Tanz der Vampire, 11.02.2011, 19.30 Uhr + 13.02.2011, 14.00 Uhr - Palladium Theater Stuttgart

 

Grafen über 40 lieben anders...

 

Endlich hieß es wieder: Auf zu den Vampiren.

Und damit nicht genug: Hübsch eingebettet zwischen den beiden Vorstellungen, die meine Schwester und mich am Freitagabend und am Sonntagnachmittag erwarteten, lag am Samstagabend das Solo-Konzert von Kevin Tarte (zu dem es natürlich einen Extra-Bericht gibt).

 

Das konnte doch nur ein gutes Wochenende werden!

 

Dementsprechend frohgelaunt machten wir uns am Freitagmorgen auf den Weg in südliche Gefilde, um bereits im Sauerland in eine Schlechtwetterfront zu geraten. Es regnete mal mehr, mal weniger heftig und die Sicht war wie die in einer gut genutzten Waschküche.

 

Was macht man, um nicht doch kurzzeitig in Trübsinn zu versinken? Richtig, man schiebt einen MP3-Stick in die dafür vorgesehene Öffnung und schon erklingen gar wunderbare Melodien.

Jan Ammann war es, der uns mit samtener Stimme erklärte, dass es ‘Kein Kommen ohne Gehen’ gibt. Die Tatsache, ihn in ein paar Stunden mal wieder live und in Farbe als Graf zu erleben, stimmte uns doch ziemlich fröhlich. Denn zum vierten Mal würde es mir doch nicht gelingen, ihn zu vertreiben. Oder etwa doch? Wenigstens hatte sich im Vorfeld nichts dergleichen angedeutet.

 

Je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr riss der Himmel auf.

Wenigstens dachte ich, dass es geographische Gründe hätte, wurde aber alsbald von meiner Schwester (wie schon mal erwähnt: ammänisch angehaucht) eines Besseren belehrt: “Ist Dir eigentlich klar, dass, seit Jan singt, die Sonne scheint?”

 

Da muss man erstmal drauf kommen und leise Zweifel schienen mir doch angebracht.

Trotzdem lehnte ich vorsichtshalber ihr Angebot ab, auf Kevin Tarte umzuschalten. Nicht auszudenken, wenn es dann tatsächlich wieder angefangen hätte zu regnen...

 

Von diesem meteorologischen Phänomen mal abgesehen, verlief die Fahrt störungsfrei und irgendwann kamen die Glasfassaden des SI-Centrums in Sicht.

In die Tiefgarage fahren, einchecken, Zimmer beziehen, auspacken und runter ins Café, lecker Kuchen essen: Allmählich automatisierten sich selbst hier die Abläufe. Nach einer Runde durch’s Centrum (irgendwie ist diese eigene kleine Welt immer wieder erstaunlich) war es auch schon Zeit, sich für den anstehenden Schloss-Besuch herzurichten.

 

In freudiger Erwartung und beschwingten Schrittes enterten wir die andere Straßenseite und betraten, natürlich wieder auf’s Freundlichste (=Langatmigste) vom Personal begrüßt, das Palladium Theater. Einmal tief durchatmen und diesen besonderen Geruch, den jedes Theater so hat, genießen.

Während ich noch in dieser Art von Meditation versunken war, zupfte mich meine Schwester plötzlich am Ärmel und deutete mit spitzem Finger auf den Monitor mit der Besetzung des heutigen Abends.

 

Florian Soyka las ich da. Ja und? Ist doch nichts besonderes, dass sein Name da steht, gehört doch zum Ensem... ABER SO WEIT OBEN?

Und tatsächlich: Graf von Krolock - Florian Soyka stand da zu lesen und ich war für’s Erste sprachlos. Das konnte jetzt wirklich nicht wahr sein: Ich war zum vierten Mal in Stuttgart, dies war meine neunte Show und ich hatte noch nicht ein einziges Mal Jan Ammann gesehen? Das grenzte doch schon an Hexerei!

Wie schon mehrfach erwähnt, ist er nicht mein Lieblings-Nachtvogel und ich reihe mich auch nicht in die Schar der ihn Anbetenden ein, aber es besteht auch kein Grund für ihn, immer das Weite zu suchen, wenn ich im Anmarsch war.

Aber was sollte es?! Wie oft hatten wir schon gottergeben beim Anblick diverser Castlisten, Castmonitore oder Castboards mit dem Kopf genickt (oder denselben geschüttelt), ändern konnte man eh nichts mehr.

Zumal, um auf den aktuellen Fall zurückzukommen, wir den jungen Mann wirklich gerne einmal als Graf erleben wollten. Das kam jetzt hier und heute zwar etwas überraschend, aber man ist ja flexibel.

 

Unsere Plätze in der ersten Reihe waren nun auch kein Grund für schlechte Laune und so stand einem schönen Abend eigentlich nichts mehr im Wege.

 

Die Show begann und spätestens bei ‘Knoblauch’ waren wir wieder mittendrin.

 

Unglaublich schnell verging die Zeit bis es hieß ‘Sei bereit’.

Jetzt war ich aber wirklich gespannt, wer da aus der Dunkelheit auftauchen würde.

Ein langer Schatten kam immer näher und als ich mich das erste Mal umdrehte, traute ich meinen Augen nicht. Auch als der Graf direkt neben mir herging und ich sein Gesicht im fahlen Licht kurz ziemlich gut sehen konnte, war mein erster Gedanke: Jan spielt doch. Zu verblüffend war in diesem Moment die Ähnlichkeit dieser doch eigentlich so unterschiedlich aussehenden Männer.

 

Erst als er sich bei ‘Gott ist tot’ umdrehte, sah man, dass da ein ganz anderer Grafen-Typ auf der Bühne stand. Ein Graf mit etwas vollerem Gesicht und breiteren Hüften (NEIN, ER IST NICHT DICK!) und einem reiferem Aussehen (NEIN, ER SIEHT NICHT ALT AUS!) als es sein wirkliches Alter vermuten lassen würde.

Also die Optik stimmte auf jeden Fall und als dann noch die Stimme dazukam - Wow!

 

Dieser gute erste Eindruck verstärkte sich im Laufe der Show erfreulicherweise immer mehr. Egal, ob bei der ‘Einladung zum Ball’, ‘Vor dem Schloss’, der ‘Totalen Finsternis’, alles von ihm hörte sich (wie Dieter Bohlen sagen würde) megageil an.

Er spielte etwas reduzierter und verzichtete auf größere Gesten, was bei ihm aber absolut passend war.

 

Vor allem bei der ‘Unstillbaren Gier’, die dem Grafen-Darsteller choreographisch ja nicht so viel Spielraum lässt (ich sage nur: Fuß auf das Grab in der Mitte stellen) wirkte er total unverbraucht und beinahe schon unbekümmert.

 

Ein bisschen mehr könnte er für meinen Geschmack noch mit seiner Mimik ausdrücken, aber er wird im Laufe der Zeit bestimmt immer mehr seinen eigenen Stil finden.

 

Sollte sein Name also in Zukunft ganz oben auf der Castliste stehen, werde ich nur ein bisschen enttäuscht sein, dass mein Lieblingsgraf nicht spielt, aber auch genau wissen, dass mich ein toller Graf erwartet.

 

Antje Eckermann als Sarah hat mir, wie schon beim letzten Mal, gut gefallen.

Vor allem schauspielerisch ist sie ganz vorne mit dabei und ihre Stimme ist auch recht angenehm anzuhören. Sehr niedlich fand ich, wie sie mit gaaanz großen Augen beim ‘Gebet’ zu überlegen schien, was denn nun für sie das Richtige ist.

 

Krisha Dalke als Alfred ließ ja schon in den letzten Shows eine gewisse Tendenz zur Aufmüpfigkeit gegenüber seines Lehrherren erkennen. Und dieser Trend setzte sich auch dieses Mal fort. Geradezu gönnerhaft sprach er manchmal mit dem tattrigen alten Mann. So, als hätte er größtes Verständnis für dessen immer weiter fortschreitende Senilität. Und auch hinunter in die Gruft ließ er sich wieder nicht so ohne weiteres schicken, obwohl er letzten Endes natürlich doch genau dort landete.

Und da war er auch sofort wieder der kleine, verängstigte Alfred, der beschämt zugeben mußte, dass die an ihn gestellten Erwartungen viel zu groß waren.

 

Außerdem mußte er erkennen, dass man mit seinem Essen nicht spielen soll.

Es macht doch immer so großen Spaß, den köstlichen (Hafer)schleim gaaaaanz laaaaang aus der Schale zu ziehen und diesen ganz fasziniert zu betrachten.

Leider machte ihm das zähe Zeug dieses Mal einen Strich durch die Rechnung: In einem dicken Klumpen blieb es zunächst am Löffel kleben, um sich dann (vermutlich mit einem schmatzenden Geräusch) zu lösen und nach unten zu fallen. Da hatte unser Alfred aber seine liebe Mühe, mit der Schüssel hinterher zu balancieren und die Pampe aufzufangen.

Nicht auszudenken, wie Koukol geschimpft hätte, wenn er die Sauerei vom Boden hätte wischen müssen...

 

Christian Stadlhofer als Professor wird für mich immer mehr zum Phänomen.

Nicht nur, dass er mir seit der Gala in Waltrop noch sympathischer geworden ist, nein, auch wie er dieser Rolle immer neue Facetten gibt, ist einmalig.

 

So oft ich ihn mittlerweile auch gesehen habe: Seine Darstellung variiert so dermaßen, dass es einfach nicht langweilig werden kann. Es sind immer Kleinigkeiten, die er verändert, aber gerade die machen die Sache so interessant. Alleine schon wie er in den beiden Shows die Tatsache zum Ausdruck brachte, dass er in der Gruft nicht weiterkommt.

War es am Freitag ein geradezu bedeutungsschwer ausgesprochenes “Ich (lange Pause) hänge (lange Pause) fest (lange Pause)”, so kam dieser Satz am Sonntag ganz lockerleicht und beinahe schon erleichtert über seine Lippen.

Natürlich durften auch wieder seine geschmeidigen Hüften bei der ‘Wahrheit’ nicht fehlen und er wurde dafür auch mit Zwischenapplaus belohnt.

 

Christoph Leszczynski als Chagal ist, im Gegensatz zur Vorstellung am Sonntag, nicht besonders aufgefallen. Seine Aussprache hat sich um einiges verbessert, ansonsten ist er immer noch sehr klein (was sich wohl auch nicht mehr ändern wird), hat für sich aber eine geeignete Technik gefunden, um den doch recht großen Magdas an den Hals zu gehen: Er setzt sich kurzerhand im Reitersitz auf sie drauf. Man(n) muss sich nur zu helfen wissen!

 

Jeanne Marie Nigl als seine Rebecca kam auch etwas resoluter rüber als noch beim letzten Mal. Sie zeterte dermaßen über ihren untreuen Ehemann, dass die Rüschen an ihrer Nachtmütze nur so bebten. Auch ihr Part beim ‘Gebet’ hörte sich sehr schön und angenehm an.

 

Linda Konrad als Magda zu sehen und zu hören war wie immer eine Freude.

 

Dasselbe gilt auch für Florian Fetterle als Herbert, obwohl ich auch mal wieder gerne einen anderen Grafensohn gesehen hätte.

Natürlich war Florians Herbert wieder vom Allerfeinsten und dass er bei seinem ersten Auftreten dank einer bescheuerten Frisur genauso aussieht, dafür kann er ja nichts. Leider riss er in beiden Shows nicht so erfreut die Augen auf, als er Alfred zum ersten Mal erblickte. Hoffentlich hatte er dazu nur mal keine Lust und es ist ihm nicht generell von irgendwelchen schlauen Leuten untersagt worden.

Sein Hüftschwung und sein beleidigter Abgang nach der Pleite mit Alfred und den bezogenen Prügeln (auf die er am Sonntag besonders empört reagierte), brachten ihm einmal mehr Szenenapplaus ein.

 

Mein heimlicher Held des Abends war aber trotz der grandiosen Grafen-Leistung ein ganz Anderer: Sven Prüwer als Koukol.

Schon als ich das erste Mal las, dass er nun auch das Cover für diese Rolle bekommen hatte, mußte ich breit grinsen. So herrlich überzogen wie er den Professor spielte - da konnte er doch bei dieser “Deppen-Figur” seiner Fantasie richtig freien Lauf lassen.

 

Schon sein erstes Erscheinen löste bei mir einen kleinen Heiterkeitsausbruch aus, denn trotz der entstellenden Maske erkannte man doch sehr genau, wer sich dahinter verbarg.

Die Haare hingen ihm verwegen ins Gesicht, als er Chagal um “Ke... Ke...” bat. Und, oh Wunder, dieser verstand ihn und ließ ihn mit einem Bündel Kerzen von dannen ziehen. Auch seinen zweiten Botengang erledigte er zur vollsten Zufriedenheit und ließ somit eine glückliche Sarah zurück. Auf seinem Rückweg schien er auch einige Menschen zu erfreuen, vermutlich damit, dass er ihnen seine Laterne vor’s Gesicht hielt, denn kleine Schreie waren aus den hinteren Reihen zu hören.

Das Kraulen seines struppigen Haarschopfes ließ er mit Wonne über sich ergehen und es wäre nicht Sven gewesen, wenn er dies nicht mit weit heraushängender Zunge (einem hechelnden Hund nicht unähnlich) nochmal extra dokumentiert hätte.

 

Seine ganz große Stunde hatte er allerdings im Schlafzimmer seiner Gäste, als er interessiert zuhörte, wie Alfred von Sarah schmachtete. Und nichts Menschliches schien dieser verkrüppelten Gestalt fremd zu sein, guckte er doch ziemlich wissend und formte mit seinen Händen ein Herz in die Luft. (Was bei deren unförmiger Größe natürlich besonders putzig wirkte.)

 

Spätestens nach dieser Szene freute ich mich auf sein Erscheinen in der Gruft und wurde natürlich nicht enttäuscht: Sein Entsetzen über das muntere Treiben an diesem eigentlich doch so stillen Ort, war dermaßen groß, dass mir vor Lachen die Tränen kamen. Da er scheinbar nicht wusste, wo er zuerst für Ordnung sorgen sollte, ruderte er verzweifelt mit den Armen und stieß kleine Schreie aus.

Als die Sargdeckel seiner Herrschaft wieder da lagen, wo sie hingehörten, begann die muntere Jagd auf Chagal und Magda, die damit endete, dass er die beiden aufmüpfigen Neu-Vampire wieder in ihre enge Behausung scheuchte.

 

Und gerade als er es sich zu seiner wohlverdienten Ruhe auf dem Sarg bequem gemacht hatte, fingen die beiden Unruhestifter doch tatsächlich wieder an zu krakeelen. Sein Gesicht darüber: Einfach nur göttlich.

 

Tanzsolisten waren Pierre Damen (White Vampire), Toby Poole (Black Vampire) und Paula Ferraira (“Traum-Sarah”).

 

Bei letzterer bin ich davon überzeugt, dass sie keine Knochen im Leib haben kann. Meine Güte, wird das Mädel hin und her geschleudert. Bei ihr sieht das irgendwie noch spektakulärer aus als bei Kym, was aber auch daran liegen mag, dass Toby rabiater zur Sache geht als Csaba und Ross es getan haben.

Bei Toby war es übrigens genauso wie immer: Tänzerisch wahrscheinlich einwandfrei, aber auch immer etwas grob und abgehackt wirkend. Dazu zog er wieder ein extrem mürrisches Gesicht...

Pierre Damen gab einen niedlichen weißen Vampir ab: Sehr klein, süßes Gesicht - ein richtiger Tanzfloh. Die Perücke stand ihm so mittelprächtig, was bei diesem Feudel ja aber auch kein Wunder ist.

 

Rune Høck Møller (hat seinerzeit die Straßenseite von WWRY zu den Vampiren gewechselt) und Jakub Wocial waren gute Nightmare-Soli, wobei sich mir Rune (auf dem Bett) nicht so wirklich eingeprägt hat, was natürlich bei Jakub ganz anders war.

Egal ob in diesem Part, als Knoblauch-Bauer oder als Ewigkeitsvampir - er ist auch so Einer, der mir immer auffällt.

 

Das Ensemble bot (wie eigentlich immer) eine grandiose Leistung und war auch zahlenmäßig stark besetzt. Besonderen Spaß schienen die Herrschaften in der Ahnengalerie zu haben, denn als der Vorhang noch unten war, hörte man schon munteres Geplapper und Gelächter.

Und auch der Herr Graf ließ sich von der guten Laune anstecken und brachte schon mal probeweise ein leises “Sei bereit” zu Gehör.

 

Zwei, die ich immer gerne beobachte, möchte ich hier noch extra erwähnen:

Lucas Theisen, den auch die Tatsache, dass er in einen der hinteren Särge verbannt wurde, nicht davon abhält, seine Hand, noch bevor überhaupt etwas anderes von ihm zu sehen ist, hoch in die Luft zu strecken und seinen Finger fröhlich zucken zu lassen.

Er gefällt mir bei den ‘Rote Stiefeln’-Tänzern immer ganz besonders. Sein Tanzstil sieht immer ebenso elegant wie sicher aus. Sehr niedlich war am Freitag seine “Schnauzbart-Choreographie”, die er als Knoblauch-Bauer vorführte. Der Mann kann eben nicht nur mit seinen Beinen tanzen...

 

Johan Vandamme ist mein zweiter Ensemble-Favorit. Er hat so ein niedliches Gesicht, das auch die größte Maskierung nicht verdecken kann. Davon mal abgesehen ist auch er bei den ‘Rote Stiefel’-Tänzern für mich immer ein Blickfang.

 

Ach ja und ich habe doch tatsächlich auch mal eine Dame erkannt: Gemma West, die vor nicht allzu langer Zeit noch ihre Runden beim Starlight Express drehte und die tatsächlich zu den etwas Stämmigeren ihrer Zunft gehört.

 

Zusammenfassend bleibt eigentlich nur zu sagen, dass es eine wunderbare Show war, die ich so richtig genossen habe und zum Glück ließ die nächste ja nicht allzu lange auf sich warten.

 

Dazwischen lag aber noch eine interessante Backstageführung am Samstagvormittag.

Nur leider hatte ich wohl mal wieder auf der Stirn stehen: "Idioten bitte in unsere Gruppe einteilen."

Eigentlich macht man doch eine solche Führung, um etwas zu erfahren und nicht, um das eigene “Wissen” an den Mann/die Frau zu bringen, oder?

Auf jeden Fall hatten wir so einen "Ich-habe-Tanz-der-Vampire-erfunden"-Fan in unseren Reihen. Die ganze Zeit über schon unerhebliches Zeug redend, hatte ich sie spätestens da so richtig gefressen, als wir vor Fotos stehenblieben, die zeigten, wie die Grafen geschminkt wurden. Auf den Fotos waren sowohl Jan als auch Kevin zu sehen.

"Wer ist denn jetzt Dein Favorit?" fragte sie ihr Begleiter. Ein geradezu empörtes "Na, Jan natürlich" (zeigen auf Jan) war die Antwort. "Der da (zeigen auf Kevin) ist nur der Andere..."

 

"Die Grafen-Darsteller brauchen eineinhalb Stunden, bis sie mit ihren Masken fertig sind" erklärte die nette Frau Gall, die die Backstage-Führung machte.

"Das stimmt aber nicht..." meldete sich unsere Frau Schlau zu Wort, "...sie brauchen mindestens zwei Stunden." "Na ja..." meinte Frau Gall, wurde aber sofort wieder unterbrochen: "Das hat Jan mir selbst erzählt." (!!!)

 

Schade, dass wir ein gutes Stück von der Bühne entfernt waren.

Der Sarg von Chagal und Magda wäre genau der richtige Ort für diese Nervensäge gewesen. Und den Deckel hätte ich gerne eigenhändig festgenagelt...

 

Später hinter der Bühne standen wir an eben diesem Sarg, als eine kleine Gruppe auf der anderen Seite hereinkam. Mann oh Mann, hatte mich Florian Soyka so beeindruckt, dass ich ihn jetzt schon überall sah?

Der junge Mann, der diese Gruppe anführte, hatte jedenfalls fatale Ähnlichkeit mit unserem gestrigen Grafen in Menschengestalt.

 

Unser Rundgang endete im Theatersaal und als wir alle in unseren Sesseln sassen und den Ausführungen über die Technik lauschten (bzw. im Fall Frau Schlau den eigenen Senf beitrugen), betrat die kleine Gruppe von vorhin die Bühne, die jetzt schon hell erleuchtet war. Und da war es offensichtlich: Es war tatsächlich Florian, der seine Gäste gestenreich und anscheinend auch sehr witzig mit seinem Arbeitsplatz vertraut machte.

Gott sei Dank litt ich doch noch nicht an Halluzinationen.

 

Gefühlte zwei Stunden später war es Sonntagmittag und wir ließen uns auf denselben Plätzen (“Tolle Plätze” bescheinigte uns der freundliche Kartenkontrolleur am Eingang - Ach was, da wäre ich selbst nie drauf gekommen) wie Freitagabend nieder.

 

Vorher war ich es diesmal, die zuerst auf den Monitor guckte. Und was ich da sah, ließ mein Herzchen doch gewaltig höher schlagen. Stand da doch wirklich und wahrhaftig der Name meines Lieblingsgrafen! Eine Tatsache, die meiner Schwester einen blauen Fleck einbrachte, da ich ihr vor Begeisterung in den Arm kniff, um sie auf den Bildschirm aufmerksam zu machen.

 

Aber auch sonst schien die Show einiges zu bieten:

Nach einem uns völlig neuen Grafen, gab es diesmal einen neuen Alfred zu bewundern. Dennis Jankowiak hieß der junge Mann und als er von Rebecca seiner Vermummung entledigt wurde, war mein erster Gedanke: Manuel Neuer ist das ständige Gerede um seine sportliche Zukunft leid.

Weder bleibt er bei Schalke, noch wechselt er zu den Bayern oder geht gar ins Ausland, nein, er hat sich entschieden, etwas ganz Neues anzufangen und ist Musicaldarsteller geworden.

Die Ähnlichkeit der Beiden war wirklich ganz frappierend. Diese jungenhaften, immer auch etwas trotzig wirkenden Gesichter, eine ziemlich ähnliche Frisur und Figur. Wobei unsere momentane Nummer 1 natürlich der Längere ist, aber auch Dennis Jankowiak ist nicht einer der Kleinsten.

Und genau diese Körpergröße stand in einem sympathische Gegensatz zu dem sehr ängstlichen Alfred, den er verkörperte.

 

Oh, was war er für ein beflissener, gewissenhafter Assistent, der stets bemüht war, es dem Professor immer recht zu machen.

Außerdem schien er ein Penibelchen zu sein, denn sein Gesicht sprach Bände, als er die Decke beschnüffelte, auf die er sein müdes Haupt legen sollte.

 

Doch trotz aller Bravheit war auch er von der nackten Sarah in der Wanne hingerissen und als er ihr später tatsächlich gegenüberstand, mußte man schon befürchten, er könnte vor lauter Aufregung ohnmächtig werden.

 

Nachdem er mit seinem Geschrei den Grafen aus dem Badezimmer vertrieben hatte, wedelte er wie wild mit dem Kreuz und dem Knoblauch zuerst in der Luft herum und dann vorsichtshalber auch noch an sich selbst herunter. Man kann ja nie wissen...

 

'Vor dem Schloss' erntete er einen extra-bösen Blick vom Professor, als er es nicht schaffte, das Schlosstor hochzuschieben. Der alte Mann schien in diesem Moment zu denken "So ein kräftiger Junge und kriegt das Tor nicht auf."

Später stand er wie hypnotisiert vor dem Grafen und schien in gewisser Weise doch fasziniert von diesem Wesen zu sein.

 

Sehr gewissenhaft band er dem Professor dessen Schleife um den Hals, bevor dieser sich ans Auskundschaften der Lage machte.

Als er dann beim Packen der Tasche allerdings seinen kostbaren Schwamm fand, war es auch mit seiner Aufmerksamkeit vorbei. Mit verklärtem Gesicht erklärte er, was er alles 'Für Sarah' tun würde. Und sein entschlossener Ton ließ auch keine Sekunde Zweifel daran aufkommen.

 

Das war dann für mich schon die zweite gelungene “Premiere” des Wochenendes, denn nach Florian Soyka als Graf gilt auch für Dennis Jankowiak als Alfred: Immer wieder gerne.

 

Mit Joana Henrique als Sarah und Esther Hehl als Magda gab es dann zwei weitere neue Gesichter zu sehen. Und beide passten hervorragend in ihre Rollen.

Esther Hehl gefiel mir in der Rolle der (Ersatz)-Magd um Längen besser als es seinerzeit bei Sanne Mieloo der Fall war. Sie hat eine starke Stimme und eine tolle, etwas mädchenhaftere, Ausstrahlung. Auch sie könnte sich mit ihrer Körpergröße Chagal unter den Arm klemmen und ihn verhungern lassen, wenn sie es denn nur wollte.

 

Joana Henrique gab ihrer Sarah bei aller Naivität auch etwas sehr selbstbewusstes.

Und obwohl sie körperlich beachtlich zu Alfred hochgucken mußte, teilte sie ihm doch ziemlich von oben herab mit, dass sie leider bereits eingeladen war. Das Ganze in einem Ton und mit einem Blick, als wollte sie sagen "Du Looser, ich hab echt was Besseres vor, als mit Dir hier rumzustehen." (Womit sie ja nicht ganz Unrecht hatte!)

Auch stimmlich war sie recht angenehm und schrie nicht gegen ihre Mitstreiter auf der Bühne an. Beim 'Gebet' beispielsweise gibt es ja durchaus Sarahs, die alle anderen übertönen. Man hört nur noch sie und von dem Chor im Hintergrund gar nichts mehr. Das war bei ihr dankenswerterweise anders.

Es gibt also doch noch Sarah-Darstellerinnen, bei denen einem nicht die Ohren klingeln, wenn sie singen.

 

Das Bedienen des Grafen und dessen Gäste lag diesmal wieder in den bewährten Händen von Stefan Büdenbender. Sein Koukol war wie immer solide unterwegs, verzichtete aber leider (und eigentlich auch wie immer) auf irgendwelche Extra-Einlagen.

 

Mit Christian Stadlhofer als Professor Abronsius, Florian Fetterle als Herbert, Christoph Leszczynski als Chagal und Jeanne Marie Nigl als Rebecca standen dieselben Protagonisten auf der Bühne wie am Freitag.

Und alle vier waren auch diesmal wieder so richtig in ihrem Element.

Besonders schön war es, dass Herr Leszczynski mal etwas mehr aus sich herausging und somit seiner Figur gleich einen lustigeren Anstrich gab. Als er z. B. seine uneinsichtige Tochter zurück in ihr Bett befördert hatte, hüpfte er in schönster Rumpelstilzchen-Manier in ihrem Zimmer herum, um seinem Unmut über ihr Verhalten nochmal Nachdruck zu verleihen.

Witzig auch sein Bemühen, bei der doch schon etwas blutleeren Magda durch Klopfen auf ihr Handgelenk doch noch etwas von dem kostbaren Saft in ihre Adern zu bekommen.

 

Auch die Tanzsolisten waren mit Toby Poole, Pierre Damen und Paula Ferreira identisch mit denen vom Freitag und ihre Energieleistung war wieder einmal gar nicht hoch genug anzuerkennen. Und doch gab es einen Unterschied, den ich hier nicht verschweigen möchte:

Toby hat bei seiner Performance als "Rote Stiefel-Graf" gelächelt!

Und sah damit gleich um Längen besser, weil weicher, aus. Vielleicht sollte man ihm seine Mundwinkel vor der Show mal nach oben ziehen und fest tackern. Seine Darstellung würde dadurch nochmal an Ausstrahlung gewinnen.

Vielleicht war er aber auch wirklich erfreut darüber, dass ihm Sarahs Kleid mal nicht über dem Gesicht hing, wie es sonst immer der Fall war und er bei den schwierigen Drehungen freie Sicht hatte.

 

Jakub Wocial wurde als Nightmare-Solo 1 auf's Bett gesetzt, während Florian Soyka ihm später als zweiter Solist Gesellschaft leistete.

Und schon war bei mir wieder dieser "Stocki-Effekt" da, will heißen, ich finde es bewundernswert wie jemand an einem Tag die Hauptrolle glaubhaft und würdig verkörpert und sich am nächsten Tag wieder homogen in das Ensemble einfügt.

Und nicht nur seine Wahnsinns-Grafendarstellung vom Freitag hatte Schuld daran, dass dieser junge Mann ein wahrer Eye Catcher für mich war. Schon bei den Knoblauch-Bauern stach er mir ins Auge, später dann bei den Ewigkeitsvampiren und jetzt eben als wunderbarer Nightmare-Solist.

Sein "Fühl die Nacht..." - einfach fantastisch und ich war so damit beschäftigt, ihn zu beobachten, dass ich es tatsächlich verpasst habe, als der Black zum zweiten Mal aus dem Bett kam... Und das ist mir noch nicht allzu oft passiert.

Florian ist für mich so ein Darsteller, bei dem ich mich freue, ihn auf der Bühne zu sehen und ich würde ihn zu gerne einmal als Chagal erleben. Vermutlich würde ich diesen lumpigen Kerl keine Sekunde aus den Augen lassen und froh sein, dass er keine gemeinsame Szene mit dem Grafen hat.

 

Apropos Graf: Irgendwie fehlt der hier noch, oder?

Stolz und majestätisch betrat er die Bühne und unwillkürlich mußte ich an den Mann hinter der Maske denken, der vor nicht mal 24 Stunden ein fantastisches Solo-Konzert gegeben hatte.

 

Was für eine unglaubliche Leistung, nach einem Abend, der ihm nicht nur physisch, sondern auch psychisch einiges abverlangt hatte, jetzt schon wieder hier auf der Bühne zu stehen.

Und wie viele sassen im Publikum, die davon nicht den Hauch einer Ahnung hatten und diese Leistung überhaupt nicht richtig würdigen konnten?!

 

Für mich war diese Show (mal wieder) Faszination und Gänsehaut pur. Es gab all die Details, die ich an Kevins Grafendarstellung so liebe. Die verführerische 'Einladung zum Ball' und das In-sich-versunken-sein 'vor dem Schloss', um wenig später Alfred umso kraftvoller in die Flucht zu schlagen. Der elegant drapierte Umhang bei der 'Totalen Finsternis' ("Stuttgart, 15.32 Uhr - Der Umhang liegt"), sein ungläubiger Blick beim Geschwafel des Professors auf den Zinnen und eine Wahnsinns-'Unstillbare Gier'.

Als krönenden Abschluss gab es dann noch diese stumme Aufforderung an Sarah im Ballsaal, zu ihm zu kommen...

Besser geht es nicht, zumindest für mich nicht.

 

Zum Schlussapplaus kam er strahlend und winkend auf die Bühne.

Klar, die Show gerade war ja auch gar nicht kräftezehrend, das Konzert am Vorabend ein Klacks, das anschließende Autogrammeschreiben und der Smalltalk mit den Fans überhaupt nicht anstrengend und ausreichender Schlaf wird ja sowieso generell überbewertet.

 

Und sollte ihm das alles doch etwas mehr in den Knochen stecken: Das Publikum hier und jetzt würde es auf keinen Fall merken...

 

Tja, und das waren sie auch schon wieder: Zwei fantastische, begeisternde Shows mit den sympathischen Nachtvögeln.

 

Besonders erwähnenswert erscheinen mir aber noch die Perücken, mit denen die Darsteller diesmal ins Rampenlicht geschickt wurden.

Hatte ich am Freitag noch gedacht, der Graf hätte einen "Bad-Hair-Day" und seine Haarpracht konnte nur mit gut sichtbaren Haarklemmen gebändigt werden, wurde ich bald eines Besseren belehrt. An fast allen Perücken waren diese piefigen Klammern zu erkennen, die die Haare an den Seiten fest an den Kopf ihres Trägers klatschten. Und das sah irgendwie unschön aus.

Überhaupt waren speziell die Grafen-Perücken diesmal ziemlich mickrige Exemplare. Ein paar kurze Flusen hingen über dem Kragen und die weichen Wellen, die schon so manchmal das Grafengesicht umspielten, suchte man auch vergebens.

Aber das waren letztlich ja nur Äußerlichkeiten und zu sehr sollten wir auch nicht verwöhnt werden.

 

Natürlich gab es auch wieder das, was ich die Stuttgarter Phänomene nenne.

 

Den Anfang der Gier konnte der interessierte Zuschauer jeweils nur mit einem kichernden Background genießen, weil sich manche Leute wieder nicht darüber einkriegen konnten, dass sie von einem vorbeilaufenden Vampir erschreckt wurden.

 

Und auch der bereits vertraute Run auf den Orchestergraben setzte natürlich wieder ein.

Diesmal bekam ich ihn besonders schmerzhaft zu spüren, denn obwohl ich meine Füße weit unter meinem Sitz in Sicherheit gebracht hatte, schaffte es am Freitag eine Dame, mir dermaßen auf den Fuß zu treten, dass ich im ersten Moment tatsächlich Sterne gesehen habe. (Nicht unerheblich dafür war die Tatsache, dass besagte Dame ungefähr das zweieinhalbfache meines eigenen Gewichtes auf die Waage brachte.)

 

Und am Sonntag dann das Déjà Vu: Gleiche Situation (begeisterte Diskussion, dass da unten wirklich echte Menschen sitzen), kopfloser Rückzug, weil das Ende der Pause bereits mehrfach angekündigt wurde und... mir auf den Fuß latschen. Nur, dass mir diesmal nicht nur der Fuß schmerzte, sondern auch noch der Nacken, weil die Dame meinte, sich bei mir entschuldigen zu müssen, indem sie meinen Kopf fest an ihre Brust drückte.

Wer meint, in der ersten Reihe zu sitzen sei immer reine Freude, war noch nie im Palladium Theater in Stuttgart.

 

Wo ich gerade von der ersten Reihe schreibe: Sehr süß fand ich auch die ältere Frau, die, vermutlich ihre Enkelin im Schlepptau, darauf bestand, dass sie in der ersten Reihe ihren Platz hatte, obwohl diese schon alle besetzt waren.

Ganz Unrecht hatte sie ja nicht, blöd war nur, dass es sich bei ihr um die erste Reihe im ersten Rang handelte...

 

Auch nicht vergessen darf ich die gute Frau, die sich am Sonntag an der Kaffee-Bar dreist von hinten anschlängelte und mich anherrschte: "Ich bin vor Ihnen dran."

Ja, wenn sie das meint, wird es wohl so sein. (Hoffentlich hat sie sich an dem heißen Gebräu ordentlich den Mund verbrannt.

An genau dieser Bar war es auch, wo mich die freundliche Bedienung fragte, ob ich zum Kaffee nicht auch noch etwas zum Knabbern wollte.

Komisch, warum bekam ich von meiner Schwester einen Knuff in den Rücken? Sie hatte mein Grinsen richtig gedeutet und wollte mich daran hindern, dass ich meine Gedanken aussprach: "Das Einzige, was ich in diesem Theater knabbern möchte, kann man bei Ihnen nicht kaufen..."

 

Habe ich noch was vergessen? Ach so! Was es mit der Überschrift auf sich hat...

Zunächst einmal: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Und jetzt die Erklärung: Schon mehrfach ist mir aufgefallen, dass die Grafen auf unterschiedliche Art ihre Lust entfachen... (Nee, so meine ich das jetzt auch wieder nicht!)

Also: Jan und Stocki singen bzw. sangen bei der ToFi "Mit jeder Stunde des Wartens, wird die Lust neu entfacht...".

Bei Kevin und Thomas B. heißt es "...wird die Lust mehr entfacht..."

Da uns nun auch der junge Florian wissen ließ, dass er seine Lust neu entfacht, hat er meine schon länger währende Vermutung bestätigt: Die jüngeren Grafen sind noch in der Lage, ihre Leidenschaft immer wieder neu aufflammen zu lassen, während die Älteren...

 

Und hier darf sich jetzt jeder seine eigenen Gedanken machen.