Tanz der Vampire, 19.01.2010, 18.30 Uhr - Metronom Theater Oberhausen

 

Und wieder ist es “nur ein Grafenbericht” geworden. (Aber wie heißt es so schön: Ehre wem Ehre gebührt!)

 

Trotzdem gilt aus diesmal wieder: Es war von allen Beteiligten eine tolle Show.

Ganz besonders erwähnen möchte ich einmal Matthias Stockinger (mein Lieblings-Dachgraf, mein Lieblings-Napoleon, mein Lieblings-Carpe Noctem-Sänger und nicht zuletzt mein Lieblings-Dorftrottel-Umschubser) und Ross McDermott (mein ganz persönlicher Tanzgott). Wenn die beiden auf der Bühne sind, kann für mich nicht mehr allzu viel schiefgehen.

 

Akt 1:

Also kam er wieder, dieser magische Moment, in dem der Graf zum ersten Mal in Erscheinung trat. “Nun freu Dich ...” und das “Dich” war so zärtlich gehaucht, dass man die Rückkehr des Grafen kaum erwarten konnte.

 

Tatsächlich dauerte es auch nicht lange: Schwungvoll und mit wehendem Umhang eroberte der Graf das Badezimmer. Er verhöhnte die ach so gepriesene Sicherheit und versprach Sarah mit einschmeichelnder Stimme, ihr die wahre Wirklichkeit zu zeigen. Auf der Wanne stehend warf er einen prüfenden Blick über die Schulter, so als wollte er sich vergewissern, dass seine Spannweite nicht irgendwelche Wände zum einreißen bringen würde. Schließlich beugte er sich tief hinunter, kam Sarahs Hals immer näher, schmeckte wahrscheinlich schon das köstliche Blut und wirkte deswegen auch entsprechend verärgert über Alfreds Geschrei.

Genauso schwungvoll, wie der Graf erschienen war, verschwand er wieder, aber nur um kurz darauf wieder auf dem Dach aufzutauchen und sein Begehren noch einmal sehr deutlich zu machen.

 

Auch diesmal zeigte sich Chagal verhandlungsbereit und zeigte Professor Abronsius und Alfred den Weg zum Schloss.

 

Oh, wie blasiert guckte der Graf denn diesmal? Aber sowas von oben herab musterte er die Besucher vor seinem Schloss, was den Professor aber dennoch nicht davon abhielt, ihm seine Visitenkarte aufzudrängen.

Mit gaaaanz spitzen Fingern wurde diese entgegengenommen, um sie dann ohne große Beachtung und mit noch weniger Begeisterung in der Westentasche verschwinden zu lassen. Verächtlich hörte er dem Professor zu, als dieser sich über die mangelnde Würdigung seiner brillanten Logik beklagte, gehässig stellte er seinen Sohn Herbert vor und genoss regelrecht Alfreds Entsetzen über das Erscheinen dieser schillernden Person.

Besonders viel Spaß bereitete es dem Grafen aber, Alfred mit samtweicher Stimme mitzuteilen, dass er genau wusste, was dieser fühlt und denkt und das er obendrein auch noch sein Sehnen spürt. Wie um diese Worte zu bekräftigen, streichelte er dabei versonnen den Schwamm und zeichnete dessen Konturen nach. Alfreds Verwirrung stieg ins Unermessliche und nachdem er zunächst seinen Schwamm und dann die Flucht ergriffen hatte, schritt der Graf mit zufriedenem Gesicht zum Schloss Tor und zog es mit einem energischen Ruck zu, natürlich nicht ohne vorher noch einmal triumphierend zu lächeln.

 

Akt 2:

Zu Beginn der 'Totalen Finsternis' hatte der Graf seinen Ellenbogen locker auf das Treppengeländer gestützt und die Hand an sein Kinn gelegt. Sinnierend stand er da und seine Ringe blitzten im hellen Licht, als sich der Vorhang zur Ahnengalerie hob und diese zum Leben erwachte.

“Sich verlier’n heißt sich befrei’n ...” diese wunderschön gesungenen Worte zusammen mit dem wieder mal pittoresken Anblick des Grafen auf der Treppe ... Einfach unbeschreiblich.

Beinahe während des gesamten Duetts umspielte ein feines Lächeln die Lippen des Grafen (was ihm außerordentlich gut stand) und manchmal schien es, als könnte er nicht glauben, dass Sarah immer mehr bereit wurde, ihm zu gehören.

Trotzdem übte er sich vorerst noch in Geduld und begnügte sich damit, Sarah nur mit seinem Umhang zu umfangen und sie mit sich zu nehmen.

“He ho he” - so bedrohlich die Stimme des Grafen auch klang, in seinem Blick lag eher Belustigung über den alten Mann, der drohend mit dem Regenschirm in seine Richtung fuchtelte. Und auch dessen völlig überforderter Assistent stellte in diesem Moment keine allzu große Gefahr für ihn dar.

 

Während der Graf von den Schattenbildern seiner Qual eingeholt wurde, ging er von Grab zu Grab und betrachtete diese.

An einem ging er vorbei, verharrte kurz und kehrte zurück. Er erinnerte sich an seine Liebe im Jahr 1617, die als erste in seinen Armen sterben musste.

Bei den Worten “... blieb nichts in meiner Hand ...” machte er eine wegwerfende Handbewegung, als würde er sich selbst am meisten verabscheuen.

Weiter ging sein Gang zum Grab der Pastorentochter, die ihn nach der Maiandacht eingelassen hatte. Diese Passage wurde mit einem fast anklagenden Unterton gesungen, man konnte glauben, er wollte fragen “Warum hast Du mich nur reingelassen?”

Weiter ging es mit Napoleons Pagen. Auf dem Gesicht des Grafen stand deutlich, dass er bis heute nicht verstehen konnte, warum er diesen nicht verschont hatte.

 

Der Abgang vom Friedhof erfolgte im Laufschritt, so als konnte der Graf nicht schnell genug dem Ort seiner “Taten” entkommen.

 

Als es dann hieß “Euch Sterblichen von morgen ...” entstand der Eindruck, dass alle anwesenden Menschen einzeln vom Grafen fixiert wurden. Mit ungeheurer Eindringlichkeit und einem kleinen, wissenden Lächeln prophezeite er jedem die unstillbare Gier als dem einzig zu dienenden Gott.

 

(Nach diesem Stück machte sich eine einzigartige Atmosphäre breit. Erst herrschte für einen kurzen Moment Stille und dann brach der Beifall los, begleitet von unzähligen Bravo-Rufen. Es war nicht das manchmal leider übliche Gekreische um des Kreischens Willen, sondern echte Begeisterung und Bewunderung über das eben erlebte.)

 

Dem Grafen blieb nicht lange Zeit, weiter seinen düsteren Gedanken nachzuhängen, denn seine Untertanen erwarteten ihn zur Balleröffnung. Und sie wurden nicht enttäuscht. Seine Exzellenz erschien, placierte seinen Umhang über dem Treppengeländer und begrüßte seine Gäste. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und auffordernden Gesten brachte er sein Volk dazu, ihm die Frage ”Haben wir je davon genug?” mit einem einstimmigen “Wir haben davon niemals je genug!” zu beantworten. Zufrieden mit dieser Antwort ging es die Treppe hinunter in den Ballsaal, wo er von seinem Sohn in Empfang genommen wurde. Und dann kam der große Moment: Die angekündigte Schönheit mit den Augen der Nacht erschien und blieb auf der Treppe stehen.

Mit einer kleinen Kopfbewegung und seinen Blicken munterte der Graf seine Auserwählte auf, zu ihm zu kommen.

Als ihm ihr zögern zu lange dauerte, ging er ein paar Schritte in die Mitte des Saals und befahl sie mit einer herrischen Handbewegung zu sich heran. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Ärger über ihr zaudern, Vorfreude auf den bevorstehenden Genuss, Selbsthass über seine Gier und mühsam unterdrückte Erregung wieder. Als er Sarah in den Armen hielt, schloss er kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, lag eine unendliche Traurigkeit in ihnen. Er betrachtete sie fast ein wenig bedauernd und streichelte ihr dann zärtlich mit der Hand vom Hals bis zur Taille hinab. Noch ein kurzer Blick, diesmal schon voller Gier, dann war es mit seiner Beherrschung vorbei und es zählte nur noch der so lang erwartete Biss.

Triumphierend trug er Sarah an seinem ebenfalls nach Blut lechzenden Volk vorbei, setzte sie schließlich ab und erklärte ihr halb entschuldigend, halb vorwurfsvoll: “Du hast Dich gesehnt danach, Dein Herz zu verlier’n ..."

 

Das Menuett begann und Herbert, der sich die ganze Zeit offensichtlich furchtbar gelangweilt hatte, schnappte sich euphorisch den nächstbesten seiner Zunft und tanzte grazil durch den Saal. Nachdem er von seinem Vater für einen kleinen Rempler eine große Ermahnung kassiert hatte, schlug seine große Stunde. Mit einem erfreuten “Ouh” erkannte er das Täuschungsmanöver der ungeladenen Ballgäste und wies seinen Vater stolz darauf hin.

Bei diesem überwog jetzt wohl doch die Zufriedenheit über seine gestillte Gier, denn durchaus amüsiert betrachtete er eine Weile die Tanzbemühungen des Dreiergespanns. Als endlich auch der Professor erkannt hatte, dass sie aufgefallen waren, sah Alfred sich gezwungen die Initiative in Form eines Kerzenständers zu ergreifen. Aber selbst diesem Angriff sah der Graf freundlich lächelnd entgegen. Und er hatte auch keinen allzu großen Grund zur Besorgnis, denn ein beinahe mildes “Buh” verschüchterte Alfred derart, dass er davon absah, sein kühnes Vorhaben gegen hungrige Vampire und deren Oberhaupt zu kämpfen fortzusetzen. Erst ein schwereres Geschütz in Form eines Kreuzes vertrieb die gute Laune des Grafen.

Aber selbst beim Einsturz seines Schlosses bewahrte der Graf immer noch seine stolze Haltung.

 

Es gab wieder einen überwältigenden Schlussapplaus, in dessen Mittelpunkt einmal

mehr und völlig zu Recht ein grandioser Grafendarsteller stand, der es diesmal (für mein Gefühl) ganz besonders geschafft hatte, die noch verbliebene menschliche Seite des Grafen zu zeigen. Trotz allem Zynismus und aller Verbitterung strahlte dieser eigentlich doch so unnahbare Graf immer wieder auch eine große Verletzbarkeit aus.

 

Kurzum: Es war wieder, ganz besonders durch Kevins großartige Darstellung, eine traumhafte Show!

 

 

Über dem Eingang vom Metronom Theater.

Über dem Eingang vom Metronom Theater.