Tanz der Vampire, 08.04. + 09.04.2011, 19.30 Uhr - Ronacher Wien

 

“Wir fahr'n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht...”

 

Nachdem ich im vergangenen Jahr zwei Mal die Wiener Vampire tanzen sehen durfte und dabei nicht nur ihrem, sondern auch dem Charme der Stadt erlegen war, stand für mich fest: Ich komme wieder!

 

Nochmal besonders spannend wurde die ganze Sache durch die Tatsache, dass ein neuer Graf Einzug ins Ronacher gehalten hatte.

 

Wegen Bauarbeiten teilweise verhüllt lag das Theater da und mir kam es vor, als sei es gestern und nicht schon vor einem Jahr gewesen, dass ich das letzte Mal hier war. Wieder standen Menschenmassen auf der Straße (lässt die Gier denn niemals nach?) und Hurra!, da waren auch sie wieder: Die “Billeteusen” mit ihren albernen Vampirumhängen.

 

Eine dieser Spezies bat mich am Freitag höflich, meine Jacke an der Garderobe abzugeben.

Warum ich das erwähne? Nun, die Betonung liegt auf höflich, denn das es auch anders ging, konnte ich nur kurze Zeit später miterleben. Eine schon etwas betagtere Ordnerin (zum Glück ohne Umhang), herrschte Jeden, der es wagte, sich mit Jacke der Tür zu nähern, dermaßen barsch an, dass sich daraus das ein oder andere interessante Wortgefecht ergab.

Vielleicht sollte man der Dame einmal sagen, dass es sich bei den von ihr Gemaßregelten um gut zahlende Kunden handelt und das darüber hinaus die Zeiten der k. u. k. Monarchie einschließlich ihrer dazugehörigen Armee lange vorbei sind und es keinesfalls mehr dieses militärischen Tons bedurfte.

 

Wobei ich mir mit der Armee gar nicht so sicher bin, denn was ist davon zu halten, wenn der Graf auf seinem Weg zur Bühne Geleitschutz hat? Gibt es nicht? Doch, im Ronacher schon.

Am Freitag war es mir nicht aufgefallen, aber Samstag bemerkte ich, als die Hauptperson näher kam, noch eine zweite Bewegung im äußeren rechten Gang. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich eine Ordnerin (mit Headset), die genau auf Höhe des Grafen ging und erst wieder verschwand, als er sicher auf der Bühne angekommen war. In der Wiener Fassung taucht der Graf am Ende des Stücks ja noch einmal auf und kommt den linken Gang herunter. Und da wiederholte sich das Spielchen: “Frau Headset” folgte ihm im ganz außen liegenden linken Gang auf dem Fuße.

 

Haben die wirklich Angst, dass der Grafen-Darsteller von einem euphorisierten Fan angesprungen wird? Ansonsten kann ich mir auf diese Aktion keinen Reim machen, außer dass mir dazu einfällt: Die spinnen, die Wiener!

 

“Frau Headset” war es übrigens auch, die beim Schlussapplaus mit Argusaugen darüber wachte, dass nicht fotografiert wurde. Aufgrund ihres technischen know-hows und dem entschlossenen Gesichtsausdrucks hätte mich ein Schießbefehl nicht gewundert, wenn sie auch nur einen fotografierenden Menschen entdeckt hätte.

 

Ihr hat es bestimmt regelrecht wehgetan, nicht verhindern zu können, dass beim Schlussapplaus am Samstag kleine Pralinenkästen (in Schmunzelhasen-Form) auf die Bühne geworfen wurden.

Es hätte ja Jemand verletzt werden können...

(Dabei war der Anblick Koukols mit einem Schmunzelhasen in seinen Riesenhänden einfach zu herzig.)

 

Nur ein Kästchen hätte beinahe ein unschönes Ende ereilt und dann auch noch ausgerechnet das, das dem Hauptdarsteller zugedacht war. Mit Schwung kam es auf die Bühne geflogen, um sich mit einigem Effet genau vor die Füße von Drew Sarich zu drehen.

Da dieser genauso schwungvoll auf die Bühne stürmte, bedurfte es schon einer regelrechten Vollbremsung seinerseits, damit das Kästchen nicht dem Bühnenboden gleichgemacht, sprich plattgetreten, wurde.

Drew guckte auch erst etwas verwirrt auf den Boden, bückte sich dann mit einem breiten Grinsen und einem köstlichen Seitenblick und winkte kurz darauf ausgelassen mit seiner Beute in der Hand ins Publikum.

 

Und wo ich schon beim Ende der Shows bin, darf ich auch nicht versäumen, den “spektakulären Vampirflug” zu erwähnen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau auf den Plakaten, die in der Stadt hingen, stand, aber es war so etwas in der Art “Jetzt mit sensationellem Vampirflug” oder “Jetzt mit einzigartigem Vampirflug”. Nun, ich würde es eher nennen “Jetzt mit überflüssigem Vampirflug”.

 

Wer hat sich denn das ausgedacht?

Und dann noch mit der Begründung, auch den Mehrfachbesuchern mal etwas Neues präsentieren zu wollen. Dabei ist diese Effekthascherei in meinen Augen eher etwas für Gelegenheitsbesucher (was ja legitim ist), die dann mit großen Augen sagen: “Boah, ich hab da was gesehen!”

 

So begeistert ich von der Wiener Fassung und speziell dem neuen Ende auch bin, aber mit dieser Flugnummer eines mehr oder weniger unförmigen Bündels, das im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen hängt, wird die ganze (Wahnsinns-)Ausstrahlung des Grafen während des gesamten Stücks ad absurdum geführt.

 

Aber der Reihe nach:

Verschwand von Krolock sonst dämonisch lachend im Boden und von rechts und links rückten die in Lack und Leder gekleideten Vampire an, um das Finale einzuleiten, flammen jetzt auf beiden Seiten der Bühne grelle Scheinwerfer auf, kaum dass der Graf halb versunken ist.

Nicht genug damit, dass man den spektakulären Abgang nicht mehr richtig verfolgen kann, ist man die nächsten Momente aufgrund des gleißendes Lichts regelrecht blind.

 

Wahrscheinlich ist das sogar beabsichtigt, denn so ist es beinahe unmöglich zu erkennen, wo dieses merkwürdige Wesen eigentlich herkommt, bevor es über den Köpfen der Zuschauer entschwebt.

(Und handelt es sich hierbei ja wohl um einen echten, lebendigen Menschen - zur Risikominimierung könnte man genauso gut eine Puppe einmal quer durch’s Theater sausen lassen, es sähe wahrscheinlich nicht viel anders aus.)

 

Vielleicht ist der “Wow-Effekt” ja auch größer, wenn man im zweiten Rang sitzt und “es” direkt auf sich zufliegen sieht. Wer weiß?!

Begeisterungsstürme seitens des Publikums blieben jedenfalls an beiden Tagen aus.

 

Dafür war die Stimmung während der Shows umso besser.

Während am Freitag nach fast jeder Szene applaudiert wurde (z. B., was ja ganz selten ist, nach ‘Eine schöne Tochter’) und das für mich immer ein Zeichen ist, dass viele Zuschauer ehrlich begeistert sind, ohne darüber nachzudenken, ob Applaus an dieser Stelle passt, gab es am Samstag auch einiges an Gekreische zu hören, was darauf schließen ließ, dass einige Hardcore-Fans die Show mit ihrer Anwesenheit beglückten (siehe auch die Schmunzelhasen-Aktion).

 

Und jaaa! Der Orchestergraben-Tourismus ist endgültig auch in Wien angekommen.

In Scharen strömten neugierige Menschen in die vorderen Regionen des Theaters, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was sich unglaublicherweise in diesem unheimlichen Loch vor der Bühne abspielte.

Das Dumme im Ronacher ist nur, dass die erste Sitzreihe so dicht an der Bühne steht, dass man ab einer gewissen Körperlänge irgendwann schon nicht mehr weiß, wohin mit seinen Beinen.

Also kam es, wie es kommen mußte: Die Neuankömmlinge, die noch kurz vor Ende der Pause einen Blick riskieren wollten, kollidierten mit denen, die bereits genug gesehen hatten und nun, völlig geplättet ob ihrer neuen Erkenntnisse, den Rückzug antraten. Bizarre Szenen spielten sich ab, als sie versuchten, sich auf engstem Raum aneinander vorbei zu drängen.

Und tatsächlich bekamen zurückkehrende Pausengänger böse Blicke zugeworfen, weil sie es wagten, wieder Anspruch auf ihre rechtmäßig erworbenen Plätze zu nehmen. Unglaublich!

 

Aber jetzt genug von dem ganzen Drum und Dran und hin zu den Figuren und vor allem zu den Menschen, die ihnen immer wieder mit so viel Hingabe Leben einhauchen.

 

Also los geht:s:

‘Knoblauch’, der Fuß wippt, das Gefühl ist da, mittendrin zu sein und man sieht...

 

Alfred - Gernot Romic (am Freitag):

Als ich seinen Namen auf der Castliste las, klickte irgendetwas bei mir.

Aber das konnte doch nicht sein: War er es nicht, der mich im letzten Jahr als White Vampire so begeistert hatte?

Und dieses Bewegungstalent sollte jetzt auch noch eine so gute Stimme haben, dass er eine Hauptrolle spielte? Das Programm bestätigte auf jeden Fall, dass mich mein Gedächtnis nicht im Stich gelassen hatte, denn da stand tatsächlich: Gernot Romic - Tanzsolo, 2. Besetzung Alfred. Das war ja mal eine ungewöhnliche Kombination.

Spontan beschloss ich, über eventuelle stimmliche Mängel hinwegzusehen, was aber gar nicht nötig war. Im Gegenteil: Eine der schönsten Alfred-Stimmen, die ich bisher gehört hatte, gepaart mit einem sehr guten Schauspiel und gekrönt von einem verdammt guten Aussehen ließ keine Wünsche offen.

Und obwohl er zu den schon etwas männlicher aussehenden Alfreds gehört, habe ich selten einen gesehen, der mit so weichen Knien von Sarah aus dem Badezimmer geschoben wird. Sehr süß.

 

Sein ‘Für Sarah’ war einfach traumhaft schön und ‘In der Gruft’ konnte er seine trottelige Seite so richtig ausleben. Und genau hier kam ihm auch seine Beweglichkeit besonders zugute, denn ich habe noch nie einen Alfred so behände in die Gruft hinein- bzw. wieder hinaus klettern sehen.

Mit einem Sprung (!) stand er auf des Grafen Sarkophag, um sich dann blitzschnell von diesem gruseligen Ort zu entfernen. Toll!

 

Sehr gefreut hat es mich, ihn beim Finale noch einmal aus nächster Nähe zu sehen und zu hören, denn da stand er als “Lack- und Leder-Vampir” eine kleine Weile direkt neben mir. Und dabei bestätigte sich auch ein anderer Eindruck: Mann, ist der klein.

 

Alfred - Sebastian Smulders (am Samstag):

Und noch ein guter Alfred.

Groß, recht kräftig und mit einer ebenfalls etwas dunkleren und sehr angenehmen Stimme spielte er den ängstlichen Assistenten von vorne bis hinten glaubhaft.

Fast die ganze Zeit über lag ein irgendwie fragender Ausdruck auf seinem Gesicht, was natürlich gut zu der Rolle passte.

Sehr sympathisch fand ich beim Finale, wie er immer wieder hochkonzentriert zu Sarah im linken Gang hinüberschaute, um nur genau gleichzeitig mit ihr auf die Bühne zu gehen.

 

Professor Abronsius - Gernot Kranner:

In beiden Shows begeisterte er in seiner Paraderolle.

Hier liegt die Vermutung nah, dass er, auch wenn die Vampire Wien im Sommer verlassen, noch immer in seine Professor-Kluft schlüpft - so sehr scheint er mit dieser Rolle eins geworden zu sein. Und obwohl er der älteste Professor-Darsteller ist den ich kenne, kommt kein Anderer beim Schlussapplaus so auf die Bühne gehüpft und gebärdet sich dort so ausgelassen wie er.

Und niemals durften die Kusshände ins Publikum fehlen... Sehr charmant.

 

Wenn man bedenkt, wie oft er die Rolle bereits gespielt hat, ist es schon  bewundernswert, dass er keine Abnutzungserscheinungen (Langeweile, Routine) erkennen lässt.

So variierte er in beiden Shows sein Spiel immer wieder um Kleinigkeiten, dass es eine Freude war, ihm zuzusehen. Am Freitag setzte er beispielsweise Alfred sein Monokel auf die Nase, damit dieser noch deutlicher in Magdas Ausschnitt gucken konnte.

Und dann seine Ausbrüche in der Gruft - zum Schreien.

Wie ein Wilder trommelte er mit seinen Fäusten in der Luft herum, wenn er erkannte, dass Alfred auf ganzer Linie versagt.

Am Samstag kam sein “Ich hänge fest” in einem Tonfall, als sagte er “Mit meiner Hilfe kannst Du nicht rechnen...”

 

Toll auch, wie er mit einem bescheidenen Abwinken und extrem beschämten Gesichtsausdruck auf das Publikum reagierte, dass ihn bei ‘Wahrheit’ mit Zwischenapplaus bedachte. Als ihm dann auch noch seine Mitstreiter auf der Bühne huldigten (“Sein Verstand ist unbestechlich...”) schien er vor Stolz beinahe zu platzen.

 

Außerdem schien ihm der Tumult im Badezimmer nach der ‘Einladung zum Ball’ noch nicht groß genug zu sein, denn mit einem ohrenbetäubenden “Waaaahhhh” stürzte er sich ins Getümmel.

 

Total knuffig fand ich auch das verlegene Rumfummeln an seiner Schleife, wenn er (natürlich wieder in aller Bescheidenheit und ganz nebenbei) darauf hinwies, dass es zwar Van Helsings Theorien, aber dennoch seine Schriften sind, die die Therapie zum Entgiften von Seelen kennen.

 

So herrlich kauzig war sein Professor, da passte richtig gut, was eigentlich störend ist. Nämlich, dass manche Textpassagen von ihm regelrecht weg genuschelt wurden.

 

Auf jeden Fall war es ein Riesenspaß, ihn wiederzusehen.

 

Sarah - Barbara Obermeier:

Eine niedliche Sarah mit passendem Aussehen und einer angenehmen Stimme.

Sollte ich sie mit anderen Sarahs vergleichen müssen, würde ich sagen, dass sie, vor allem optisch, der von Senta-Sofia Delliponti am ähnlichsten ist.

Sie war keine so abgezockte Sarah, die Alfred nach Strich und Faden an der Nase herumführt, sondern setzte ganz auf ihre mädchenhafte Naivität. Allerdings wirkte sie genau wegen ihrer Kindlichkeit neben dem Grafen irgendwie deplaciert und man möchte ihr (genau wie Senta-Sofia) den Rat geben: Nimm Alfred, der ist besser für Dich.

 

Sehr putzig anzusehen war es, wie sie als “Neu-Vampir” den ebenfalls mutierten Alfred davon abhielt, sich auf den Professor zu stürzen. Mit krausem Näschen, abfälligem Gesicht und herausgestreckter Zunge (“Bäh-Pfui, dieser welke alte Mann”) zeigte sie freudig ins Publikum bzw. in die große weite Welt mit ihren vielen leckeren Opfern.

 

Chagal - James Sbano:

Diesen Mann zu sehen kann auch nie langweilig werden.

Da passen Aussehen und Stimme einfach zu der Rolle und genau wie Jerzy Jeszke ist er einfach Chagal.

 

Herrlich, wie er los kreischte, als der Professor ihm mit dem Pflock gefährlich nah kam oder seine abwägende Handbewegung inklusive der dazugehörenden Laute beim Grübeln, ob eine schöne Tochter nun ein Segen ist oder nicht. Toll, diese listigen Blicke beim Anpreisen seines gastlichen Hauses oder sein Gejammer, als er merkte, dass Abronsius und Alfred dabei sind ihn zu stören, die tote Magd unter dem Tuch verschwinden zu lassen. Mit vielen “Huchs” sprang er durch den Raum und schaffte es gerade noch, sich unter dem Tisch zu verstecken. Nicht zu vergessen und immer wieder schön: Sein freundliches Winken in Richtung der entsetzten Magda bei ‘Tot zu sein ist komisch’ und die (erfolglosen) Versuche, sein aufgebrachtes Weib zu beruhigen, wenn er von seinen nächtlichen Eskapaden ins eheliche Bett zurückkehrte.

Und genau wie Gernot Kranner kam auch er beim Schlussapplaus auf die Bühne gesprungen wie ein Zwanzigjähriger. Respekt.

 

Rebecca - Katharina Dorian:

Sie hätte gerne etwas resoluter sein können. Die Rolle ist doch wie gemacht, um auch mal etwas mehr zu überziehen, aber leider ließ sie die Gelegenheit dazu aus. Klar malträtierte sie ihren treulosen Gatten auch mit der Salami, aber sein Bitten um Gnade überstieg ihren Angriff bei weitem.

Das ‘Gebet’ war aber wirklich sehr schön gesungen und auch ihre Trauer um Chagal war angemessen. Und dann war sie auch schon von der Bildfläche verschwunden, ohne großartig vermisst zu werden.

 

Magda - Melanie Ortner:

Ob ich sie schon einmal live gesehen habe, kann ich überhaupt nicht sagen. Ich weiß nur, dass sie seinerzeit bei ‘Ich Tarzan, Du Jane’ dabei war und muss sagen, dass ich sie nicht wiedererkannt habe. (Werden solche Leute etwa auch älter?)

Als Magd wirkte sie etwas blass und zurückhaltend und als Vampir etwas zu aufgedreht. Hier ein bisschen mehr und da ein bisschen weniger, damit wäre schon einiges gewonnen. Dass sie ein wenig untergeht liegt vermutlich auch daran, dass sie nicht die Größte ist. Stimmlich fand ich sie recht gut, wobei hier etwas mehr Power nicht geschadet hätte.

 

Am meisten fiel sie auf, als sie am Samstag in ihrer Aufregung um den auferstandenen Chagal diesem zunächst (gewollt) den Becher entgegenstreckte, dann blindlings nach dem Kreuz tastete und es (vermutlich ungewollt) erst einmal durch den halben Raum warf. Da hieß es für sie nur noch hinterher hechten, während Chagal sie dabei gelassen beobachtete.

 

Koukol - Martin Planz (am Freitag):

Zunächst einmal: Ein Ruhrgebietler! Ein Gelsenkirchener, um genau zu sein und mit diesem Wissen reizt mich die (zugegeben alberne) Vorstellung zum Lachen, Koukol erledigt seine Botengänge mit einem Schalke-Schal.

 

Aber wenden wir uns dem wirklichen Outfit dieses verunstalteten Wesens zu, dass im Großen und Ganzen richtig ordentlich aussieht.

 

Zwar verleiht ihm die riesige Fellmütze mit den extralangen Ohrenklappen das groteske Aussehen eines zerrupften, übergroßen Widderkaninchens, aber bei seinem langen Marsch durch den Wald hält sie sicher schön warm. Seine Oberbekleidung ist längst nicht so zerlumpt wie die seiner deutschen Kollegen, was vielleicht daran liegt, dass er nicht so einen ausgeprägten Buckel hat. Da scheuert die Kleidung halt weniger durch. Auch die Hosen, die in modischer Länge auf seinen Füßen liegen, weisen nur ein paar Flecken und ansonsten eine gewisse Ähnlichkeit mit den Beinkleidern des Grafensohnes auf. Vielleicht muss Koukol ja die Kleidung seiner Herrschaft auftragen?

 

Alle ihm übertragenen Aufgaben erledigte er etwas filigraner, als man es gewohnt ist.

Besonders rührend war es anzusehen, wie er Sarah in ihr Ballkleid hilft und schnell die Badezimmertür vor allzu neugierigen Blicken schließt.

 

Koukol - Thomas Weissengruber (am Samstag):

Die Erstbesetzung des Dieners.

Alles, was ich bereits zu Martin Planz geschrieben habe, trifft auch auf ihn zu (außer das mit Gelsenkirchen natürlich).

Die Darstellung der beiden ähnelte sich doch verblüffend und ich kann mich beim besten Willen nicht an gravierende Unterschiede erinnern. Vielleicht donnerte Thomas Weissengruber seinen Kopf noch etwas rabiater auf den Holzsarg und vielleicht “sang” er danach mit etwas seligerem Gesicht vor sich hin. Ach ja, und auch sein jodelnder Laut beim Anblick der geöffneten Särge war wieder da.

 

Unterm Strich haben beide der Figur etwas sympathisches gegeben, wobei sie sich auch einig waren, nicht allen Befehlen ihres Herrn zu gehorchen. Der Graf konnte noch so sehr fordern: “Ihnen nach! Bring sie zurück!” - weder der eine, noch der andere Koukol hatte anscheinend Lust darauf, in der Wildnis hinter Sarah, Alfred und dem Professor herzujagen.

 

Herbert - Marc Liebisch:

Was für ein aufgedrehter Grafensohn!

Nachdem er mir im vergangenen Jahr so gar nicht zusagte, hatte ich die leise Hoffnung, dieses Mal einen anderen Herbert zu sehen. Aber es sollte nicht sein. Und was soll ich sagen: Ich fand ihn gar nicht mehr so übel. Klar, er hatte stellenweise auch diesmal wieder eine richtiggehend quäkige Stimme, aber sein sonstiges Agieren auf der Bühne fand ich richtig gut. Er baut auch immer mal so Kleinigkeiten ein, über die man einfach schmunzeln muss. Sei es das empörte kontrollieren seiner Fingernägel, nachdem der Professor ihn mit seinem Schirm attackierte oder die anerkennenden Blicke zu seinem Vater, während dieser im Ballsaal auf Sarah wartet.

Schade, dass er mit seinem Kostüm ziemlich gestraft ist, denn diese Schlabberhose (einer Schlafanzughose nicht unähnlich) ist alles andere als vorteilhaft. Ein weiteres Manko für sein Aussehen ist diese gelb-blonde Perücke, die sich zum Einen mit seiner grau-silbernen Kleidung beißt und zum Anderen total seinem natürlichen Typ (fast südländisches Aussehen) widerspricht.

 

Schwarzer Vampir - Csaba Nagy:

Auch so Einer, der mir beim letzten Mal nicht so wirklich gefiel und den ich jetzt richtig gut fand. Tänzerisch ja sowieso über jeden Zweifel erhaben, gefiel er mir jetzt auch optisch besser. Hat er ein bisschen an seinem Gesichtsausdruck gearbeitet? Ich weiß es nicht, jedenfalls kam er mir diesmal entschlossener und ausdrucksstärker vor.

Extrem gut sah es auch aus, als er bei seinem ersten Auftritt nicht aus dem Bett gezogen wurde, sondern sich auch aus dessen Himmel herauswand.

Und da waren ja auch wieder die sorgsam nachgezeichneten Muskeln auf seiner nackten Haut und die hauteng sitzende Hüfthose. Joah, nicht schlecht...

 

Zwei Fragen hätte ich in diesem Zusammenhang an ihn: 1. Wie kommt er in diese Hose rein? und 2. Hat er keine Angst, dass sie ihm beim Tanzen mal verrutscht?

 

Auch als “Rote Stiefel-Graf” machte er eine gute Figur und war so ernst und konzentriert bei der Sache, dass man bei den schwierigen Hebefiguren um die “Tanz-Sarah” keine Angst haben mußte.

 

Weißer Vampir - Tibor Nagy (am Freitag):

Ein Bruder von Csaba oder ist Nagy einfach ein häufig vorkommender ungarischer Nachname?

Jedenfalls war er so ein White, der mir eigentlich nur durch seine dämliche Perücke, für die er ja nichts kann, aufgefallen ist. Beim Finale war er dann um einiges pfiffiger und trug zu seiner Ledermontur eine große Sonnenbrille und kam auch entsprechend forsch auf die Bühne marschiert.

 

Weißer Vampir - Gernot Romic (am Samstag):

Jaaa, da war er wieder, mein kleiner Liebling und Alfred von Freitag.

Wie schon im letzten Jahr als White ein echter Blickfang (dankenswerterweise wiederum mit seinen echten Haaren und nicht mit einer doofen Perücke) und sehr liebevoll mit seiner “Traum-Sarah”.

Und ihm gebührt noch ein ganz großes Lob: Als Alfreds Spiegelbild war er absolut synchron. So perfekt habe ich diese Szene noch nie gesehen.

 

“Rote Stiefel-/Traum-Sarah” - Marcella Morelli:

Bei ihren Szenen habe ich mich wohl etwas zu sehr auf die hübschen Jungs um sie herum konzentriert. Jedenfalls kann ich mich kaum noch an sie erinnern, weiß aber, dass sie einige Male gekonnt in der Luft herumgewirbelt ist. Was sie dabei und in ihren anderen Szenen für ein Gesicht gemacht hat? Ehrlich, keine Ahnung.

 

Carpe Noctem Solo 1 - Sven Fliege:

Tauchte auf dem Bett auf und sang mit schöner Stimme jeden Ton, wie er sich gehörte. Später fiel er beim Finale mit seinem kahlen, tätowierten Schädel noch einmal richtig auf.

 

Carpe Noctem Solo 2 - Alexander Di Capri (am Freitag):

Hing an dem Bettpfosten und hörte sich gut an. Beim Finale trug er seine Haare wieder lässig zurück gegelt und die Lederklamotten mit schönster Selbstverständlichkeit. Ja, die stehen ihm wirklich gut.

 

Carpe Noctem Solo 2 - Florian Theiler (am Samstag):

Ob er es war oder nicht, kann ich beim besten Willen nicht sagen, denn ich kenne ihn nicht. Jedenfalls stand er als Solosänger auf der Castliste, obwohl er ansonsten dem Tanzensemble zugeordnet war.

Wer auch immer das letztendlich war: Er hat gut gesungen.

 

Zwei weitere Ensemble-Mitglieder möchte ich noch erwähnen, den Einen (leider) unbekannter- und den Anderen (auch leider) bekannterweise:

Der schöne Unbekannte war der Vampir im Publikum, der während der gesamten ‘Vor dem Schloss’- Szene unbeirrt Blickkontakt mit dem Zuschauer auf dem Gangplatz hielt. (Hoffentlich wusste derjenige es zu schätzen.)

 

Der unschöne Bekannte: Fernand Delosch, den ich überhaupt nicht ab kann.

Ich bin traumatisiert, seit er 2006 bei einer Benefiz-Gala im Essener Colosseum Theater endlos lang einen (nicht im geringsten witzigen) Sketch gespielt hat. Dass er das in einer langen, fleischfarbenen Unterhose tat, machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil!

Seitdem kann ich seinen Anblick nur schwer ertragen und war deshalb schon im letzten Jahr nicht erfreut, ihn bei den Wiener Vampiren auf der Bühne zu sehen. Und wie das so ist: Es gehen immer die Falschen, denn auch der letzte Castwechsel hielt ihn nicht davon ab, sein Betätigungsfeld zu ändern. Gnadenlos tauchte sein Name auch dieses Mal wieder in beiden Shows auf der Castliste auf. Er sass in der Ahnengalerie genau in meinem Blickfeld, er war derjenige, der beim Finale neben mir stehen blieb, so dass ich ganz exklusiv in den Genuss seiner Stimme kam und ich muss wohl auch nicht sagen, wer der Vampir war, der mir im Ballsaal den Blick auf den Grafen verstellte...

 

Und zu dem komme ich jetzt auch, bevor ich mich hier noch mehr in Rage schreibe.

 

Graf von Krolock - Drew Sarich:

Als ich hörte, dass er der neue Graf in Wien werden sollte, konnte ich mir das ehrlich gesagt nicht so richtig vorstellen.

Live hatte ich ihn bisher (wenn ich mich recht erinnere) erst einmal gesehen und das war bei der ersten Auflage von Best of Musical. Zwar fand ich ihn dabei in den verschiedenen Rollen sehr sympathisch rüberkommend, aber wirklich umgehauen hatte er mich nicht.

Am stärksten in Erinnerung war mir noch, dass er mit einem Stück (‘Rock You Like a Hurricane’ aus dem nie realisierten Musical ‘Wind of Change’) die Kölnarena zum Kochen brachte.

 

Das Letzte, was ich von Mister Sarich gesehen hatte, war die Rudolf-DVD mit ihm in der Titelrolle und wieder war mein Eindruck: Sehr sympathisch, gute Stimme mit einem manchmal sehr eigenen Klang und schauspielerisch absolut überzeugend.

 

Klar hoffte ich darauf, ihn zu sehen und freute mich gleichzeitig auf zwei relaxte Shows, in denen ich nicht immer in eine gespannte “Hab’ acht-Stellung” fallen würde, wenn der Graf auf der Bühne war.

 

Doch diese Hoffnung wurde mit dem ersten Blick, den ich auf ihn warf, als er an mir vorbeiging, zunichte gemacht. Meine Güte, sah der gut aus.

 

Sehr ernst schauend betrat Drew Sarich als Graf von Krolock die Bühne, um mit dem Rücken zum Publikum zu verkünden ‘Gott ist tot’. (Übrigens gab es in dieser Szene einen Klasse-Effekt: Einmal war sein Schatten riesengroß und etwas blasser auf dem Vorhang zu sehen und dann gab es noch rechts und links davon zwei sehr dunkle Schatten in Originalgröße von ihm. Toll!)

 

Endlich drehte er sich um und der erste Eindruck wurde mehr als bestätigt.

Da passte wirklich alles: Die Perücke, die Maske... Und die neue Wiener Kleidung des Grafen schien wirklich nur für diesen Mann entworfen zu sein.

Sehr reizvoll fand ich auch den Kontrast zwischen seinen warmen braunen Augen (die ihm im richtigen Leben ja immer so einen etwas melancholischen Ausdruck geben) und dem kalten, Alabasterartigem Teint.

 

Das Spiel seiner Hände und sein Blick, den er zu Sarah hochwarf (“Ich hör eine Stimme, die mich ruft”) - einfach perfekt. Und der Beweis, dass es hier eine ganz andere Grafen-Interpretation geben würde, als (mir) bisher bekannt war, folgte auf dem Fuße: “Getrieben von Sehnsucht und hungrig nach Glück.” Während die anderen Grafen-Darsteller das Wort Glück tief und (laienhaft ausgedrückt) nach unten weg singen, zog Drew es lang und in die Höhe. Das war zum Einen so ungewohnt, zum Anderen aber so grandios, dass ich hier zum ersten (aber nicht zum letzten) Mal Gänsehaut hatte. Die wurde auch nicht weniger, als der Graf noch ein leises diabolisches Lachen ausstieß und dabei gefährlich die Zähne blitzen ließ. (Ganz nebenbei hatte sich sein Schatten mittlerweile verdreifacht.)

 

Jetzt umspielte auch zum ersten Mal ein kleines Lächeln den Mund des Grafen. Da er dazu nur einen Mundwinkel nach oben zog, verlieh es seinem Blick etwas leicht spöttisches.

(Zum Glück erfreute er mich damit noch einige Male - sehr geil.)

 

Noch ein letzter Blick zum Himmel und die faszinierende Gestalt verschwand in der Dunkelheit. Und ich konnte nicht anders: Ich mußte ihm nachgucken.

 

Die ‘Einladung zum Ball’ war ebenfalls ein Genuss. Vielleicht nicht so gefühlvoll wie bei anderen Grafen, aber dafür umso temperamentvoller. Und das nächste Staunen ließ auch nicht lange auf sich warten: Mit einem Schritt erklomm er mit seinem linken Fuß wie gewohnt den hinteren Wannenrand, machte aber gleich noch einen Schritt und stellte seinen rechten Fuß neben Sarahs Kopf auf den vorderen Wannenrand. Wow, was für eine Pose...

 

Es folgte eine lange grafenlose Zeit, bis er sich ‘Vor dem Schloss’ endlich wieder seinen Gästen zeigte.

“Wohl der Nacht...” empfing er sie mit kräftiger Stimme, um dann mühelos in ein behutsames “Endlos ist das Meer der Zeit...” hinüberzugleiten. Genial.

 

Der Dialog zwischen dem Grafen und dem Professor wurde durch beiderseitiges Kichern aufgelockert und richtiggehend freundlich und entgegenkommend nahm der Graf die Visitenkarte des Professors entgegen. Erst als er sie wegsteckte, machte er ein Gesicht nach dem Motto: “Ich habe selten so einen Unsinn gelesen.”

Während des Lamento des Professors (“Wer würdigt schon die Logik?”), vertrieb er sich die Zeit damit, seine Ringe auf ihren richtigen Sitz hin zu überprüfen.

Das war mal eine witzige Idee, die so richtig zeigte, wie gelangweilt der adlige Mann von dem ganzen Geschwätz um ihn herum war.

 

Nachdem der Graf Alfred angeboten hatte, sich seiner anzunehmen und diesen damit in die Flucht schlug, ging er mit langen Schritten zum Schlosstor und zog es zu. Allerdings öffnete er es gleich darauf noch einmal weit und brach dabei in diabolisches Gelächter aus.

 

Die 'Totale Finsternis' begeisterte mich in der Wiener Variante auch dieses Mal.

Es sieht so toll aus, wenn der Graf zunächst mit dem Rücken zum Publikum steht, sich dann langsam umdreht und die große Treppe herunterkommt.

Als er später auf der Bühne mit zwei, drei schnellen Schritten auf Sarah zuging und sie ängstlich vor ihm zurückwich, blieb er sofort stehen und hob beruhigend seine Hand in ihre Richtung. Dass dabei seine langen Zähne, die die Wiener Grafen während der gesamten “ToFi” tragen, gefährlich blitzten, war wieder so ein besonderer Kontrast.

 

'Die unstillbare Gier' stellte Drew Sarich irgendwie schnörkelloser (doofes Wort, aber mir fällt kein besseres ein) dar als Andere. Er suchte z. B. nicht nach dem Grab seiner Liebe, sondern ging sofort zielstrebig darauf zu. Er verzichtete auch auf größere Gesten und Ausbrüche und wirkte dadurch irgendwie in sich ruhend. Diese Interpretation hat mir gut gefallen, weil sie zu dem coolen Grafen passte, den ich schon den ganzen Abend erleben durfte. Das war kein Graf, der einen über alle Maßen berührte und seine Zerrissenheit deutlich nach außen zeigte, sondern einer, der wirkte, als habe er in seinem langen Leben nicht allzu viel falsch gemacht.

 

Im 'Ballsaal' peitschte er die anderen Vampire regelrecht auf und es hörte sich stark an, weil hier Einer mit einer wirklich rockigen Stimme auf der Bühne stand und nicht Jemand, der seiner sehr klassischen Stimme auf Biegen und Brechen einen verrockten Klang geben will. (Was sich in meinen Ohren dann immer sehr bemüht anhört.)

 

Seine Reaktion, als Alfred mit dem Kerzenständer auf ihn zu rannte, ist auch noch unbedingt erwähnenswert. Zunächst der obligatorische ungläubige Blick und dann kam es: Gespielt hysterisch wedelte er mit beiden Händen in der Luft herum und gab dabei ein, ebenfalls gespielt, ängstliches "Wäääh" von sich. Klar, dass sich die Vampirschar vor Lachen die Bäuche hielt und als dann noch das ebenfalls obligatorische "Buh" folgte, gab es für die lustige Meute kein Halten mehr.

Sehr schön, denn das gab dem Grafen Anlass, wieder mal auf seine unnachahmliche Art zu lächeln...

 

Ich bin der Meinung, dass dieser Graf beim Finale (muss ich erwähnen, dass Drew in den Lederklamotten umwerfend aussah?) ruhig die gesamte Szene mittanzen könnte. Das würde zu seinem Typ passen und ich bin sicher, dass er das locker geschafft und dabei auch noch eine gute Figur gemacht hätte.

 

Nach den ganzen Eindrücken, die ich von Drew Sarich bekommen habe, bin ich wirklich froh, dass Wien so weit weg ist. Denn “sein Graf” birgt ein so hohes Suchtpotenzial, das mich, bei einer kürzeren Entfernung, viel zu oft anziehen würde.

 

Hätte dieser Graf in seiner Ledermontur und mit diesem ganz speziellen, verheißungsvollen Lächeln auf einem Motorrad vor dem Ronacher gestanden - ich wäre aufgestiegen...