Rebecca, 09.03.2012, 19.30 Uhr + 11.03.2012, 14.00 Uhr - Palladium Theater Stuttgart

 

Immer wieder gerne, Mr. de Winter...

 

Es beginnt, wenn alles vorbei ist.

 

Eine junge Frau (“Ich”) steht vor den Trümmern eines vormals stolzen Herrenhauses: Manderley.

‘Ich hab geträumt von Manderley’ sinniert sie und plötzlich tauchen die Schatten der Vergangenheit auf und stimmen in ihr Lied ein.

Auch Mrs. Danvers, die ehemalige Haushälterin auf Schloss Manderley erscheint, als zum ersten Mal der Name Rebecca fällt. Sie bleibt stumm und durchquert die Szene, allerdings nicht, ohne der jungen Frau einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.

 

Diese erinnert sich zurück wie alles begann, 1926, in der Lobby eines Nobelhotels in Monte Carlo.

Hier residiert alles, was Rang und Namen hat oder es zumindest von sich glaubt. So auch die schrille Amerikanerin Mrs. van Hopper, deren Gesellschafterin “Ich” ist.

 

Als die schwerreiche US-Lady wieder einmal alle in ihrer Umgebung terrorisiert und es dabei ganz besonders auf ihre Angestellte (‘Du wirst niemals eine Lady’) abgesehen hat, wird deren Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt, der an die Rezeption getreten ist. Natürlich bleibt das Mrs. van Hopper nicht verborgen und gerade, als sie das Mädchen zurechtweisen will, bleibt ihr doch tatsächlich das Wort im Hals stecken.

Auch die anderen Hotelgäste scheinen überrascht von dem Auftauchen des eleganten Herrn zu sein. Niemals hätten sie damit gerechnet, ihn in diesem Jahr hier zu sehen. Ihn, Maxim de Winter, dessen Frau Rebecca erst im vergangenen Sommer gestorben ist.

 

Ihn anzusprechen traut sich aber nur die resolute Mrs. van Hopper. Was Maxim de Winter von ihrem Geplapper hält, ist leicht an seinem Gesicht zu erkennen. Viel lieber sucht er da das Gespräch mit der jungen Frau, die sich schüchtern im Hintergrund hält.

Das missfällt der aufgedrehten Lady natürlich sehr und sie versucht mit allen Mitteln, sich wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Da dieser Versuch aber scheitert und sich Mr. de Winter lieber auf sein Zimmer zurückzieht, rauscht auch sie beleidigt davon, nicht aber ohne vorher ihrer Gesellschafterin vorgeworfen zu haben, ihn mit ihrer vorlauten Art vertrieben zu haben. Außerdem beschließt sie, ihre jährliche Grippe zu nehmen und am nächten Tag im Bett zu bleiben.

 

Diese Tatsache entpuppt sich als Glücksfall, gibt sie “Ich” und Maxim doch die Gelegenheit, einen schönen Tag auf den Klippen hoch über Monte Carlo zu verbringen. Einen schönen Tag? Ja, wäre da nur nicht der Moment, in dem Maxim völlig geistesabwesend nah am Abgrund steht.

“Eine dunkle Erinnerung” erklärt er der jungen Frau auf ihre drängende Frage, was mit ihm los sei.

 

Zurück im Hotel überfällt Mrs. van Hopper die verliebte Frau mit ihrem Entschluss, Monte Carlo zu verlassen, denn “das alte Europa macht mich krank”.

 

Traurig versucht “Ich” Maxim telefonisch zu erreichen, was ihr allerdings nicht gelingt. Doch sie will nicht klagen, sondern lieber an die schönen Stunden denken, die sie gemeinsam hatten (‘Zeit in einer Flasche’).

Und natürlich gibt es zwischen Verliebten Gedankenübertragung, denn Maxim betritt gerade noch rechtzeitig den Raum. Als er hört, dass die Amerikanerin abreisen will, erklärt er, dass er dasselbe vorhabe: nach Manderley. “Du hast die Wahl. Wohin möchtest Du lieber? Nach New York oder nach Manderley?” stellt er der verdutzten Frau die Frage. Ihre Gegenfrage “Als Deine Sekretärin?” beantwortet er ganz schlicht mit “Nein, als meine Frau.”

 

Nun, so ein Angebot will natürlich gut überdacht sein und nach einer angemessenen Zeit (ca. eine halbe Minute) nimmt “Ich” überglücklich seinen Antrag an. Da stört es auch nicht mehr, dass Mrs. van Hopper in den Verlobungskuss platzt. Die Tatsache, dass sie ohne Gesellschafterin, der charmante Maxim de Winter aber mit einer neuen Ehefrau nach Haus fährt, lässt sie erst einmal in eine theatralische Ohnmacht fallen. Bitter auch die Erkenntnis, dass sie die kleine graue Maus, die ihr treu und brav zur Seite gestanden hat, scheinbar grenzenlos unterschätzt hat.

 

Die Hochzeitsreise geht für das junge Paar nach Venedig. Das die Hochzeit vielleicht doch etwas überstürzt war, lässt sich daran erkennen, dass die Braut zu ihrem weißen Hochzeitskleid noch dieselben braunen Schuhe trägt, wie die ganze Zeit über. Auch der Bräutigam hat seinen Alltagsanzug (der ihm allerdings auch blendend steht) gleich anbehalten. Dafür sind die goldenen Eheringe an den Händen der Beiden nicht mehr zu übersehen.

Und während sich seine junge Frau von einem Straßenmaler porträtieren lässt, denkt Maxim de Winter darüber nach, wie ‘Zauberhaft natürlich’ sie doch ist.

 

Auf Manderley erwartet indes die Belegschaft gespannt (oder sollte man sagen: neugierig?) die Ankunft ihrer neuen Hausherrin (‘Die neue Mrs. de Winter’). Der vornehme Butler Frith versucht noch, etwas Ordnung in die aufgedrehte Schar zu bringen, als auch schon im strömenden Regen der Wagen (unglücklicherweise ein Cabrio) mit dem jungen Brautpaar vorfährt.

Der Anblick der versammelten Belegschaft scheint Maxim doch etwas perplex zu machen. Allerdings erkennt er auf den ersten Blick, dass sich unter seinen Angestellten ein neues Dienstmädchen befindet. (Denkt man bei seiner entsprechenden Reaktion zunächst “Wow, ist der Mann aufmerksam”, wird erst später klar, dass diese Begebenheit fatale Folgen haben wird.)

 

Erst einmal ist es jedoch gut, dass der freundliche Frank Crawley, sein Gutsverwalter und Freund, ein wenig das Eis brechen kann und die neue Mrs. de Winter sehr herzlich begrüßt. Von Herzlichkeit ist bei der ganz in schwarz gekleideten Haushälterin Mrs. Danvers nichts zu erkennen, als sie nur widerwillig der neuen Hausherrin gegenüber tritt und schon jetzt zu erkennen gibt, dass sie sie niemals als solche anerkennen wird.

 

Ihre grenzenlose Loyalität gehört der “richtigen” Mrs. de Winter: Rebecca.

An sie denkt Mrs. Danvers zurück, als sie im sogenannten Morgenzimmer die Orchideen der Verstorbenen betrachtet (‘Sie ergibt sich nicht’).

“Ich”, beim Versuch das riesige Haus zu erkunden, kommt herein. Stolz und ehrfürchtig präsentiert ihr die strenge Haushälterin die Reliquien ihrer Vorgängerin: Den Sekretär, auf dem noch immer das Briefpapier und der Kalender mit dem großen aufgedruckten R liegen und die kleine Amor-Figur, die von Rebecca so geliebt wurde.

Als “Ich” nach der Figur greifen will, wird sie rüde in ihre Schranken gewiesen. Erst als Mrs. Danvers den Raum verlässt (etwas naiv der Wunsch, den die junge Frau vorher äußert: “Ich hoffe, wir werden Freundinnen” und der die eiskalte Person noch mehr erstarren lässt), fasst sie sich erneut ein Herz und nimmt den Amor in die Hand, um ihn zu betrachten.

 

Leider ertönen genau in diesem Moment Stimmen auf dem Flur und “Ich” lässt erschrocken die kleine Figur fallen, die dabei zerbricht. Sie schafft es gerade noch, die Scherben in einer Schublade des Sekretärs zu verstecken, als auch schon Maxims Schwester Beatrice und deren Mann Giles hereinkommen, um ihrer neuen Schwägerin einen kleinen Antrittsbesuch abzustatten (‘Die lieben Verwandten’).

Die beiden Frauen sind sich sofort sehr nahe und auch der fröhliche Giles lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm der Familienzuwachs gut gefällt.

 

‘Bist du glücklich?’ fragt Maxime seine junge Frau, denn er hat Bedenken, dass ihr bei ihm, dem doch sehr schwierigen Menschen, etwas fehlt. Doch seine Zweifel werden gleich zerstreut und in dieser leichten Atmosphäre kann er seiner Frau nicht den Wunsch abschlagen, auch in diesem Jahr den prächtigen Kostümball zu veranstalten.

Doch die gelöste Stimmung soll nicht lange währen, denn Mrs. Danvers platzt herein und meldet, mit vor Empörung bebender Stimme, das Verschwinden der Porzellanfigur aus dem Morgenzimmer.

Da sie die Angestellten des Diebstahls verdächtigt, bleibt “Ich” nur die Möglichkeit, kleinlaut ihr Missgeschick zu beichten. Wieder erstarrt die Haushälterin, aber schlimmer noch: Maxim scheint wütend und zornig zu sein. “Du verhältst dich manchmal wie ein Kind” wirft er ihr vor und lässt sie ängstlich fragen ‘Bist du böse?’.

 

In der darauffolgenden Nacht finden beide keinen Schlaf und getrennt voneinander wünschen sie sich doch nur eins: ‘Hilf mir durch die Nacht’.

 

Am nächsten Morgen ruft “Ich” Beatrice an und schüttet ihr ihr Herz aus.

 

Und obwohl sie ihrer Schwägerin Mut macht, ist Beatrice doch tief besorgt. Sie kennt ihren Bruder und weiß, dass er immer dann hart und ungerecht ist, wenn er große Sorgen hat (‘Was ist nur los mit ihm?’). Auch die Ablenkungsversuche ihres Mannes können sie nicht aufheitern.

 

In Rebeccas ehemaligem Schlafzimmer versucht Mrs. Danvers unterdessen, Jack Favell, einen Cousin und Liebhaber) der Verstorbenen, daran zu hindern, das gesamte Zimmer auf der Suche nach Bargeld auf den Kopf zu stellen. Außerdem treibt sie die Angst, mit diesem windigen Burschen zusammen gesehen zu werden. Wie gut sich beide kennen, lässt sich daraus ersehen, dass Favell die Haushälterin “Danny” nennt. Ein Kosename, der sich beim Anblick dieser strengen Frau eigentlich von selbst verbietet.

 

“Hände weg von ihren Sachen” gebietet sie ihm schließlich, doch allzu große Wirkung zeigt ihr scharfer Ton nicht. “Sei nicht albern, Danny. Sie liebte mich. Ich war doch ihr Lieblingscousin.”

Doch mit dieser Annahme kommt er Mrs. Danvers gerade recht (‘Sie war gewohnt geliebt zu werden’).

Ein Geräusch beendet ihren Disput und als Favell die Tür vom Schlafzimmer aufreißt, steht dort die neue Mrs. de Winter. Er gibt sich von seiner charmanten (schmierigen?) Seite und bittet sie, bevor er verschwindet, Maxim nichts von seinem Besuch zu erzählen. Gutmütig willigt die junge Frau ein. Wie zum Dank lässt Mrs. Danvers es zu, dass sie sich in dem prächtigen Raum umsieht. Und nicht nur das: Wie in Trance erzählt sie “Ich” von ihrer geliebten Herrin (‘Rebecca’), streichelt deren hauchzartes Nachthemd, um es dann über einen Stuhl zu drapieren und beginnt, einer imaginären Frau die Haare zu kämmen.

 

Ein Verhalten, dass es der jungen Frau schwermacht, nicht fluchtartig den Raum zu verlassen.

Ihr Gesicht ist eine Mischung aus Ungläubigkeit und Ekel und doch scheint irgendetwas sie magisch an diesem unheimlichen Ort festzuhalten.

Nur langsam scheint Mrs. Danvers aus ihrem Hypnoseartigen Zustand aufzuwachen. Um die junge Frau nicht gänzlich zu verängstigen, scheint sie scheinbar unverfänglich zu fragen, ob Madame denn schon weiß, welches Kostüm sie auf dem Maskenball tragen will. Als “Ich” das verneint, deutet Mrs. Danvers auf ein Gemälde an der Wand und schlägt ihr vor, doch als “Dame in Weiß” aufzutreten, da Mr. de Winter dieses Bild über alles liebe.

Dankbar willigt “Ich” in den Vorschlag ein und wieder mutet es etwas naiv an, als sie der Haushälterin ein freudiges “Das soll jetzt unser Geheimnis sein” hinterherruft.

 

Die Dienerschaft freut sich in der Küche auf das bevorstehende Fest, doch nutzen sie die Zeit der Vorbereitung auch, um ausgiebig über die neue Mrs. de Winter zu tratschen (‘Merkwürdig’).

 

“Ich” beginnt unterdessen, auch das Umland von Manderley zu erkunden und entdeckt dabei in der Bucht ein heruntergekommenes Bootshaus. Doch so einsam, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es hier gar nicht. Ben, ein geistig etwas zurückgebliebener Mann, drückt sich mit Vorliebe an diesem Ort herum, betrachtet hingebungsvoll seine Muschelsammlung und redet scheinbar wirres Zeug (‘Sie’s fort’).

 

Nachdem ihn “Ichs” Worte “Guten Tag, ich bin Mrs. de Winter” in noch größere Verwirrung stürzen (“Mrs. kommt nimmermehr”), scheint ihm die Tatsache “Ich bin Mr. de Winters neue Frau” doch schon bald sehr gut zu gefallen.

Mit seinen beschränkten Mitteln gibt er ihr zu verstehen, dass sie viel besser ist als die andere, ja, dass sie wie ein Engel aussieht und bestimmt zu niemanden böse ist. Aber die andere, die drunten im Meer, die kann ihr auch gar nichts mehr tun. Und überhaupt: “Bist stärker, bist besser.”

 

Bei seinen letzten Worten taucht Maxim auf, der seine Frau sucht. Ben verschwindet und, immer noch lächelnd über ihre neue Bekanntschaft, wendet sich “Ich” ihrem Mann zu. Das Lächeln verschwindet aber schnell aus ihrem Gesicht, denn scheinbar ohne Grund ist Maxim außer sich vor Zorn. So unbeherrscht schreit er seine Frau an, was sie an diesem gottsverdammten Bootshaus suche, dass sie sich losreißt und vor ihm wegläuft (‘Du machst mir Angst’).

Ihre Reaktion bringt Maxim wieder zur Besinnung und er hadert mit sich, ob es richtig war, überhaupt nach Manderley zurückzukommen (‘Gott, warum?’).

 

“Ich” gibt dem Gutsverwalter Frank Crawley eine Liste der Leute, die sie gerne zu dem Maskenball einladen möchte. Ein einziger Name steht darauf: Edythe van Hopper, ihre frühere Arbeitgeberin.

Aber noch viel mehr liegt ihr eine Frage auf dem Herzen und nach einigem Herumdrucksen traut sie sich, sie dem freundlichen Mr. Crawley zu stellen. Warum hat ihr Maxim regelrecht verboten, zum Bootshaus zu gehen? Warum war er so wütend und ungerecht?

Frank Crawley erzählt ihr, dass Rebecca die letzte Nacht ihres Lebens in diesem Bootshaus verbrachte, bevor sie hinaus segelte und den tödlichen Unfall hatte.

“Ich” wird das beklemmende Gefühl nicht los, niemals aus dem Schatten dieser anderen, scheinbar perfekten Frau herauszukommen. Doch Frank tröstet sie, indem er ihr klarmacht, dass es gar nicht erstrebenswert sei, so wie Rebecca zu sein (‘Ehrlichkeit und Vertrauen’).

 

Einige Tage später ist es so weit und der Maskenball auf Manderley beginnt (‘Der Ball von Manderley’). Natürlich hat es sich Mrs. van Hopper nicht nehmen lassen zu erscheinen. Zum einen ist ihre Neugier groß, zu sehen, was aus ihrem früheren Zögling geworden ist. Zum anderen ist da aber auch die Hoffnung, sich einen allein stehenden europäischen Mann zu angeln. Zu diesem Zweck werden alle anwesenden Herren mit Argusaugen betrachtet und sie lässt nicht locker, bis ein etwas peinlich berührt wirkender Maxim ihr bestätigt, dass es sich bei dem Objekt ihrer Begierde, Polizeipräsident Oberst Julian, um einen Witwer handelt.

Jetzt gibt es für die exzentrische Lady kein Halten mehr und mit vollem Körpereinsatz präsentiert sie temperamentvoll sich und ihre Vorzüge (‘I’m an American Woman’).

 

Im Ankleidezimmer wird “Ich” inzwischen zur Dame in Weiß. Sie kann es kaum erwarten, sich in ihrer atemberaubenden Maskerade den Gästen, aber vor allem ihrem Mann zu präsentieren und sich bewundern zu lassen (‘Heut Nacht verzauber’ ich die Welt’). Dies scheint endlich die Chance zu sein, von allen als Dame des Hauses anerkannt zu werden.

Dennoch scheint sie kaum glauben zu können, dass die Frau dort im Spiegel wirklich sie ist. Allerdings beweist sie Weitsicht, als sie ihrer Zofe freudestrahlend erklärt “Maxim wird den Schock seines Lebens bekommen”, was diese kopfnickend bestätigt. Sie kann ja auch nicht wissen, welche Bedeutung dieses Kostüm hat, denn (man ahnt es) sie ist das Dienstmädchen, das Maxim bei seiner Rückkehr als neues Mitglied der Belegschaft begrüßte.

 

Leider lässt “Ich” es auch nicht zu, dass Beatrice sie vor allen anderen zu Gesicht bekommt. Hinter einem Paravent stehend schickt sie ihre Schwägerin wieder in den Ballsaal zurück, noch um ein paar Augenblicke Geduld bittend.

 

Aber endlich ist der große Moment ihres Auftritts da und strahlend schreitet sie die Treppe in den großen Saal hinunter. Aber ihr Erscheinen hat bei den Anwesenden eine gänzlich andere Wirkung als erhofft. Entsetzen spiegelt sich in allen Gesichtern wieder und Maxim scheint zu Eis erstarrt. Dumpf fällt ihm sein Glas aus der Hand und wütend befiehlt er seiner jungen Frau, sich sofort etwas anderes anzuziehen.

 

Die Einzige, die mit der ganzen Aufruhr sehr zufrieden zu sein scheint, ist Mrs. Danvers.

Unbemerkt steht sie oben auf der Galerie und ein ebenso böses wie zufriedenes Lächeln umspielt ihren Mund. Nur die arglose Mrs. van Hopper weiß mit der ganzen Aufregung nichts anzufangen. Die Umstehenden erklären ihr aber rasch, dass Rebecca auf dem letzten Ball vor ihrem Tod genau dieses Kostüm getragen hatte.

 

Am Morgen nach dem Ball sucht “Ich” ihren Mann und wo könnte er nach den Vorkommnissen der letzten Nacht anders sein, als im Zimmer Rebeccas? Wieder wird ihr klar, dass sie dem Schatten dieser Frau nie entkommen kann (‘Und das und das und das’).

 

Allerdings ist es nicht Maxim, den sie in Rebeccas Zimmer vorfindet, sondern Mrs. Danvers. Nachdem “Ich” sie damit konfrontiert, sie absichtlich getäuscht zu haben, legt Mrs. Danvers die letzten Skrupel ab. Offen droht sie der jungen Frau, niemals den Platz Rebeccas einnehmen zu können (‘Rebecca’).

Und sie geht noch weiter, indem sie “Ich” einredet, Maxim ins Unglück zu stürzen und das es für alle besser wäre, sie bringe sich um. Geschickt lockt sie “Ich” auf den Balkon des Zimmers, unter dem die Brandung des Meeres rauscht (‘Nur ein Schritt’).

Diese Naturgewalt, die unsichtbaren Stimmen und die hypnotischen Worte der Haushälterin schaffen es beinahe, dass “Ich” sich in die Tiefe stürzt.

Gerade noch rechtzeitig wird sie von lauten Explosionsgeräuschen aus ihrem tranceartigen Zustand geholt und die beiden Frauen sehen am Strand Leuchtraketen aufsteigen.

 

Wieder einmal hat ein Schiff im dichten Nebel die Bucht von Manderley mit dem Hafen verwechselt und ist gekentert. Helfer fahren mit Booten hinaus, aber auch Neugierige und Beutesucher tauchen auf, um festzustellen, was es zu sehen und zu holen gibt (‘Strandgut’).

Einer der Schaulustigen ist Jack Favell, dem es nach eigenem Bekunden Spaß macht, sich am Unglück anderer zu weiden. Auf ihn trifft “Ich” bei ihrer Suche nach Maxim. Er erzählt ihr, dass Taucher Rebeccas Boot gefunden haben. Und nicht nur das: Auf dem Boot sei auch eine Leiche entdeckt worden. Rebeccas Leiche!

 

Die Sorge um ihren Mann treibt “Ich” zum Bootshaus, wo wie immer Ben herumlungert.

Er versteckt sich aber schnell, als Maxim völlig übernächtigt auftaucht. Alles sei aus, lässt er seine Frau wissen und die meint zu verstehen, was er ihr sagen will: Niemals wird er sich von Rebecca, dieser Frau, die er unendlich geliebt hat, lösen können (‘Du liebst sie zu sehr’).

 

Ihre Worte treiben Maxim ein bitteres Lächeln auf’s Gesicht und dann bricht aus ihm heraus, was er so lange mit sich herumgetragen hat (‘Kein Lächeln war je so kalt’).

 

Er war es, der Rebecca im Affekt tötete und anschließend das Boot mit ihrer Leiche im Meer versenkte.

 

Schon vor Jahren hatte sie ihm auf einer Monte Carlo-Reise kaltherzig erklärt, dass sie ihn nur benutzt und mit größtem Vergnügen betrügt. Sie wusste genau, dass seine Familienehre eine Scheidung nie zuließe und genoss ihren Triumph in vollen Zügen.

 

An dem verhängnisvollen Abend reizte sie ihn bis aufs Blut mit der Frage, wie es ihm gefiele, den Vater für das Kind eines anderen zu spielen. Der perfekte Narr sei er doch ohnehin und schließlich sollte diesem Kind einmal sein geliebtes Manderley gehören...

 

Nach diesem Geständnis weiß “Ich”, dass Maxim nur sie liebt und dass er sie mehr braucht denn je. Eine Wandlung geht in der jungen Frau vor, die auch Maxim nicht verborgen bleibt: “Das Kind in deinen Augen ist verschwunden.”

Auch Beatrice merkt, dass ihre Schwägerin sich verändert hat und ist froh, sie an der Seite ihres Bruders zu wissen (‘Die Stärke einer Frau’).

 

Endlich wird auch das Haus einer Wandlung unterzogen und alle Dinge, die auch nur annähernd an ihre Vorgängerin erinnern, lässt “Ich” rigoros entfernen. Die Zimmer werden nach langer Zeit wieder einmal durchgelüftet, die Vitrine mit Rebeccas geliebten Orchideen muss verschwinden und auch für die mühsam zusammengeklebte Amorfigur gibt es keinen Platz mehr.

Da helfen auch alle Proteste der erschütterten Mrs. Danvers nichts. Sie muss erkennen, dass es eine neue Herrin auf Manderley gibt (‘Mrs. de Winter bin ich’).

 

Wie nicht anders zu erwarten, führt der Fund von Rebeccas Leiche zu einer gerichtlichen Voruntersuchung. Reicht der Verdacht gegen Maxim de Winter aus, ihn anzuklagen und zum Galgen zu verurteilen? Neben einer gierigen Pressemeute haben sich auch Mrs. Danvers und Jack Favell im Gerichtssaal eingefunden. Bevor “Ich” ihren Mann alleine auf der Anklagebank zurücklassen muss, spricht sie ihm Mut zu und beschwört ihn, sich nicht provozieren zu lassen.

Danach nimmt sie zwischen Beatrice und Frank Crawley ihren Platz im Zuschauerraum ein.

Zunächst scheint die Verhandlung gut für Maxim zu laufen, doch im Laufe des Verhörs wird er mehr und mehr in die Enge getrieben. “Ich”, die merkt wie ihr Mann mehr und mehr die Beherrschung verliert, gelingt es, mit einer vorgetäuschten Ohnmacht die Anhörung zu unterbrechen.

 

Favell begleitet seine “Danny” nach Manderley. Er glaubt, mit einem Brief Rebeccas, in dem sie ihn zu sich bestellte, einen Trumpf gegen Maxim in der Hand zu haben. Eine nette kleine Erpressung, oder, wie es Favell ausdrückt ‘Eine Hand wäscht die andre Hand’.

 

Maxim lässt sich allerdings von dem ungehobelten Benehmen seines Nebenbuhlers nicht aus der Reserve locken und ruft statt dessen Oberst Julian hinzu. Der verhört zunächst Favell und dieser Kerl ist tatsächlich skrupellos genug, den hilflosen Ben als Zeugen heran zu schleifen. Völlig verstört soll der arme Kerl eine Aussage machen und kurz scheint es so, als wolle er erzählen, was er damals im Bootshaus beobachtet hat. Doch nach einem langen Blick auf die junge Mrs. de Winter flüchtet er sich in sein bewährtes “Ben nix gesehen”-Gebrabbel.

 

Auch Mrs. Danvers wird mit dem Terminkalender der Verstorbenen heran zitiert. Aus ihm ergibt sich, dass Rebecca am Tag vor ihrem Tod einen Termin in einer Londoner Privatklinik hatte. Nun ist für Favell alles klar: Rebecca erwartete ein Kind von ihm und wollte ihn davon unterrichten. Maxim war dahinter gekommen und das perfekte Mordmotiv war da.

Er, Oberst Julian und “Ich” fahren nach London, um in der Klinik genaueres zu erfahren.

 

Das Personal von Manderley quält mehr und mehr die Angst vor der Zukunft. Was wird aus ihnen, wenn Maxim verurteilt wird? Was wird es für Neuigkeiten aus London geben? (‘Sie fuhr’n um acht’)

 

Auch Maxim und Frank Crawley warten ungeduldig auf eine Nachricht aus London. Endlich geht das Telefon und Maxim erfährt von “Ich”, dass Rebecca todkrank war.

Schlagartig wird ihm klar, dass sie es darauf angelegt hatte zu sterben. Und die Gewissheit, ihn vernichtet zu haben, ließ sie auch im Tod noch lächeln (‘Keiner hat sie je durchschaut’).

 

Obwohl Mrs. Danvers die Enttäuschung deutlich anzusehen ist, dass ihre geliebte Rebecca sie nicht eingeweiht hat, ist sie dennoch wild entschlossen, niemals eine neue Mrs. de Winter auf Manderley zu dulden. Dem Wahnsinn endgültig verfallen spricht sie ein letztes Mal mit Rebecca (‘Ich hör dich singen’).

 

Von einer Last befreit, holt Maxim “Ich” vom Bahnhof ab. Glücklich und erleichtert genießen sie ihr Zusammensein (‘Jenseits der Nacht’), bis ein Lichtschein am Horizont ihre Aufmerksamkeit erregt.

 

Kurz darauf treffen sie auf Manderley ein, wo sich Maxims böse Ahnungen bestätigen. Das stolze Haus seiner Ahnen brennt lichterloh. Das Personal hat trotz aller verzweifelten Bemühungen keine Chance, das Feuer zu löschen (‘Manderley in Flammen’).

 

Maxim und “Ich” treffen auf Frank, der alle antreibt, das Haus zu verlassen. Er erzählt ihnen, dass es Mrs. Danvers war, die das Feuer gelegt hat. Als letzter verlässt Maxim das brennende Haus und es scheint, dass er auch seine Vergangenheit hier zurücklässt.

 

Einzig Mrs. Danvers ist bereit, in diesem Inferno unterzugehen. Beinahe weihevoll übergibt sie zunächst Rebeccas Nachthemd den lodernden Flammen, um sich dann von dem einstürzenden Haus begraben zu lassen.

 

Und da ist sie wieder, die junge Frau vom Anfang der Geschichte.

Steht da vor den Trümmern eines ehemals stolzen Hauses und erzählt, dass sie nun mit ihrem Mann in einem kleinen Hotel glücklich ist. Und die Schatten ringsherum scheinen sie darin zu bestärken, alles richtig gemacht zu haben. Selbst die ganz in schwarz gekleidete Frau, die sich stumm unter die schemenhaften Gestalten gemischt hat, kann ihr nichts anhaben.

Denn als die Gruppe sich auflöst, bleibt nur noch ein Mann übrig. Der Mann, der sie über alles liebt...

 

 

ENDLICH! Endlich mal wieder ein Musical, dass eine gute Geschichte mit guter Musik hat.

Und wenn ich überlege, dass es vor ein paar Jahren tatsächlich mal ein Thema war, dieses tolle Stück im Colosseum Theater in Essen zu spielen, könnte ich bitterlich weinen. Noch mehr weinen kann ich allerdings über die Auswahl der Stücke, die statt dessen dort geboten wurden, z. B. dieses (im Vergleich zu Rebecca) schwachsinnige Ich will Spaß. Und auch die Stücke in der Nachbarstadt Oberhausen reißen mich seit dem Weggang der Vampire nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin, sei es nun dieses unsägliche Wicked oder aktuell Dirty Dancing mit einem Patrick Swayze für Arme.

 

Bitte, bitte, ist es denn zu viel verlangt, wenn ich mir für den Ruhrpott, auch wenn dessen Glamourfaktor zugegebenerweise nicht allzu hoch ist und die Menschen vielleicht etwas schlicht scheinen, mal wieder ein Stück mit einem gewissen Tiefgang wünsche?

 

Wie sehr mich Rebecca gefesselt hatte, konnte ich spätestens am Sonntag auf der Fahrt nach Hause merken. Es war das erste Mal, dass in den mehr als vier Stunden der CD-Player im Auto stumm blieb. Zu sehr gingen mir die Melodien, die ich gerade gehört hatte, im Kopf herum.

Einzige Lösung wäre die Rebecca-CD gewesen, aber auf Uwe Kröger hatte ich nach “meinem” phantastischen Maxim mal so gar keine Lust.

 

Nun ist es ja immer eine spannende Sache, ein Musical zum ersten Mal zu erleben. Umso größer ist die Spannung, wenn man hohe Erwartungen an das Stück hat. Dementsprechend vorfreudig sass ich dann auch da und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten.

 

Sehr eindrucksvoll präsentierte sich das große brennende R auf dem Vorhang. Immer wieder schienen sich kleine Flammen aus ihm zu lösen und, tatsächlich zum ersten Mal, entdeckte ich in dem R das Profil einer (vermutlich makellos schönen) Frau.

 

Mittlerweile gehört die launige Begrüßungsansprache vor der Show ja schon zum festen Bestandteil eines Musicalbesuchs. Und nachdem inzwischen auch dem Letzten klar sein sollte, dass Vampire äußerst empfindlich auf Funktelefone und anderen Kram reagieren, wird der geneigte Zuschauer momentan britisch-höflich darauf hingewiesen, dass es in Rebeccas Cornwall noch keine Handys gab.

 

Eine kleine Kuriosität und etwas zum Schmunzeln gab es gleich zu Beginn: Im Palladium Theater scheinen nur noch Stücke gespielt zu werden, in denen zu Beginn ein Schloss auf den Vorhang projektiert wird, das am Ende in seine Bestandteile auseinanderfällt.

 

Und da ich gerade bei den Video-Projektionen bin: Sie sind grandios.

Das Einfahren des Zuges, der “Ich” aus London zurückbringt, ist beispielsweise so perfekt, dass man das Gefühl hat, wirklich auf einem Bahnsteig zu stehen.

 

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich weder das (echte) Feuer, das sich scheinbar von Stufe zu Stufe frisst und eine doch nicht unerhebliche Wärme ausstrahlt, noch der Kronleuchter, der sich von der Decke löst und lautstark hinunter kracht (das Phantom lässt grüßen).

Rebecca bietet eben nicht nur große Emotionen, sondern auch großartige Effekte.

 

Das Gespann Kunze/Levay hört, sieht und spürt man an allen Ecken und Enden.

Wenn die Dienerschaft von Manderley alles zum Empfang der neuen Mrs. de Winter vorbereitet, erinnert das stark an eine Szene aus Mozart, in der der Fürsterzbischof Colloredo seine Bediensteten antreibt, alles für ein Abendessen mit dem Genie vorzubereiten.

Oder die starke Ensemble-Nummer ‘Strandgut’, deren Dynamik und (beinahe schon aggressive) Choreographie große Ähnlichkeit mit ‘Milch’ aus Elisabeth hat.

 

Manche Lieder gleiten ohne Umschweife ins Ohr (‘Ich hab geträumt von Manderley’ oder ‘Jenseits der Nacht’), andere sind regelrecht sperrig, wie z. B. ‘Kein Lächeln war je so kalt’. Dieser schnelle Wechsel zwischen Gesang und Sprache ist bestimmt ohnehin nicht einfach, aber bei einem nicht-deutschsprachigen Maxim-Darsteller (wie in meinem Fall) ist es geradezu bewundernswert, wenn er dieses Stück ohne Haspler und Versprecher hinkriegt.

 

Das Orchester, oder besser gesagt der Orchestergraben und das Publikum gehören in Stuttgart untrennbar zusammen. Ungebrochen war auch diesmal die Anziehungskraft dieses geheimnisvollen Ortes, an dem tatsächlich echte Menschen auf echten Instrumenten spielen. Von den ganzen Bemerkungen, die ich aufschnappen konnte (musste?), hat mir die eines Halbwüchsigen ganz besonders gut gefallen. “Ey, da unten sitzen welche!” posaunte er durch das Theater und es braucht nicht erwähnt zu werden, dass diese Bemerkung gleich wieder einen Strom Neugieriger an den Orchestergraben spülte, oder?!

 

Im Orchester schien es am Sonntag jemanden zu geben, der sich anscheinend noch nicht damit abgefunden hat, dass die Vampire die Stuttgarter Gruft verlassen haben. Neben den ganzen üblichen Spielereien in der Pause, drang doch tatsächlich auf einmal eine vertraute Melodie aus Tanz der Vampire an mein Ohr. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich dem Musikus nicht einen kleinen Beifall oder zumindest ein anerkennendes “Daumen hoch” gespendet habe.

 

Während sich am Freitag Klaus Wilhelm einem wahren Ansturm an Besuchern erwehren musste (jetzt wird die Stage Door nicht mehr belagert, sondern der Dirigent) und sich doch tatsächlich für die Lautstärke rechtfertigen musste, war es am Sonntag ein regelrechter Spaß, hin und wieder Boris Ritter bei seiner Arbeit zu beobachten. Es fing schon damit an, dass er wohl gespannt war, ob er als Dirigent angesagt wurde oder nicht. Denn auf der Liste stand wiederum Klaus Wilhelm als Herr des Stöckchens. Als dann aber doch sein Name fiel, reckte er triumphierend beide Daumen in die Luft, bevor er sich umdrehte und den Begrüßungsapplaus in Empfang nahm.

 

Auch der Umgang mit seinen Musikern war von lockerer Heiterkeit geprägt. Da gab es hier mal ein verschwörerisches Zwinkern für den einen und da ein anerkennendes Kopfnicken für den anderen. Aber trotz seiner Freundlichkeit blieb der gute Herr Ritter nicht von einer gemeinen Nebelattacke bewahrt. Klar, der Nebel von Cornwall ist ja bisweilen stark und wabert dann auch schon mal über den Bühnenrand hinaus. Misstöne blieben aber aus, denn zum Glück wurde sein Gefuchtel um eine einigermaßen freie Sicht von seiner Truppe nicht falsch interpretiert.

 

Das Publikum war eine bunte Mischung durch alle Altersschichten.

Während am Freitag zwei Frauen mittleren Alters meine Sitznachbarn waren, die so wirkten, als sässen sie mindestens jedes zweite Wochenende in einem Musicalsessel (so etwas soll’s ja geben), hatte das Schicksal, die Saalplanbuchung oder was auch immer am Sonntag zwei ältere, echt schwäbische Damen neben mir platziert. Die hatten es sich in ihren Sesseln schön bequem gemacht und verfolgten gebannt das Geschehen auf der Bühne.

 

Als Maxim de Winter der jungen “Ich” den (zugegeben) überraschenden Heiratsantrag machte, kamen die Damen aber so richtig in Fahrt. “Oi, desch ging jetsch aba schnell...” und eine leichte Empörung über ein derart forsches Vorgehen schwang durchaus in diesen Worten mit.

 

Allerdings schienen sie im Großen und Ganzen recht zufrieden zu sein, denn in der Pause ließ mich eine der beiden (natürlich im schönsten schwäbisch) wissen: “Die machen das ja alle ganz gut.” Na, wenn das mal kein Lob ist. Eine kleine Unzulänglichkeit folgte aber gleich auf dem Fuß: “Es ist nur ein bisschen laut”, gefolgt von einem beinahe kleinlauten “Ich will wie zuhause immer nach der Fernbedienung greifen, um die Lautstärke zu regulieren...”

Das wär’s doch mal: Jeder Besucher bekommt eine Fernbedienung in die Hand gedrückt und kann nach Belieben auf Laut oder Leise stellen. Und wenn ich es mir recht überlege, ist das wirklich keine schlechte Idee, denn für ganz unerträgliche Stimmen gäbe es dann ja noch die Stumm-Funktion...

 

Das Ensemble war an beiden Tagen unheimlich stark, und egal in welcher Rolle die einzelnen Darsteller gerade auf der Bühne standen, spielten sie alles mit sehr viel Liebe zum Detail. Selbst der kleine (Plüsch-)Pekinese, den eine Dame in der Hotel-Szene unter dem Arm trug, gab alles und biss nach jedem, der sich ihm in allzu vertrauter Weise nähern wollte.

 

Wann hat man eigentlich einen Darsteller einmal zu oft in einem bestimmten Stück gesehen? Vielleicht dann, wenn man ihn in einer Szene gleich zu Beginn, in der alle Gesichter bis zur Unkenntlichkeit vermummt sind, auf den ersten Blick erkennt. So geschehen mit Jakub Wocial.

War er am Freitag alles und jeder im Ensemble (unter anderem der Straßenmaler, der die junge Braut in Venedig zeichnet), stand er am Sonntag zunächst als diensteifriger Portier im Grand Hotel hinter der Rezeption und hatte dort wirklich alle Hände voll zu tun. Später war er dann durchgehend der etwas vorlaute Hausdiener Robert, der großes Vergnügen daran hatte, sich über die neue Mrs. de Winter lustig zu machen.

Es hat jedenfalls großen Spaß gemacht, dieses Kerlchen einmal ohne großes Make-up und irgendwelcher Perücken ganz pur zu sehen. Ein Erlebnis, dass bei den Vampiren ja unmöglich war.

 

Daniele Nonnis war ein geradezu rührender Ben. Es ist bestimmt auch nicht ganz einfach, die ganze Zeit über so verzagt und ängstlich auszusehen und dementsprechend zu sprechen und zu singen. Jedenfalls konnte man beim Schlussapplaus glauben, dass da ein anderer Mensch auf der Bühne stand, als Daniele Nonnis sein “normales” Gesicht aufsetzte und seine Körperhaltung merklich straffte.

 

Jörg Neubauer in der Rolle des Gutsverwalters Frank Crawley war optisch jetzt wirklich so, wie man sich den Verwalter eines englischen Herrensitzes vorstellt. So seriös und loyal wirkte er, dass man es sich kaum vorstellen kann, dass er noch vor gar nicht langer Zeit als schlitzohriger BAP in We will rock you auf der Bühne stand. Das er flexibel ist hat er damit also auf jeden Fall unter Beweis gestellt.

 

Dem unsympathischen Jack Favell gab Hannes Staffler sowohl ein Gesicht, als auch eine nölende Stimme. Und er hat es wohl ziemlich gut gemacht. Wie sonst lässt sich der Drang erklären, ihm beim Schlussapplaus am liebsten eine Ohrfeige zu verpassen? Der Beifall ließ auch merklich nach, als er auf die Bühne kam. Fast schien es so, als wollte das Publikum ihn für seine Fiesheit bestrafen.

 

Mrs. van Hopper verhalf Isabel Dörfler zu der nötigen Aufgedrehtheit und es schien, als hätte sie gehörigen Spaß daran. So überzogen sie die amerikanische Lady auch darstellte, so sehr ist man doch geneigt zu sagen: Ja, so sind sie, die reichen, aber doch einsamen Amerikanerinnen.

 

Abwechslung gab es bei der Besetzung von Maxims Schwester Beatrice. Am Freitag war es Kerstin Ibald, die ihrem Bruder und ihrer neuen Schwägerin zur Seite stand; am Sonntag fiel Helena Blöcker dieser Part zu. Ihrem Spiel fehlte ein bisschen die Herzlichkeit und auch gesanglich gefiel sie mir nicht so gut wie Kerstin Ibald.

Am auffälligsten war allerdings der unterschiedliche Kleidergeschmack der beiden Damen. Trug Kerstin Ibald beim großen Kostümfest das verführerisch bauchfreie Outfit einer Haremsdame und tauchte sie später in burschikosen Reithosen mit passenden Stiefeln auf, wählte Helena Blöcker eine bedecktere Variante des orientalischen Kostüms und zu den Stiefeln trug sie einen damenhaften Reitrock.

Interessant, dass es bei den bestimmt strengen Vorgaben in Sachen Maske und Kostüm doch etwas Spielraum für die eigenen Vorstellungen der Darsteller(innen) zu geben scheint.

 

Auch eine Mrs. Danvers kann nicht ununterbrochen böse sein.

Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass ich am Freitag Femke Soetenga und am Sonntag Petra Clauwens (und das auch noch bei ihrer Premiere) als verbitterte Dame in Schwarz zu sehen bekam.

 

Femke Soetenga war, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, großartig in der Rolle. Ihre Mimik ist nicht so übertrieben wie die einer Pia Douwes, was mir, die ein reduziertes (Mienen)spiel immer vorzieht, sehr entgegenkam. Nichts desto trotz zeigte sie mehr als deutlich, was sie von der neuen Situation auf Manderley hält und wie man mit einem dermaßen böse verzogenen Mund noch klar und deutlich singen kann, ist mir ein Rätsel. Mittlerweile habe ich sie zum vierten Mal in einer großen Rolle gesehen und bin wieder darin bestätigt worden, dass diese Frau wandelbar bis zum geht nicht mehr ist.

 

Allerdings hat mir Petra Clauwens noch besser gefallen.

Schon bei ihrem ersten Auftritt fiel ihre kleinere, schmale Statur auf. Ihr feines Gesicht stand in einem sehr interessanten Kontrast zu der strengen Frisur und sie war die ganze Zeit über eher kühl-distanziert als unheilvoll besessen. Ihre Stimme hat einen angenehm dunklen Klang und war in meinen Ohren mit die beste, die ich je von einer Musicaldarstellerin gehört habe.

Eine wahre Meisterleistung bot sie beim Anzünden der Treppe. Stufe für Stufe wankte sie nach oben und die Illusion war perfekt, dass sie es ist, die die Treppe mit ihrer Fackel in Brand setzt.

 

Der Blumenstrauß am Ende belohnte sie für ihre erste Mrs. Danvers-Show, der hoffentlich noch viele folgen. Sehr sympathisch war, dass sie bei dieser kleinen Geste Tränen in den Augen hatte und sich überglücklich bei ihren Kollegen und dem Orchester bedankte. Für viele (und gute) Darsteller ist es eben noch keine Selbstverständlichkeit, Beifall und Anerkennung zu bekommen.

 

Abwechslung der wohl eher unfreiwilligen Art gab es am Freitag bei der Besetzung der ICH. Lucy Scherer spielte den ersten Akt, wurde allerdings nach der Pause durch Valerie Link abgelöst.

Dramaturgisch passte das meines Erachtens wie die Faust aufs Auge, denn die junge Frau mausert sich im zweiten Teil ja zu einer starken, selbstbewussten Persönlichkeit.

 

Und wenn ich jetzt auch nicht sagen kann, wie Valerie Link anfangs das schüchterne Mädchen spielt, hat sie mir um einiges besser gefallen als Lucy Scherer. Und das sowohl optisch (nicht ganz so verhuscht-niedlich) als auch akustisch (weniger Mäuschenhaft).

Was auch immer Lucy Scherer außer Gefecht gesetzt hatte, am Sonntag war davon nichts mehr zu merken. Sie war jetzt natürlich auch nicht schlecht, aber einen wirklich nachhaltigen Eindruck hat sie nun auch nicht gerade hinterlassen.

 

Maxim de Winter spielte... natürlich nicht Thomas Borchert. Und das, obwohl sein Spielplan ihn im Vorfeld als Maxim auf der Bühne sah. In Stuttgart wohlgemerkt, denn in Sachen Mr. de Winter ist er ja ein Wanderer zwischen den Welten. Na ja, vielleicht nicht ganz, aber immerhin ein Wanderer zwischen Stuttgart und St. Gallen.

 

Doch halt, ein Tausendsassa wie Thomas Borchert gibt sich ja nicht damit zufrieden, in zwei, wenn auch den gleichen Produktionen, eine Hauptrolle zu spielen und eine beträchtliche Anzahl an Solokonzerten zu absolvieren. Da gibt es ja auch immer wieder so kleine Herzensangelegenheiten wie z. B. das Stück End of the Rainbow.

Und nachdem die Hamburger Kammerspiele Anfang März verkündeten "End of the Rainbow - Jetzt doch mit Thomas Borchert! Nur noch 9., 10. und 11. März” stand für mich schon mal fest, dass das Wochenende für mich zur Borchert-freien Zone wurde.

 

Wenn ich Thomas Borchert, so gerne ich ihn mag und so gerne ich ihn gesehen hätte, auch nicht einen Moment vermisst habe, geschweige denn, mir im Nachhinein wünschte, ihn anstelle seines Alternates gesehen zu haben, muss ich eines ganz klar sagen: Wer so viele Tauben auf dem Dach (oder vornehmer ausgedrückt: Projekte) hat wie er, sollte nicht die Erstbesetzung in einer Ensuite Produktion sein. Nicht nur wegen der vielen enttäuschten Zuschauer, die hauptsächlich wegen eines Darstellers anreisen (nicht ganz klug, aber bekanntlich an der Tagesordnung), nein, noch schlimmer finde ich die Tatsache, dass anderen, genauso brillanten Künstlern die Möglichkeit genommen wird, überhaupt First Cast zu werden.

 

Aber jetzt habe ich mich lange genug mit dem beschäftigt, der gar nicht da war.

Viel lieber wende ich mich da doch dem zu, den ich als Maxim de Winter erleben durfte: Arvid Larsen.

 

Arvid Wer? dachte ich beim Lesen der Castliste und auch seine kurze Biographie im Programm machte mich jetzt nicht wirklich schlauer. Erschwerend kam hinzu, dass ich noch nicht wusste, wann Maxim das erste Mal auf der Bildfläche erscheint.

Aber irgendwann betrat ein ganz in weiß gekleideter Herr die Lobby des Hotels und schien die Blicke der anderen Hotelgäste auf sich zu ziehen. Also war es wohl nicht verkehrt, ihn sich mal genauer anzusehen und Jooaah: Vielleicht etwas unscheinbar war mein erster (falscher) Gedanke.

Denn mehr und mehr stellte sich heraus, dass er so ein Typ ist, bei dem man schon mal zwei Mal hingucken sollte. Und das lohnt sich dann...

 

Der erste Dialog entspann sich und offenbarte einen doch recht deutlichen Akzent (was für einen in London lebenden Norweger jetzt ja auch nicht so ungewöhnlich ist).

Da die Textverständlichkeit aber immer gegeben und der Gesang nahezu akzentfrei war, war das aber auch nicht mehr als eine kleine charmante Dreingabe. Sowohl seine Gesangs- als auch seine Sprechstimme hatten einen schönen, sehr angenehmen Klang.

 

Sehr gut gefallen hat mir auch, wie er diesen schmalen Grat, auf dem Maxim sich zwischen tiefer Verbitterung und dem großen Wunsch nach einem Neuanfang bewegt, immer wieder sichtbar werden ließ.   

Eine Figur mit dem schwierigen Charakter eines Maxim de Winters birgt ja den enormen Reiz, sie übertrieben darzustellen. Ein Uwe Kröger mit seinem permanenten Overacting ist dabei bestimmt an die Grenze des (für mich) erträglichen gegangen und auch Thomas Borchert möchte ich, je nach Tagesform, einen gewissen Hang zur Übertreibung nicht absprechen. Zumal der mit seiner Stimme noch in der Lage ist, alle anderen gegen die Wand zu singen.

Und auch dem hochgehandelten Borchert-Nachfolger kommen Maxims gelegentliche Wutausbrüche bestimmt ganz recht, hat er doch schon eindrucksvoll bewiesen, dass er gerne mal in der Gegend herumbrüllt, egal, ob es nun passt oder nicht.  

Aber wie dem auch sei: Ich habe jedenfalls das gute Gefühl, genau den Richtigen in der Rolle erlebt zu haben und deswegen: Immer wieder gerne, Mr. de Winter...