fortschreitender Spieldauer und wachsendem Zorn lösten sich immer mehr Haarsträhnen und hingen ihm ins Gesicht.

 

Als er zum Ende noch einmal auftauchte, um mit ‘Superstar’ den letzten Showstopper des Abends zu liefern, trug er die langen Haare offen und tobte regelrecht über die Bühne.

Dieses ‘Superstar’ rockte mal so richtig und Judas war in diesem Moment das genaue Gegenteil des gepeinigten Jesus: Er strotzte vor Energie und Lebensfreude und es gelang ihm auch, einen großen Teil des Publikums zum Mitklatschen zu animieren.

Ein Frevel im Angesicht des sterbenden Jesus? Das sollen andere beurteilen, aber ich muss zugeben, ich habe mich von ihm mitreißen lassen.

 

Ich mag nun mal so böse Jungs...