Tanz der Vampire, 27.08.2010, 19.30 Uhr + 28.08.2010, 14.30 Uhr + 29.08.2010, 14.00 Uhr - Palladium Theater Stuttgart /

We Will Rock You, 28.08.2010, 19.30 Uhr - Apollo Theater Stuttgart

 

“Ein Meer von Gefühl und kein Land...”

 

Meine zweite Fahrt nach Stuttgart gestaltete sich um einiges spannender als die erste.

Denn Anfang Juni stand schon relativ früh fest, dass ich in drei TdV-Shows Matthias Stockinger als Graf von Krolock erleben würde.

 

Diesmal schien nur klar zu sein, dass ich Jan Ammann nicht zu sehen bekam, da dieser am 27.08. einen freien Tag bzw. andere Verpflichtungen hatte (der machte sich anscheinend auch immer aus dem Staub wenn ich im Anmarsch war.)

 

Wie würde sich das Grafen-Karussell also drehen? Durfte ich diesmal wenigstens einmal meinen Lieblingsgrafen Kevin Tarte genießen? Bei drei bevorstehenden Shows fand ich diesen Wunsch jetzt nicht allzu unverschämt.

 

Rein theoretisch hätte es allerdings wieder eine “Only-Stocki-Angelegenheit“ werden können, denn die Kunde, die im Vorfeld aus der Schwabenmetropole ins Ruhrgebiet herüber schwappte, war alles andere als beruhigend:

Matthias Stockinger früher aus dem Urlaub zurück und bereits als Grafenbesetzung für die Nachmittagsshow am 28.08. festgelegt (damit war die Chance auf eine, eigentlich festeingeplante, Show mit meinem Liebslingsgrafen schon mal dahin), Kevin Tarte in der Show am 21.08. wegen gesundheitlicher Probleme ausgewechselt (als ich das las, hätte ich am liebsten mit Aida und Radames geklagt: “Sind die Sterne gegen uns?”), Jan Ammann am 27.08. ebenfalls nicht anwesend.

Das Autobahnschild mit der Aufschrift Stockstadt, das mir auf der Hinfahrt geradezu ins Auge sprang und der stockende Verkehr, in den ich geriet, als das SI-Centrum bereits in Sichtweite war, wollte ich jetzt mal nicht als Omen deuten.

 

Da lauschte ich doch lieber den Zeilen des Ich + Ich-Songs im Autoradio:

 

“Ich warte schon so lange, auf den einen Moment.

Ich bin auf der Suche, nach 100 %.

Wann ist es endlich richtig, wann macht es einen Sinn?!

Ich werde es erst wissen, wenn ich angekommen bin.”

 

Irgendwie fand ich das jetzt passend...

 

Kaum auf der Plieninger Straße angelangt, setzte gleich wieder dieser paradiesähnliche Zustand ein.

 

Dieses lange Wochenende begann mit der Backstageführung bei We Will Rock You und es war wieder die sympathische Dame vom letzten Mal, die uns (fast) alles zeigte und mit liebenswertem Jürgen Klinsmann-Dialekt (fast) alles erklärte.

Leider (oder Gott sei Dank?) nahm auch diesmal wieder keiner aus der Gruppe ihr Angebot wahr, einmal selbst etwas auf der Bühne zum Besten zu geben.

Am Abend stand dann die erste Vampir-Vorstellung auf dem Programm, aber um das Chaos hier nicht zu groß werden zu lassen, erwähne ich jetzt zuerst die We Will Rock You-Vorstellung vom Samstagabend.

 

Das war übrigens noch so eine zusätzliche Sorge an diesem Wochenende (als ob die um den Grafen nicht schon reichen würde), denn entgegen meinem letzten Stuttgart-Besuch, als alles hübsch geordnet war und Freitagabend eine WWRY-Show anstand und der Samstag und Sonntag ganz den Vampiren gehörte, hatte es sich diesmal ergeben, dass bereits freitags die Vampire für mich (okay, und für ein paar andere auch) tanzten, dies am Samstagnachmittag fortsetzten und dann am Samstagabend die Gaga-Kids auf den Plan traten. Das am Sonntagnachmittag noch einmal die Vampire ihren Tanz aufnahmen, verstand sich ja wohl von selbst, oder?

Wenn man schon mal in Stuttgart ist...

 

Welche Auswirkungen würde es wohl auf meine Wahrnehmung haben, an ein und demselben Tag nachmittags den unnahbaren Vampiren mit ihrem eleganten Oberhaupt von Krolock und abends den durchgeknallten Bohemians mit dem liebenswerten Wirrkopf Galileo an der Spitze zu begegnen?

 

Ließ mich diese Reizüberflutung vielleicht von einem Grafen träumen, der gaga ist oder halluzinieren, dass Galileo Scaramouche beißt?

(Wobei: Stocki bei den Gaga-Boys? Vom Alter her würde es passen, aber lassen wir das...)

 

Als Musical-Verrückte hat man es wirklich nicht leicht, aber ich kann vorwegnehmen: Ich habe keine größeren Schäden davongetragen. (Wenigstens keine, die nicht vorher auch schon da waren.)

 

Jetzt aber wirklich zu WWRY:

Es war wieder eine Show, die einfach nur Spaß gemacht hat.

 

Die Cast war ähnlich wie beim letzten Mal, also mit einem Mark Seibert, der herrlich durcheinander den Galileo spielte, so dass man ihm ohne weiteres abnahm, dass er weder sich und schon gar nicht die Welt verstand und der dazu auch noch ganz großartig sang und aussah.

Auch Vera Bolten, die als Scaramouche ihre geringe Körpergröße mit ihrem großen Mundwerk doppelt und dreifach wettmachte und teilweise wie ein Irrwisch über die Bühne tobte, war wieder mit von der Partie.

Reinwald Kranner als Kashoggi und Jörg Neubauer (köstlich, dieser Typ) als Bap waren ebenfalls schon “alte Bekannte” und Silke Braas war auch beim letzten Besuch als Ozzy dabei.

 

Leider war mein Sonnenscheinchen DMJ diesmal nicht anwesend. Er weilte, welch Zufall, bei einer Benefiz-Veranstaltung in Bochum.

Seinen Part der Brit nahm an diesem Abend Sascha Krebs ein und es war mal wieder der Wahnsinn zu sehen, wie sich Darsteller in den verschiedensten Rollen zurecht finden.

Denn einen größeren Unterschied, als die Rolle des gepeinigten Jesus in Jesus Christ Superstar, in der ich ihn zum ersten Mal in Tecklenburg gesehen hatte und diesem verrückten Vogel Brit, kann es eigentlich kaum geben. Und in beiden hat er eine gute Figur gemacht.

Und noch eine bedeutende Änderung gab es in der Cast im Vergleich zum vorherigen Mal: Die etatmäßige Killerqueen von Stuttgart, Brigitte Oelke, hatte sich nämlich ihrem Kollegen DMJ angeschlossen und so wurde die Rolle von Nicole Malangre gespielt. Anfangs gefiel sie mir nicht so sehr, aber im Lauf der Show änderte sich das. Starke Stimme, starkes Schauspiel, starke Figur, genau richtig für diese Rolle.

Auch das Ensemble entpuppte sich wieder einmal als homogene Truppe, so dass wirklich nur zu sagen ist: Danke für eine Klasse-Show!

 

Und da ich jetzt schon einmal unchronologisch bin: Am Samstagvormittag gab es dann die Backstageführung bei den Vampiren.

Eigentlich ziemlich ähnlich dem letzten Rundgang, ersetzte aber diesmal ein wenig Unkenntnis unserer Gruppenführerin den leicht besserwisserischen Ton der Dame beim vorherigen Mal.

Was mir jetzt lieber war, kann ich im Nachhinein nicht genau sagen.

Am liebsten wäre mir natürlich eine kompetente und freundliche Erklärung (wie bei WWRY) und endlich auch einmal einen Gang in die Garderobe der Herren und nicht immer nur ein “Die Kleider der Damen sind viel interessanter”.

Was gibt es bei den Herren zu sehen, was der Öffentlichkeit verborgen bleiben soll?

 

Wenn uns unsere Anführerin (einen Wachhund am Ende der Gruppe gab es natürlich auch wieder) glauben machen wollte, Magda rupfe die Gans, konnte man das ja noch als kleinen Versprecher betrachten, dass sie aber die Frage “Was ist eine alternierende Besetzung?” genau mit den Merkmalen eines Walk-In-Covers beschrieb, ließ mich dann aber doch ein bisschen an ihrer Kompetenz zweifeln.

 

Deshalb weiß ich auch nicht genau, was von ihrer Aussage zu halten war, dass es sich bei der Gans um ein ausgestopftes, also vormals lebendes, Exemplar handeln soll.

Jedenfalls lieferte sie damit die Vorlage für einen Witzbold in unserer Gruppe, der meinte, der Papp-Professor wäre vielleicht auch präpariert und es handele sich um den allerersten Professor-Darsteller beim Musical Tanz der Vampire. Auch wenn das vielleicht eine etwas gewagte Theorie war, hatte er mit dieser Bemerkung die Lacher jedenfalls auf seiner Seite.

 

Interessant war allerdings zu erfahren, was denn VIP’s bei Tanz der Vampire zu suchen haben.

(Außer natürlich denen, die jede Premiere und Derniere mit ihrer Anwesenheit krönen.)

In den Umkleideräumlichkeiten (natürlich der Damen) gab es nämlich Fächer mit der Aufschrift “VIP”.

Natürlich wurde nachgefragt und die ebenso erstaunliche wie einfache Antwort lautete: VIP = Vampire im Publikum. Und tatsächlich lagen in einigen dieser Fächer die grünen Handschuhe (mit langen Fingernägeln dran), die die Vampire tragen, wenn sie im Publikum stehen, während der Professor und Alfred das Schloss suchen.

 

Lustig war auch die Sache mit dem Feuerwehrmann, der bei jeder Vorstellung hinter der Bühne sitzt. Und zwar auf einem roten Stuhl! Wahrscheinlich um ihm einen Ausgleich zu seinem roten Feuerwehrauto zu bieten.

 

Auch diese Backstageführung endete mit der Aushändigung von 10%-Gutscheinen auf Merchandise-Artikel. Allmählich mache ich mir aber doch Sorgen, ob die Stage Entertainment angesichts dieser Großzügigkeit noch über die Runden kommen kann, oder ob die Kartenpreise nicht doch mal wieder erhöht werden müßten...

 

Bevor ich jetzt aber wirklich zu den drei wichtigsten Shows des Wochenendes komme, noch eine kleine Anmerkung zum Publikum im allgemeinen und meinem direkten Umfeld im besonderen, denn was man so an Bemerkungen und Handlungen erleben kann (muss?), ist manchmal schon kurios.

 

So erklärte eine Oma ihrer Enkelin bei TdV, dass sich eigentlich alles Wichtige im ersten Teil zuträgt und der zweite ziemlich langweilig sei...

- Habe ich bisher immer ein anderes Stück gesehen?

 

Bei WWRY waren mal wieder ein Großteil der Besucher nicht fähig, mit den ausgelegten Knicklichtern für zusätzlich gute Stimmung zu sorgen. Wie versteinert sassen sie mit ihren (natürlich nicht aktivierten) Lichtern da, als fürchteten sie , einen elektrischen Schlag zu bekommen.

- Mensch, Leute! Ist doch ganz einfach: Knicklichter knicken (wie der Name schon sagt), dann das geknickte Licht wahlweise in die rechte oder linke Hand nehmen, diese in die Höhe strecken und möglichst rhythmisch (wem das nicht möglich ist, auch nicht schlimm) zu dem gerade gespielten Stück hin und her bewegen. Kann doch nicht so schwer sein!

 

Schön fand ich auch die Variante, sich bei der Bohemian Rhapsody die Ohren zuzuhalten.

- Wie steht schon auf einem Schild im Foyer: “Wo Rock drauf steht, ist auch Rock drin”

 

Die Kirsche auf der Sahne fand aber wieder bei den Vampiren statt und ich würde es kaum glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.

Vorab eine Frage: Ist Mannheim eine Karnevalshochburg?

In der Reihe vor mir bezogen nämlich zwei Frauen und ein Mann sehr! kurz vor Vorstellungsbeginn ihre Plätze und taten lautstark kund, dass sie aus Mannheim kämen. (Ist das ein Grund, zu spät zu kommen?)

Während der ganzen Show taten sie sich nicht unbedingt durch Zurückhaltung hervor und als die Gruft-Szene kam, ging es mit ihnen durch: Zu den Anfangsklängen von ‘An so einem Tag’ fassten sich die drei ausgelassenen (oder besser: losgelassenen) Mannheimer unter und begannen zu schunkeln!

- Kein Kommentar!

 

Wie dem auch sei: Ich wende mich jetzt lieber erfreulicheren Dingen zu und fasse die Darsteller und einige erwähnenswerte Vorkommnisse der TdV-Shows zusammen.

 

Krisha Dalke: Er mußte drei Mal als Alfred ran und wenn ich mir auch vorher gewünscht hatte, wenigstens einmal Riccardo zu sehen, gefiel mir Krisha von Show zu Show besser.

Irgendwie hatte er aber auch (besonders am Freitag) den Schalk im Nacken und ärgerte hinterrücks den Professor, als dieser ihn aufforderte, das aufgesammelte Gemüse in Magdas Korb zu tun und sich nicht von ihr ablenken zu lassen.

Augenscheinlich tat er, wie ihm geheißen, doch kaum hatte der Professor sich umgedreht, zauberte er noch ein Gemüsestück hervor und hielt es triumphierend in dessen Richtung. Dabei grinste er von einem Ohr zum anderen.

 

Als Chagal hinter dem Tisch mit der toten Magda auftauchte, fuchtelte er so lange mit dem Hammer herum, bis er ihn sich selbst vor den Kopf haute. Das er danach aus dem Lachen nicht mehr heraus kam, muss wohl nicht erwähnt werden.

 

Später zog er den Löffel mit dem (Hafer)schleim so weit nach oben, bis etwas von diesem Zeug in seinen Haaren klebte und den “Herzkasper” des Professors kommentierte er mit einem sehr kindlichen “Auweia!”

Und wie frech ist er überhaupt in der Gruft geworden? Als der Professor ihn aufforderte: “Du zuerst” fragte er in einem Tonfall “Iiich?” zurück, dass er eigentlich auch gleich sagen konnte “Das glaubst Du doch wohl selbst nicht.”

Beim Hinausklettern aus der Gruft winkte er dem schlafenden Grafen doch tatsächlich ein paar Mal zu. Mutig, der junge Mann, wenn er nach seinem kläglichen Versagen den Rückzug antreten kann.

Der Anblick der “nackten” Sarah in der Badewanne ließ ihn immer vor Entzückung strahlen und man musste schon fast befürchten, dass ihm die Augen aus dem Kopf fallen könnten.

Aber trotz des ganzen Klamauks spielte und vor allem sang er seinen Alfred, da wo es drauf ankam, ziemlich perfekt.

 

Christian Stadlhofer: Professor Abronsius wurde in allen Shows von ihm gespielt. Oder sollte ich sagen, zelebriert? Seine Auftritte entwickeln sich immer mehr zum Showstopper und wenn ich auch gerne einmal Sven Prüwer gesehen hätte, war es kein bisschen langweilig, drei Mal Christian zu erleben.

Er variierte seine Darstellung immer wieder, baute hier mal etwas ein, ließ da mal etwas weg. Zum Glück verzichtete er allerdings nie auf sein kokettes Hüftdrehen- bzw. Hüftwackeln. Der Saal lag ihm dafür aber auch zu Füßen.

Köstlich auch, wie er sich vor dem Schloss auf seinen Schirm stützte, immer mehr in sich zusammen fiel und der Schirm sich bis zum Geht-nicht-mehr durchbog.

Eine Kleinigkeit ist mir dieses Mal bei ihm besonders aufgefallen. Wenn er bei dem toten Chagal steht und über Van Helsings Theorie und (in aller Bescheidenheit) über seine eigenen Schriften dozierte, hielt er seine Hände dachförmig geformt vor seinen Körper.

Eine Geste, die man ja auch ständig bei Angela Merkel sieht. Da drängen sich doch zwei Fragen geradezu auf: 1.) Wer hat hier von wem geklaut? Der Professor von der Kanzlerin oder unser aller Angie vom Professor? Und 2.) Ist das vielleicht die bevorzugte Handhaltung von Leuten, die im Grunde nicht wirklich weiter wissen, aber immer so tun müssen, als hätten sie den vollen Durchblick?

 

Sabrina Auer: War in allen drei Shows die Sarah und spielte sie immer ziemlich ähnlich. Niedlich war wieder, wie sie auch ganz erwartungsvoll zu ihrem Fenster hochguckte, als würde sie erwarten, sich selbst da oben zu sehen. Allerdings war ihr triumphierendes Grinsen, wenn sie merkte, dass Alfred ihr auf den Leim gegangen war, fast schon ein bisschen zu gemein.

 

Matthias Stockinger - Koukol (am Freitag): Oh mein Gott, das habe ich nicht gewollt!

Ich wollte ihn nicht unbedingt wieder drei Mal als Grafen, aber so dermaßen hätte er in der Hierarchie auch nicht sinken müssen.

Wer denkt sich so etwas aus und lässt jemanden mit so einer Stimme eine Rolle spielen, die nicht ein vernünftiges Wort sprechen, geschweige denn singen muss? Was für eine Verschwendung.

Stocki buckelte, hinkte und schnaufte sich aber tapfer durch die Show, obwohl er doch ziemlich mit seinem Tuch zu kämpfen hatte, das wohl nicht so sass, wie er es gerne gehabt hätte.

 

Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber am Samstag Nachmittag mutierte der bucklige Diener wieder zum stolzen Grafen. Hinter der Maske immer noch sehr jung aussehend, legte er aber wieder eine richtig gute Show hin. Der Gesang war einwandfrei und es wird die Zeit kommen, wo ich in anderen Musicals weinen würde vor Glück, wenn die Erstbesetzung so eine tolle Stimme hätte, wie hier die Zweitbesetzung.

Was mir bei ihm wieder am meisten fehlte, war eine ausgeprägtere Mimik. Die Zerrissenheit sah man ihm ab und an noch am deutlichsten an, aber alle anderen Stimmungen spiegelten sich nicht wirklich auf seinem Gesicht wieder. Vor allem so eine gewisse Süffisanz ging ihm gänzlich ab.

Sehr schön war wieder, wie elegant er Sarah im Tanzsaal seine Hand reichte. Der krasse Gegensatz dazu war, wie er bei der 'Einladung zum Ball' auf der Badewanne und auch bei der 'Totalen Finsternis’ seinen Arm vorschießen ließ und mit seinen langen Fingernägeln Sarahs Gesicht bedrohlich nahe kam.

Stocki, kleiner Tipp: Sarah nicht die Augen ausstechen, dann sieht sie auch, auf wen sie sich da einlässt.

 

Am Sonntag Nachmittag war er dann endlich da, wo er für mich in diesem Stück hingehört: Im Ensemble. Und das ist nicht abwertend gemeint, im Sinne von "Da richtet er am wenigstens Schaden an", sondern vielmehr: "Er ist in jeder Rolle, die er dabei verkörpert, eine echte Bereicherung."

Vor allem als Carpe Noctem-Sänger ist er für mich ein Gänsehaut-Garant und als Napoleon bei den Ewigkeitsvampiren immer wieder ein absoluter Hingucker.

 

Nach diesem Wochenende gehört ihm auf jeden Fall mein voller Respekt.

Es ist bestimmt nicht einfach, an einem Tag brabbelnd und buckelnd in einer doch sehr undankbaren Rolle auf der Bühne agieren zu müssen, am nächsten Tag wie selbstverständlich die Hauptrolle zu verkörpern und am darauffolgenden verschiedenste Figuren absolut perfekt darzustellen und dabei auch noch auszusehen und eine Spielfreude auszustrahlen, als gäbe es nichts schöneres.

In dieses sympathische Bild passt dann auch wie die Faust auf’s Auge, dass Stocki am Sonntag beim Schlussapplaus etwas zu früh auf die Bühne stürmte, eine kleine Weile alleine und grinsend dort stand und auf seine Kollegen wartete.

 

Martine de Jager: Spielte drei Mal eine tolle Rebecca, wobei sie mir in den ersten beiden Shows etwas zurückgenommener vorkam.

Am Sonntagnachmittag drehte sie aber so richtig auf und gab als trauernde Witwe und zuvor als wütendes Eheweib so richtig Gas. Urkomisch, wie sie nicht nur unter dem Bett nach ihrem Mann suchte, sondern auch unter sich nachguckte, ob er da vielleicht zu finden war. (Was dem Ärmsten auf Dauer aber bestimmt nicht gut bekommen wäre...)

Auch ihr “Der Schuft hat sich davon gemacht...” war vom energischsten und als sie den Professor mit seinem Holzpflock aus der Wirtsstube vertrieb, schien sie eine sehr genaue Vorstellung davon zu haben, wohin sie ihm “seinen Spieß” am liebsten rammen würde.

Die Frau ist einfach eine Wucht!

 

Maciej Salamon: Drei Mal ein wirklich guter Chagal, auch immer mit kleinen Änderungen in seinem Spiel.

Am Sonntag weinte er fast, als er sich bei ‘Eine schöne Tochter’ noch einmal fragend umwandte: “Ein Segen...? Ach!!” Und es folgte die für ihn so typische wegwerfend-abfällige Handbewegung.

So nach dem Motto: Macht doch, was ihr wollt.

Sehr spaßig war auch, wie er Koukol aufforderte, doch bitte etwas deutlicher zu sprechen.

 

Jakub Wocial: In jeder Show ein niedlicher Herbert. Ihm steht die neue Frisur bei seinem ersten Erscheinen erheblich besser als Florian, da die offenen Haare sein schmales Gesicht vorteilhaft betonen. Und dann sein begeistertes Augenaufreißen, wenn er Alfred zum ersten Mal sieht und sein wiegender Schritt auf ihn zu. Hinreißend!

Bei ‘Wenn Liebe in Dir ist’ gab es am Freitag nach Alfreds Flucht vor ihm einen dicken Schmatzer in Richtung seines neuen Traumtypens, während er ihn am Samstag und Sonntag freudig strahlend wieder in Empfang nahm.

Als der Professor mit seinem Schirm auf ihn eindrosch, befürchtete ich bei ihm und seiner zierlichen Gestalt allerdings immer Schlimmes, aber jedes Mal kam er glücklicherweise ohne größere Blessuren davon und sein geziertes weg trippeln und das empörte “Pffffff!” waren einfach nur genial.

Am Samstag und Sonntag wurde er zudem noch als Nightmare Solo 2 an der Bettstange gebraucht.

 

Linda Konrad: Jedesmal eine Magd(a) wie aus dem Bilderbuch und auch ihre Powerstimme war, wie eigentlich immer, auf dem Punkt da. Sie zu sehen wird auch nie langweilig.

 

Michel Driesse: Am Freitag noch als Nightmare Solo 1 auf dem Bett, musste er am Samstag und Sonntag als Koukol dran glauben. Allerdings schien er daran mächtig Freude zu haben. Jedenfalls kicherte er fast ohne Unterlass vor sich hin. Zwischendurch brabbelte er unverständliches Zeug und keuchte zum Erbarmen. Seine Aufgaben, K-k-k-k-k-erchen zu holen und Sarah das Bündel zu bringen, erledigte er aber trotzdem zur vollsten Zufriedenheit.

Klar, dass auch der Michel/Koukol-Luftsprung und sein Strahlen ins Publikum beim Schlussapplaus nicht fehlen durften.

 

Kym Boyson, David Baranya und Ross McDermott waren als “Rote-Stiefel”- und “Traum-Sarah”, als White und als Black unterwegs.

 

Zu Kym fällt mir gar nichts mehr ein. Ihre Leistung war einfach wieder unbeschreiblich.

 

David als White gefiel mir so gar nicht, was aber weniger an seinen tänzerischen Qualitäten lag, sondern vielmehr an dieser unsäglichen Perücke. Die machte (für mich) das ganze Bild kaputt.

 

Und Ross als Black... da fällt mir eigentlich auch nichts mehr ein außer: Waahhh!!!

Was für ein Tänzer, was für eine Ausstrahlung. Es war so schön, ihn endlich mal wieder zu erleben.

Ich könnte ihm stunden- ach was tagelang (der Ärmste) zusehen.

In seinem ersten Leben kann er mit diesen geschmeidigen Bewegungen eigentlich nur ein schwarzer Panther gewesen sein.

(Bei seinem Anblick tun mir eigentlich immer alle Männer im Saal ein bisschen leid, denn ich glaube, kaum eine Frau wünscht sich nicht, dass ihr Göttergatte oder sonstiges männliche Anhängsel einmal so aussehen und so daher kommen würde wie dieser schwarze Vampir. Und die wenigsten dieser armen Kerle haben auch nur den Hauch einer Chance gegen ihn anzustinken.)

 

Csaba Farago tanzte am Freitag und am Samstag in altbewährter (also spitzenmäßiger) Manier den “Rote-Stiefel-Graf” und war natürlich auch wieder der Ewigkeitsvampir mit der schiefen Krone auf dem Haupt.

 

Vanni Viscusi übernahm am Sonntag den Part des “Tanz-Grafen” (sehr sexy übrigens) und war als Ewigkeitsvampir mit einem kleidsamen Federhut unterwegs.

 

Riccardo Greco: Am Freitag in gewohnter Position (und mit gewohnt rauchiger Stimme) als Nightmare Solo 2, in den anderen beiden Shows aufgestiegen (im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich auf’s Bett) als Nightmare Solo 1.

Als Ewigkeitsvampir mit Sturmfrisur, zuckendem Näschen und torkelndem Gang nahm man ihm die Hunderte von Jahren in seinem Sarg ohne weiteres ab.

 

Ohne ihm nahetreten zu wollen, war Tibor Heger die ganze Zeit über der Trottel vom Dienst.

Mir ist zum ersten Mal so richtig aufgefallen, dass er beim ‘Gebet’ auch eine Kerze in die Hand gedrückt bekommen hatte und im Haus dabei war. Mit seinen Reh-Augen und der riesigen Mütze sah er im Kerzenschein einfach nur putzig aus.

Auch als Ewigkeitsvampir konnte er sich absolut sehen lassen.

 

Natürlich waren auch wieder Paul Knights mit seiner grünen “Ewigkeits-Perücke” und seinem undeutbaren Lächeln und Toby Poole als Musketier-Ewigkeitsvampir dabei.

Letzterer winkte Alfred, Sarah und dem Professor im Tanzsaal freundlich zu, als diese als Sterbliche entlarvt wurden. Nette Idee.

(Weniger nett waren seine Blicke bei der Backstageführung, als ihm unsere Gruppe seinen Weg versperrte.)

 

Johan Vandamme als Knoblauch-Bauer, als Teil eines Rote-Stiefel-Tanzpaares oder als Ewigkeitsvampir - irgendwie erkannte ich ihn in jeder Rolle.

 

Bei den Mädels tue ich mich mit dem Erkennen etwas schwerer.

Senta Sofia Delliponti und Janaina Bianchi meinte ich noch auszumachen, aber dann hörte es auch schon auf.

Deshalb ziehe ich hier mal ein Gesamtfazit: Alle haben in den verschiedensten Rollen eine gute Figur und damit ihre Sache mehr als gut gemacht.

 

Ja, das waren eigentlich schon meine Eindrücke zu drei Tanz der Vampire-Shows.

 

Ach nein, eine klitzekleine Kleinigkeit fehlt ja noch und ich erwähne sie auch nur der Vollständigkeit halber und nicht, weil sie unbedingt von Bedeutung war:

 

Kevin Tarte war am Freitagabend und am Sonntagnachmittag der Graf von Krolock.

Tja, was soll ich groß zu ihm sagen?

Es war ganz nett und er hat seine Sache gut gema...

Ach, Quatsch!

 

Er war wunderbar! Er war traumhaft! Er war faszinierend!

 

Hatte ich mir am Freitag im Vorfeld sogar vorgenommen, weder auf den Besetzungsbildschirm zu gucken, noch mir eine Castliste zu holen und einfach auf den Grafen zu warten, der dann aus dem Dunklen auftauchen würde, waren diese dummen Gedanken schon verworfen, kaum als ich das Theater betreten hatte.

Es hätte mich zerrissen, wenn ich nicht gewusst hätte, wer an diesem Abend gräfelt.

Der Besetzungsbildschirm war just in dem Moment nicht besonders aussagekräftig, also ab zum Merchandise-Stand und mit ganz langem Hals über alle Umstehenden weggeguckt und YES! YES! YES!: Es stand ein relativ kurzer Name ganz oben auf der Castliste und da Jan Ammann ja unterwegs war, um irgendwelche Fledermäuse zu schützen (lobenswert, besonders an diesem Abend) konnte es ja eigentlich nur mein bevorzugter Nachtvogel sein.

Nachdem ich mich endlich durch die Menge geschlängelt hatte, eine Liste in der Hand hielt und mit eigenen Augen sah, was ich schon fast nicht mehr für möglich gehalten hätte, wäre ich am liebsten mitten im Foyer auf die Knie gesunken, um Dankesworte gen Himmel zu schicken.

Da ich aber nicht sicher sein konnte, ob das Palladium Theater nicht über einen Sicherheitsdienst verfügte, der jeden ob einer solchen Reaktion diskret in weißen Jäckchen abführen würde, verkniff ich mir lieber diesen Ausbruch und freute mich statt dessen still in mich hinein.

 

Und ich schien nicht die Einzige zu sein, die sich angesichts des bevorstehenden Ereignisses fast ein Bein ausfreute.

So sass ein Mann hinter mir, der seiner Sitznachbarin stolz verkündete, “schon zum fünften Mal” da zu sein. Im schönsten schwäbisch antwortete sie ihm, dass ihr vermutlich ein Besuch reichen würde. (Wenn sie sich da mal nicht irrt!)

Doch ihr Gesprächspartner blieb hartnäckig und verkündete mit glückseligem Gesicht: “Heute spielt Kevin Tarte den Grafen.” Die Antwort war ein verständnisloser Blick der Schwäbin, gefolgt von der Frage: “Jo un’? Isch desch wo wasch Beschonderesch?” (Wenn die wüsste!)

Nun war es wieder an dem Mann, verständnislos zu gucken. Fassungs- ja beinahe atemlos stieß er hervor: “A-a-aber, das ist doch DER Graf!” (Wo er Recht hat, hat er Recht!)

Das gleichgültige Schulterzucken seiner Sitznachbarin ließ ihn dann aber auch verstummen, um lieber mit glückseligem Gesicht den Dingen zu harren, die da demnächst kommen würden.

 

So dermaßen gut unterhalten, verging die Zeit bis zum Vorstellungsbeginn ziemlich schnell und schon ertönte Graf Jans Stimme und stellte den heutigen Dirigenten vor. Klaus Wilhelm verbeugte sich und dann ging es auch wirklich los.

 

Prolog / Knoblauch / Eine schöne Tochter / Ein Mädchen, das so lächeln kann

 

SEI BEREIT!

208 Tage oder 4.997 Stunden oder 299.820 Minuten hatte ich das SO nicht mehr gehört.

 

Die elegante Erscheinung des Grafen tauchte aus der Dunkelheit auf und ich gestehe: Ich hatte Herzklopfen (dumme Kuh!). Und dieser Zustand änderte sich auch nicht wirklich dadurch, dass sein

Umhang ganz leicht an meinem Bein vorbei strich... (Wenn man das einem Nicht-Vampir-Infizierten erzählt, erntet man, je nach Gemütslage seines Gegenübers, entweder einen verständnislosen Blick, ein mitleidiges Lächeln oder einen besorgten Griff ans Handgelenk und/oder an die Stirn.)

 

Den Kopf stolz in den Nacken gelegt, schritt der Graf also auf die Bühne und prophezeite Sarah, dass sie beide nur noch ein winziges Stück trenne. Sinnierend legte er einen Finger an seinen Mund, als suche er nach einer Formulierung für seine spätere Einladung an sie. Schnell schien ihm auch eine Idee zu kommen, denn sich in freudiger Erwartung die Hände reibend und verheißungsvoll lächelnd verschwand die geheimnisvolle Gestalt viel zu schnell wieder in der Dunkelheit.

 

Bei der ‘Einladung zum Ball’ machte er Sarah so nachdrücklich ihre Situation klar, dass nicht nur sie ihm einfach glauben mußte, dass es die beste Entscheidung wäre, ihm zu folgen.

 

Bei seinem ersten Erscheinen ‘Vor dem Schloss’ hatte der Herr Graf zunächst wieder sein hochmütigstes Gesicht aufgesetzt.

 

Angesichts der konfusen Erklärungen des Professors betrachtete er diesen allerdings schon nach kurzer Zeit mit gutmütigem Spott und leicht zuckenden Mundwinkeln.

 

Wunderbar wieder, wie er aus seinen Gedanken erwacht und das eben sinnierte mit einem leisen “Ja” bekräftigte.

 

Bei dem Satz “Genial, ich war gefangen” machte er eine Armbewegung als wollte er sagen “Das Buch ist wirklich gut, da gibt es ja nichts...” Leider sagte sein Gesicht etwas ganz anderes aus, aber das bekam der Professor in seiner Eitelkeit natürlich wieder einmal nicht mit.

Richtig Spaß kam beim Grafen auf, als er Alfred seinen Sohn Herbert vorstellte. Die Schadenfreude in seinem Gesicht war wirklich unübersehbar.

Da Alfred es auch diesmal wieder vorzog, die Flucht vor dieser für ihn so furchteinflößenden Gestalt anzutreten, beließ es der Graf bei einem langgezogenen “Befrei’n” (zwei Mal ein Bravo! von mir und am Sonntag verdienter Applaus vom ganzen Publikum), bevor er losging, um das Schlosstor zu schließen. In diesem Moment war auf seinem Gesicht das Bewusstsein um seine ganze Macht deutlich zu sehen.

 

Und dann kam sie! Eine meiner absoluten Lieblingsszenen: ‘Die Totale Finsternis’.

Meine Güte, hatte ich diesen Anblick vermisst. Schöner als je zuvor war der Umhang des Grafen über dem Treppengeländer drapiert und interessiert beobachtete er von seinem hohen Standort, wie Sarah neugierig in die Ahnengalerie kam.

Und so schön diese Szene in ihrer Gesamtheit auch ist - es tut mir leid, aber wie immer bei diesem Grafen schenkte ich ihr nicht die gebührende Beachtung. Zu interessant war mal wieder, die Mimik des Mannes da oben auf der Treppe zu beobachten, die einmal mehr die ganze Gefühlspalette widerspiegelte. Fast schien er sich nur widerstrebend von seinem Standort lösen zu können und zu Sarah hinabzusteigen, vermutlich ganz genau wissend, dass seine Qual durch die Nähe zu ihr nur noch größer werden würde.

Ist die ‘ToFi’ gekürzt worden? Nein, natürlich nicht, aber ich hätte sie noch eine Ewigkeit (wie passend) sehen und hören können. Viel zu schnell hüllte der Graf Sarah in seinen Umhang ein und verschwand mit ihr in der Dunkelheit.

 

Bei ‘He ho he, Professor’ hockt der Graf ja nicht mehr als schwarzer Schatten oben auf der Bühne, sondern kommt schon, während der Professor über den Orion doziert, herein. Am Sonntag erschien der Graf ziemlich früh und es war herrlich zu beobachten, wie er die beiden Gestalten da unter sich betrachtete. Das Geschwafel des Professors quittierte er mit einem fortwährenden und ungläubigen Kopfschütteln und als der alte Mann im Brustton der Überzeugung “Todsicher” sagt, donnerte das “He ho he, wirklich treffend, Professor!” nur so von oben herab und das “nur ein Biss” war so scharf ausgesprochen, das man die Zähne, die sich in den Hals schlagen, regelrecht spüren konnte.

 

‘Die unstillbare Gier’ war in beiden Shows wieder so was von gut, dass ich mich kaum traue, sie mit meinem beschränkten Wortschatz zu beschreiben.

Wie der Graf, eng in seinen Umhang gehüllt, auftaucht und mit diesem gequälten Blick zum Himmel hochblickt. Wie er langsam von Grab zu Grab schreitet, um an dem einen innezuhalten, in dem sein erstes Opfer seit 1617 ruhte. Langsam sank der Graf auf seine Knie und streichelte zärtlich mit seiner Hand über die verwitterte Grabplatte.

Als er seinen Gang fortsetzte und von der Pastorentochter erzählte, war da wieder diese kleine Schreibbewegung, mit der er seinerzeit das Gedicht auf ihre Haut geschrieben hatte.

Und wie groß war das Bedauern auf seinem Gesicht, als er sich an den Pagen Napoleons erinnerte.

 

Mit großen Schritten verließ der Graf schließlich den Friedhof und begann aufzuzählen, an was alles der Glaube verschwendet wird. Bei dem Satz “Manche glauben an die Menschheit” verdrehte er die Augen als wolle er sagen “Na, damit glaubt man ja an das Richtige” und das kleine Wörtchen “Liebe” spie er geradezu heraus. Dazu dann ein Blick nach dem Motto “Das ist ja sowieso der größte Unsinn, den es gibt.”

 

Mit der Botschaft “Euch Sterblichen von morgen...” wandte sich der Graf noch einmal um und prophezeite jedem Einzelnen im Saal, sich früher oder später an die unstillbare Gier zu verlieren...

 

- Kleine, ganz persönliche, Anmerkung zwischendurch: Die unstillbare Gier, wie Kevin sie singt, zeichnet sich immer durch eine schöne Gleichmäßigkeit (und ich meine nicht Eintönigkeit) aus.

Es gibt keine Ausreißer (Ausraster?) nach oben oder nach unten. Sie wird nicht zu weinerlich dargestellt und auf größere und vor allem lautstarke Wutausbrüche wird dankenswerterweise auch verzichtet. Auch hält er es Gott sei Dank nicht vonnöten, einzelne Wörter extrem dämonisch hervorzustoßen.

Bei ihm reichen kleine Variationen in der Stimmlage und bestimmte Betonungen völlig aus, um seine Gemütslage auszudrücken. Und seine Mimik, die, nicht nur bei diesem Lied, alles aussagen kann, was nur möglich ist: Stolz, Resignation, Arroganz, Traurigkeit, Bedauern, Sehnsucht und Schmerz.

Für mich ist diese Darstellung einfach perfekt. -

 

Der Ball begann und wieder erschien der Graf malerisch auf der Treppe und beobachtete das Treiben seiner Untertanen eine Weile, bis er sich unter sie mischte. Und so gerne ich auch immer das bunte Völkchen der Vampire beobachte, hätte ich diesmal jeden einzelnen würgen können, der mir den Blick auf den Grafen verstellte. Zu schön beschrieb dieser ihnen “das verwunschene Sternenkind” und ganz gönnerhaft versprach er seinem Volk, dass auch sie mit den “zwei Sterblichen” zu ihrem Recht kommen würden.

 

Sarah erschien auf der Treppe und Jaaaaaaa!, da war es wieder: Das Locken des Grafen in Richtung seiner Auserwählten.

Am Freitag “nur” mit den Augen und einer kleinen Kopfbewegung, aber am Sonntag auch wieder mit diesem lautlos gesprochenen “Komm”... TRAUMHAFT!

Auch der Biss war am Sonntag formvollendet und nur ein kleines Rinnsal war, wie es sich für diesen Grafen gehört, an seinem Kinn zu sehen.

 

Das Menuett endete für Sarah, Alfred und den Professor auch diesmal nicht gut, obwohl der Schlossherr ihren Tanzbemühungen durchaus wohlwollend zusah. Auch die Frage “Seid ihr bereit?” an seine kaum noch zu bändigende Vampirmeute fiel vergleichsweise milde aus und selbst der auf ihn zustürmende Alfred schien ihn mehr zu amüsieren als zu beunruhigen. Erst der Anblick des hastig aufgestellten Kreuzes ließ den Grafen seine Contenance verlieren.

Aber wer würde das nicht, wenn über ihm ein Schloss zusammenstürzt...?

 

Die Vampire luden noch einmal zum Tanz und nahmen im Anschluss den verdienten Applaus entgegen. Von Darsteller zu Darsteller steigerte sich der Beifall und als Kevin erschien, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Ein wahrer Jubelorkan brach los und es flogen auch einige Blumen auf die Bühne, die Kevin strahlend und sichtlich gerührt aufhob.

 

Beim Schlussapplaus am Sonntagnachmittag gab es noch ein kleines Extra:

Der Vorhang senkte sich, der Vorhang hob sich usw. usw.

Als das Orchester wirklich die letzten Takte spielte und der Vorhang ein letztes Mal fallen sollte, streikte er. Das war irgendwie ein Zeichen, denn das Publikum schien sich nur schwer von den Vampiren trennen zu können.

Die Blicke der Darsteller gingen schon leicht schmunzelnd nach oben und auch die “Kundigen” im Publikum merkten, dass etwas nicht ganz in Ordnung war. Auf einmal gab es einen Ruck und der Vorhang bewegte sich unter großem Beifall des Publikums und noch größerem Hallo der Darsteller ein Stückchen nach unten, um dann wieder hängenzubleiben.

Der Dirigent schwitzte wahrscheinlich schon Blut und Wasser, denn er ließ eine Musikschleife nach der anderen spielen. (So etwas kannte ich bis jetzt nur vom Starlight Express, wenn die Brücke mal wieder ölverschmiert ist und das Rennen nicht losgehen kann.)

Und wer rettete die Situation? Natürlich der treue Diener Koukol, denn mit weitausholenden Handbewegungen zog Michel an einem imaginären Seil und wie durch Zauberhand ging der Vorhang dann auch tatsächlich nach unten. Ja, wenn wir den guten Koukol nicht hätten...

 

Damit war das musicalische Wochenende also tatsächlich zu Ende und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Stuttgart eigentlich gar nicht so weit weg ist...

 

P.S. Der Song von Ich + Ich geht übrigens folgendermaßen weiter:

 

“So soll es sein, so kann es bleiben.

So hab' ich es mir gewünscht.

Alles passt perfekt zusammen, weil endlich alles stimmt

und mein Herz gefangen nimmt...”