Tanz der Vampire, 10.01.2010, 14.30 Uhr - Metronom Theater Oberhausen

 

Ein Show- nein, ein “Grafenbericht”

 

Schon als der Graf das erste Mal erschien, machte sich Gänsehaut (1) breit. Würdevoll schritt er durch den Saal und auf die Bühne. Wie eine überlebensgroße Fledermaus baute er sich vor dem Vorhang auf und erklärte, dass Gott tot ist. “Jahrelang war ich nur Ahnung in Dir” war schon so kraft- und gefühlvoll gesungen, dass hier schon klar war, dass es wieder ein unvergessliches Erlebnis werden würde.

 

Der “Dachgraf” erschien und “sprach” die ersten Takte der Einladung zum Ball aus.  Kurz darauf kam ein sehr schwungvoller Graf hereingestürmt. Er betrachtete verächtlich die mit Brettern zugenagelte Tür und stellte fest “dass ihre Sicherheit ein großer Schwindel war”.

Nachdem er auf die Wanne gestiegen war und wunderbar (Gänsehaut 2) von der Reise auf den Flügeln der Nacht erzählt hatte, beugte er sich gaaaaanz tief zu Sarah hinab...

Leider wurde er dann durch Alfreds Geschrei vertrieben, aber nur so lange, bis er beim 'Gebet' höchstpersönlich auf dem Dach auftauchte und schnell klar machte, dass er noch lange nicht aufgegeben hatte.

 

Nach einigen Diskussionen mit Chagal fanden Alfred und der Professor schließlich den Weg zum Schloss.

 

Mit einer unglaublichen Mischung aus Verschlagenheit, unendlicher Arroganz und großer Traurigkeit begrüßte der Graf mit “Wohl der Nacht” die beiden Herren vor dem Schloss und sinnierte über seine Einsamkeit nach.

Ganz versunken stand er am Ende da und bekräftigte das eben Gesagte noch mit einem leisen, aber dennoch kräftigen “Ja”. Dann wurde ihm wohl bewusst, dass sich hinter seinem Rücken noch seine (ungebetenen) Gäste befanden. Die Frage “Mit wem habe ich das Vergnügen?” wurde von einem so genervten Augenverdrehen begleitet, das jeden nicht ganz so selbstgefälligen (Professor Abronsius) und nervösen (Alfred) Menschen in die Flucht geschlagen hätte.

Nun, der Professor merkte wie immer nichts und verkündete stolz per Visitenkarte seine Herkunft. Spätestens der Gesichtsausdruck bei “Genial, ich war gefangen” wäre Anlass genug gewesen, die Beine in die Hand zu nehmen. Da auch dies nicht geschah, konnte der Graf seinen Sohn vorstellen und es war schwer zu sagen, ob Vater oder Sohn den größeren Spaß hatten.

 

Nachdem Alfred sich von Herbert befreien konnte, folgte der nächste Schock für ihn: Der Graf hatte seinen geliebten Schwamm! Und damit nicht genug: Mit deutlichen Worten und Gesten wurde er auch noch aufgefordert, seinen verborgenen Trieben zu folgen!

 

Mit einem langen “Befrei’n (Gänsehaut 3), das Alfred zur Flucht nutzte und den Grafen im hellen Licht erstrahlen ließ, endete (viel zu schnell) der erste Akt.

 

“Sei bereit, Sternkind”: Wie hin gemalt (Gänsehaut 4-5) stand der Graf auf der Treppe und beobachtete Sarah in der Ahnengalerie. Ein Stück seines Umhangs hing dekorativ über dem Geländer, auf dem er sich mit seinen Händen abstützte. Bei den Worten “Du wirst Dich in mir erkennen” machte er mit den Händen eine Bewegung, als wollte er sagen: “In wen sonst?”

Schnell kam er dann zu Sarah hinunter, die beiden standen sich gegenüber und besangen weiter die 'Totale Finsternis'. (Der Graf hatte stimmlich ganz klar die Oberhand und dominant gab er im wahrsten Sinne des Wortes den Ton an.)

Sobald die Nähe zwischen den beiden allerdings zu groß wurde, wendete der Graf sich abrupt ab und man sah ihm deutlich an, wie schwer es ihm fiel, nicht jetzt schon die Beherrschung/“den Kopf” zu verlieren.

 

“He ho he, wirklich treffend Professor!” schallte es mächtig von oben und von allen Seiten auf Professor Abronsius und Alfred herab und auch die Drohung des Professors, ihn in Spiritus einzulegen, entlockte dem Grafen nur ein herablassendes Lachen.

 

Nachdem die Vampire zuerst ihre Gräber und dann den Friedhof verlassen hatten, erschien der Graf und beklagte seine 'Unstillbare Gier'. 1617, 1730, 1813 - die Jahrhunderte zogen vor seinen Augen vorbei. Da waren des Kaisers Page und des Pastors Tochter, auf deren Haut er mit einer kleinen Schreibbewegung in Gedanken noch einmal das Gedicht schrieb.

Er wollte diesmal aggressiver als sonst “Frei und freier werden” (was sich unglaublich gut anhörte).

Als die Gräber sich anhoben, ging der Graf mit langen, energischen Schritten nach unten und ließ sich bei den Worten “Ich will endlich einmal satt sein” langsam auf die Knie sinken. Doch gleich darauf stand er wieder stolz auf und zählte auf, woran die Menschen glauben. Jeder Begriff wurde mit einem eigenen Blick unterstrichen.

Und dann mit aller Kraft: “Doch die wahre Macht, die uns regiert, ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier!” (Gänsehaut 6-9 + 1 Tränchen)

 

Die Vampire wurden von Koukol zum Ball gerufen und fanden sich aus allen Richtungen ein. Auch der Graf ließ nicht lange auf sich warten.

Er erschien auf der Treppe zum Ballsaal, warf schwungvoll seinen Umhang über das Geländer (das Innenfutter hübsch nach außen, manch Dekorateur wäre vor Neid erblasst) und rockte da oben mal so richtig los. (Gänsehaut 10-11)

Anschließend gesellte er sich zu seinem Volk und teilte diesem mit, dass das verwunschene Sternenkind ihm gehört, beschwichtigte es aber gleich darauf mit dem Hinweis auf die beiden Sterblichen in seinem Labyrinth. (Was diese wiederum nicht besonders witzig fanden.)

Als Sarah auf der Treppe erschien und zögernd stehenblieb, lockte sie der Graf mit einem lautlosen “Komm” (Gänsehaut 12-13) und einer entsprechenden Geste zu sich. Da Sarah wohl nicht verstand (dumme Nuss!) und immer noch zögerte, ging der Graf erst ein Stück auf sie zu, blieb dann stehen und zeigte ihr mit schon deutlicheren Handbewegungen, wohin sie zu kommen hatte. Nämlich an seine Seite. Und dann begann der eigentliche Kampf des Grafen. Der mit sich selbst. Unbändige Gier, unstillbare Sehnsucht, großer Schmerz und unendliche Traurigkeit... wie viele Gefühle können auf einmal in einem Gesicht sein? (Gänsehaut 14)

Und dann endlich der erlösende, der befreiende Biss... (Auch dieser aggressiver als manch anderes mal.)

Das einzige, was dieser (neuen) Aggressivität etwas abträglich war, war das elegante Rinnsal am Kinn des Grafen. Nach dem doch recht heftigen Biss war der Graf ziemlich (verzeiht den Ausdruck, Exzellenz) bekleckert. Umso eleganter fiel dann allerdings wieder die Handbewegung aus, mit der das Blut abgewischt wurde.

Stolz zeigte er seinen Untertanen seine neueste Errungenschaft, bevor er sie ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ und ihr erklärte, das Liebe ihre Welt zerbricht.

Als das Menuett begann zerrte der Graf Sarah wieder auf die Füße und der Tanz begann. Natürlich stümperte ihm Herbert wieder in den Weg und wurde erstmal ordentlich zusammengestaucht. Doch als der Graf erkannte, was sein Sohn ihm interessantes zeigen wollte, gab er ihm ganz milde zu verstehen, dass der Vater das schon regeln wird.

Mit einer kleinen Handbewegung scheuchte er seine Vampirschar in die Ecke und zusammen beobachteten sie interessiert den Tanz der drei (zwei?) Sterblichen. Es dauerte etwas, bis diese begriffen, dass ihre Tarnung aufgeflogen war und Klein-Alfred griff sich mit dem Mut der Verzweiflung den Kerzenständer und rannte auf den großen Grafen zu. Der machte ein Gesicht, als glaubte er nicht, was er da sah. Zuerst drehte er sich amüsiert zu seinem Volk, guckte dann vom Kerzenständer zu Alfred und spuckte ein staubtrockenes “Buh”, gefolgt von schallendem Gelächter, aus.

Aber die Freude währte nicht lange, denn der Professor bewies Geistesgegenwart, schnappte sich den zweiten Kerzenständer, formte ein Kreuz vor den entsetzten Vampiren und nutzte mit Alfred und Sarah die Gelegenheit zur Flucht.

In der allgemeinen Panik konnte der Graf seinen Diener gerade noch anweisen, ihnen zu folgen und sie zurück zu bringen, bevor das Schloss über ihm zusammenstürzte.

(Und selbst in dieser Situation machte der Graf noch eine gute Figur.)

 

Fazit:

Gänsehaut kann sich gut anfühlen und ich danke einem überragenden Kevin Tarte für die wahnsinnig berührenden Momente (nicht nur in dieser Show).