Der Studentenprinz, 30.07.2010, 20.30 Uhr - Schlosshof Heidelberg

 

“Ich hab mein Herz (nicht erst) in Heidelberg verloren...”

 

Unglaublich, in was für malerische Flecken Deutschlands es mich in letzter Zeit verschlägt, weil ich mich nicht damit abfinden will, dass mein Lieblings-Musicaldarsteller Kevin Tarte seinen Hauptwirkungskreis 450 km entfernt von meinem eigenen Wohnort aufgeschlagen hat.

 

Führte mich der Weg im März ins beschauliche Ludwigsburg zur dort alljährlich stattfindenden Musical-Gala, verschlug es mich Anfang Juni nach Stuttgart, wo der oben genannte nicht nur seinen Haupt- sondern auch seinen Zweitwohnsitz hat: Die Gruft im Palladium Theater.

Allerdings klappte das Timing zwischen uns mal gar nicht: Ich war in Stuttgart... und er war krank.

(Was zur Folge hatte, dass ich drei Mal hintereinander Matthias Stockinger als Graf von Krolock erleben konnte.)

 

Diesmal sollte es also Heidelberg sein.

Und auch wenn es ja eigentlich unmöglich war, quälte mich nach meinen Stuttgart-Erlebnissen im Hinterkopf doch ein Gedanke: Was, wenn anstelle des Erhofften doch wieder Matthias auf die Bühne gesprungen käme?

“Kurzfristige Umbesetzung” oder so...?! (Nennt man das schon Trauma?)

 

Zugegeben, von der Altersstruktur hätte es vielleicht besser gepasst: Stocki als Student, denn wo er als Graf zuweilen etwas jugendlich wirkt, wirkte Kevin als Student etwas reif.

Da aber seine Kommilitonen auch nicht wesentlich jünger waren (oder zumindest nicht so aussahen) machte das aber gar nichts aus.

 

Aber der Reihe nach:

Nachdem ich die steile Serpentinenstraße Richtung Schloss hinauf bezwungen und tatsächlich noch einen Parkplatz (wenn auch etwas entlegen) gefunden hatte, tat sich das nächste Problem auf: Wo war das Schloss?

Irgendwie kurios: Man sollte doch meinen, so einen großen Kasten von überall her sehen zu können, aber da waren nur Wald und Bäume und Bäume und Wald.

Es erschien mir eine gute Idee, die Straße, die ich vorher mit dem Auto hinaufgefahren war, wieder ein Stück runter zu gehen. Gedacht, getan.

 

Nach gefühlten zehn Kilometern tauchte plötzlich ein verwittertes Schild auf: ‘Zum Schloss’ und wies in Richtung eines ziemlich steilen, dicht bewachsenen Abhangs.

Leider (oder Gott sei Dank) versperrte ein Gitter den Weg hinab.

Okay, ganz falsch konnte ich aber nicht sein, denn dieses Schild hatte wahrscheinlich nicht immer aus Witz da gestanden.

Also noch ein Stück weiter die Straße runter marschiert und auf einmal wurde der Blick frei auf gepflegte Rasenflächen, so wie man sie sich in einem Schlossgarten vorstellt.

Und da ging doch auch schon ein Weg vom Bürgersteig ab. Steil zwar, mit buckligem Kopfsteinpflaster und schiefen Stufen, aber doch einigermaßen befestigt.

Das runter gehen gestaltete sich zwar etwas schwierig und wacklig, dafür empfing mich unten allerdings auch das verheißungsvolle Plakat: 'Heidelberger Schlossfestspiele' und 'Heute: Der Studentenprinz'.

 

In der beruhigenden Gewissheit, am Ziel meiner Mission angekommen zu sein, konnte ich auch den grandiosen Blick über Heidelberg und den Neckar bei absolutem Bilderbuchwetter so richtig genießen.

Da es bis zum Vorstellungsbeginn noch lange hin war, konnte ich auch noch in aller Ruhe die Umgebung inspizieren und wurde so Zeuge, wie im Schlosshof “das Theater aufgebaut wurde”.

Starke Männer stellten (nicht gerade bequem aussehende) Aluminiumstühle auf.

Bei diesem Anblick kam mir in den Sinn, noch einmal zum Auto zu gehen, um eine Decke als Sitzpolsterung und eine zweite, dickere Jacke gegen die zu erwartende Abendkühle zu holen.

Kaum war dieser Gedanke aber zu Ende gedacht, durchzuckte mich wie ein Blitz die Erkenntnis: Wo es vorhin steil bergab gegangen war, ging es ja auf dem Rückweg steil bergauf.

Und das zwei Mal? Lieber nicht. Dann eben hart sitzen und gegebenenfalls frieren.

 

Irgendwie erschien mir auch plötzlich meine Parkplatzwahl mitten im Wald etwas tollkühn.

 

Was, wenn die ganzen Autos, die jetzt dort standen, Spaziergängern gehörten, die sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Heimweg machten? Was, wenn nicht ein Festspiel-Besucher auch dort parkte?

Vor meinem geistigen Auge konnte ich schon die Schlagzeile sehen: “Musicalverrückte wurde Opfer ihrer Leidenschaft!”

Das wäre selbst mir ein bisschen too much. Aber wirklich viel ändern konnte ich an dieser Situation jetzt ja auch nicht mehr.

 

Wenigstens eine Sorge wurde mir ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt aber genommen. Wir erinnern uns: Mein “Stocki-Trauma”.

Von weitem sah ich, mitten in dem immer größerwerdenden Zuschauerstrom, Kevin auf dem Weg zur Arbeit. Na immerhin...

 

Einen Sonnenuntergang (und eine Bratwurst) später war es dann auch schon an der Zeit, Platz zu nehmen und der Dinge zu harren, die da kommen würden.

 

Malerisch plätscherte auf der Bühne ein Springbrunnen (der später auch angeleuchtet wurde) und das Bühnenbild bestand (und zwar das ganze Stück lang) aus zwei Tischen und zahlreichen Stühlen.

(Es braucht nicht viel, um etwas schönes zu sehen!)

 

Das Orchester bezog seine Plätze auf einer kleinen (überdachten) Bühne etwas abseits, der Dirigent erschien und erhielt den ersten Applaus des Abends.

 

So jugendlich er auch schien und so klein er auch vom Wuchs war, so groß dirigierte er doch. Mit vollem Körpereinsatz und wehenden Frackschößen hatte er sein Orchester voll im Griff.

(Wenn er mit diesen ausladenden Bewegungen in einem Musical-Orchestergraben agieren würde, könnten jeweils drei Plätze rechts und links hinter ihm nicht verkauft werden, da die Sichtbehinderung für die Zuschauer zu groß wäre.)

 

Es war jedenfalls sehr interessant, diesen Meister des Stöckchens zu beobachten und die Ouvertüre bot ausreichend Gelegenheit dazu. (Später war das Geschehen auf der Bühne dann doch interessanter.)

Die Melodien, die später im Stück vorkamen, wurden angespielt und gaben mir und allen anderen Nichtkennern des Stückes einen Vorgeschmack auf das spätere Geschehen.

 

Und dann ging es wirklich los:

Der Premierminister von Mark und der Erzieher des Prinzen, Dr. Engel, erscheinen und unterhalten sich über den bevorstehenden Aufenthalt des jungen Prinzen Franz Karl in Heidelberg. Dr. Engel ist alles andere als begeistert darüber, dass er als Begleiter oder besser als Aufpasser mitreisen soll. Viel lieber wäre es ihm für seinen Schützling, wenn dieser seine Studentenzeit unbeschwert und vor allem unbewacht verbringen könnte, so wie es Dr. Engel vor langen Jahren auch getan hat.

 

Mitten in diesen Disput platzt der Prinz (!!!!!!!), hört von dem Vorhaben der beiden Herren und einigt sich mit Dr. Engel auf ein Stillschweigeabkommen.

 

Der Privatdiener des Prinzen, Lutz, bildet die Vorhut und inspiziert das künftige Domizil seines Herren. Was er zu sehen bekommt, lässt seine ohnehin schon steife Gestalt vollends erstarren: Mädels bevölkern den Gastraum, Studenten lungern herum und trinken Bier und zu allem Überfluss wird er auch noch für den Prinzen gehalten und mit Blumen beworfen. Für ihn steht fest: Hier bleiben “wir” keine Sekunde länger.

 

Das Geräusch von klappernden Hufen kommt näher und hätten wir uns in anderen Gefilden befunden, wäre der Ruf: „Der Prinz kütt!“ durchaus berechtigt gewesen.

Denn tatsächlich nähert sich eine Kutsche mit zwei vorgespannten Braunen (die sich ihrer Wichtigkeit durchaus bewusst scheinen) und in ihr sitzt der Prinz und sein Anstands-Wauwau Dr. Engel.

Selbstbewusst und unbeeindruckt von dem allgemeinen Raunen im Publikum, traben die beiden Pferde vor der ersten Reihe her und kehren, von ihrem Kutscher gewendet, auf demselben Weg noch einmal zurück.

Die Luft ist für einen kurzen Moment voll von diesem herrlichen Pferdeduft, der sich aber leider viel zu schnell wieder verflüchtigt und wieder den Parfums der anwesenden Damen Platz macht.

 

Der Prinz und sein Begleiter steigen aus der Kutsche und werden sogleich von dem strengen Herrn Lutz in Empfang genommen, der dringend davon abrät, Herberge in diesem Quartier zu beziehen.

 

Doch der Prinz ist viel zu überwältigt von dem freundlichen Empfang, der ihm bereitet wird und außerdem ist Kathie, die Nichte des Wirts, ein nicht unwesentliches Argument für ihn, zu bleiben.

 

Als er dann auch noch den Gesang der Studenten (sehr schön unsichtbar aus dem Hintergrund der Bühne) hört, ist es vollends um den Prinzen geschehen.

Da steht er mit seinen Wahnsinns-Blauen-Augen und scheint nicht glauben zu können, wie viel Schönes die Welt außerhalb der Palastmauern zu bieten hat.

Für ihn steht fest: Hier bleibe ich und er bekommt dabei die vollste Unterstützung von seinem väterlichen Freund Dr. Engel, dessen verträumtem Gesicht man ansieht, wie sehr er sich seine Jugend und die damit verbundende Zeit in Heidelberg zurücksehnt.

 

Der Prinz wird schnell in die Gemeinschaft der Studenten aufgenommen und auch seiner angebeteten Kathie kommt er näher. In ausgelassener Stimmung verspricht er dem Kellner (und Mädchen für alles im Wirtshaus), Toni, sein Kellermeister zu werden, wenn er erst mal König ist.

 

Der Champagner schmeckt gerade so gut und alles könnte so schön sein, als plötzlich der Premierminister eine ausgelassene Feier der Studenten stört und die Nachricht überbringt, dass der Großvater des Prinzen, der König, schwer krank sei. Der Prinz müsse umgehend nach Hause reisen, um in die Staatsgeschäfte eingewiesen zu werden. Klar, das dem Prinzen diese Vorstellung missfällt und es ihm schwerfällt, Heidelberg, seine Freunde und vor allem Kathie zu verlassen.

Erst Dr. Engel gelingt es, ihn an seine Pflichten zu erinnern und so tritt der Prinz schweren Herzens die Heimreise an, nicht ohne das Versprechen: „Ich komme zurück.“

 

Aus dem Studentenprinzen ist der König geworden und die Staatsräson verlangt es, dass er sich mit seiner Cousine vermählen soll. Dumm nur, dass diese ihm völlig gleichgültig ist und auch die Dame scheint viel größeres Interesse an einem anderen Herrn zu haben. Nur ihre Mutter glaubt unerschütterlich an das bevorstehende Glück.

 

Zur Feier der Verlobung findet ein großes Bankett statt, auf dem zunächst aber weder die Braut, noch der Bräutigam zugegen sind. Diese Tatsache scheint auch die Schwiegermutter in spe etwas zu verunsichern, doch lässt sie sich ihre Bedenken nur zu gerne von Herrn Lutz zerstreuen.

 

Und dann kam das eigentliche Bild des Abends:

Bei mittlerweile völliger Dunkelheit schreitet der König in einem weißen Anzug, umrahmt von livrierten Dienern mit Fackeln, die Treppe hinunter, um seine Verlobungsfeier dann doch noch mit seiner Anwesenheit zu schmücken. (Dieser Anblick war, im allerwahrsten Sinne, ein Bild für die Götter.)

 

Bei einem graziös getanzten Menuett tauschen er und seine nicht ganz freiwillig Auserwählte steife Nettigkeiten untereinander aus.

Zum Glück unterbricht ein gigantisches Feuerwerk die doch etwas stockende Konversation.

Noch bevor der Tanz weitergehen kann, wird ein Besucher angekündigt: Toni, die treue Seele aus dem Wirtshaus in Heidelberg.

 

Er berichtet dem König, was in dessen Abwesenheit in Heidelberg passiert und wie es den Studenten ergangen ist, das es dem Wirtshaus schlecht gehe und er deshalb entlassen wurde und das der treue Dr. Engel gestorben sei.

In seinem Eifer scheint er nicht zu merken, dass den König nur eines interessiert: Wie es seiner Kathie geht.

Erst auf dessen drängende Nachfrage erzählt er dem König, dass diese noch immer im Wirtshaus ihres Onkels arbeite, aber sich sehr verändert habe.

 

Nachdem der König sein Versprechen wahr gemacht und Toni zu seinem Kellermeister ernannt hat, erinnert ihn dieser an sein Versprechen, nach Heidelberg zurückzukommen und überreicht ihm, als Botschaft der Stadt, eine wunderschöne rote Rose.

Überwältigt von seinen Erinnerungen macht sich der König auf den Weg nach Heidelberg.

 

Dort angekommen stellt sich die alte Vertrautheit und vor allem die Lockerheit der ehemaligen Studienfreunde nicht wieder ein. Zu groß ist die Distanz zwischen den Welten geworden und die Bemerkung des Königs „Ich habe nicht viel Zeit“ scheint diesen Graben nur noch zu vergrößern.

 

Erst als der König für seinen Gesang Applaus von den alten Freunden bekommt, scheint die alte Vertrautheit ein wenig zurückzukommen.

Dennoch bleibt die Stimmung angespannt und förmlich bedankt der König sich bei ihnen und lässt sie wissen, “die Zeit ist leider um” .

Einer der Sänger fasst sich ein Herz und fragt ihn, ob er nicht noch ein weiteres Lied hören wolle. Nach kurzem Zögern willigt der König ein und wünscht sich “Unser altes Studentenlied”.

 

Als es erklingt steht der König einfach nur da und all die schönen Erinnerungen an gemeinsame Zeiten scheinen vor seinem geistigen Auge vorbeizuziehen.

In seinem Gesicht stehen in einer seltsamen Mischung Rührung und Qual zugleich.

 

Als die Männer verstummen, muss er sich einen Moment sammeln, um sie dann mit aller Distanziertheit, zu der er in diesem Moment fähig ist, zu verabschieden: “Adieu, meine Herren”

 

Als die Männer den Raum verlassen haben, erscheint Kathie.

Ihrem spontanen Ausruf „Karl Franz“ lässt sie ein respektvolles „Majestät“ folgen. Der König macht ihr klar, dass sie ihn immer bei seinem Namen nennen darf und äußert seine Hoffnung, dass es für sie beide vielleicht doch eine gemeinsame Zukunft geben könnte. Doch Kathie macht ihm klar, dass dies niemals der Fall sein kann.

Nach einer letzten Umarmung trennen sich die beiden voneinander.

 

- Ende der Geschichte.

 

Und genau dieses Ende kam mir dann irgendwie etwas abrupt und vor allem unbefriedigend vor.

 

Hier noch einmal der genaue Wortlaut und Ablauf:

 

Er: “Ich möchte, dass Du glücklich bist.”

Sie: „Das werde ich, ich verspreche es Dir.“

 

(Hä, ja wie jetzt?? Um so einen Mann könnte man doch wohl etwas mehr kämpfen, oder?)

 

Aber auch Er scheint sich mit dieser schwammigen Aussage nicht abfinden zu wollen und umarmt Sie leidenschaftlich. Doch bevor es zum Kuss kommt, wehrt Sie (diese dumme Nuss) ihn ab!

 

(Wie sagen wir im Ruhrpott: Boah , ich glaub dat jetz nich!)

 

Trotz des ausbleibenden Happy Ends war es ein wunderschöner Abend und die vielfach besungene laue Sommernacht in Heidelberg hat ihrem Namen alle Ehre gemacht. Sogar die Grillen haben gezirpt. Gefehlt hat eigentlich nur noch der Mond, aber wir wollen ja nicht unverschämt werden.

 

Die Musik des Stückes war absolut hörenswert und auch wenn ich kaum einen Titel kannte und schon gar nicht mehr den Szenen zuordnen könnte, waren doch einige echte Ohrwürmer dabei.

Es war ein Wechsel aus eingängigen, flotten Melodien, aber auch sehr romantischen, gefühlvollen Liedern. Eine gute Mischung.

Alles in allem (Musik, Gesang, Dialoge und Kostüme) konnte man sich, wenn man sich darauf einließ, wirklich in einen alten Operettenfilm hineinversetzt fühlen.

 

Von den übrigen Darstellern sind mir besonders Ronald Ulen (Dr. Engel), Peter Pichler (Lutz) und AP Zahner (Toni) aufgefallen.

 

Ronald Ulen wirbelte trotz seiner Körpergröße-und fülle herrlich resolut und mit ständig strubbeligen Haaren durch das Stück und verkörperte den väterlichen Freund des Prinzen absolut glaubhaft.

 

Peter Pichler als göttlich steifer und von berufswegen pikierter Herr Lutz. Köstlich, wie er schon in der Pause mit einem Tuch über dem Kopf an einem Tisch hing (er hatte doch tatsächlich mal dem Bier zugesprochen) und den zweiten Akt (der mit Glockengeläut und Vogelgezwitscher begann) mit den Worten eröffnete: “Scheiss Glocken, scheiss Vögel...”

Das war aber auch wirklich das einzige Mal, wo er sein distinguiertes Auftreten ablegte (oder auf deutsch: Wo er mal keinen Stock im Hintern hatte.) Ansonsten stellte er mit seinen akkurat gescheitelten und geölten Haaren den Diener vom allerfeinsten dar.

 

AP Zahner als treuer Kalfaktor Toni hatte immer etwas rührendes an sich und trotz aller Bescheidenheit schien er immer zu wissen, was gerade Sache war.

 

Tja und Kevin... muss ich dazu noch was sagen?

Es war einfach mal wieder Genuss pur, ihn erleben zu dürfen.

Und absolut liebenswert fand ich diese kleinen vertrauten Gesten und die Mimik, die immer mal wieder kurz den Grafen hervor blitzen ließen.

 

In dem bunt gemischten Publikum herrschte eine durchgehend gute Stimmung.

Meine Sitznachbarn, ein (Ehe)Paar waren angenehme Leute, was ja auch nicht immer der Fall ist.

Da es kein Fotografierverbot gab, schoss der Mann, vermutlich auf Geheiß seiner Frau, ordentlich Fotos. Auffallend oft wurde der Auslöser betätigt, wenn Kevin auf der Bühne war. Vermutlich auch auf Geheiß seiner Frau. Und immer, wenn ihm ein besonders guter Schnappschuss gelungen war, stupste er seine Frau leicht an und hielt ihr die Kamera unter die Nase.

 

Mich hätte sowieso einmal das Ergebnis einer Umfrage interessiert:

Wer ist hauptsächlich wegen dem Hauptdarsteller hier? Alle mal aufstehen!

Ich glaube, allzu viele wären nicht sitzen geblieben.

Aber genau hier lag auch ein wenig der wunde Punkt:

Es waren wohl einige Hardcore-Kevin-Fans (ich nenne sie auch gerne „die Kevin-Beauftragten“) anwesend, die ständig den Eindruck vermitteln, dass der Mann da auf der Bühne nur ihnen gehört, nur für sie spielt und sie ja die einzigen sind, die ihn „richtig kennen“.

Und die einem selbstverständlich, würde man sie nur fragen, auch Kevins bevorzugte Unterhosen-Marke verraten könnten.

 

Jedes Wort, jede Geste und jedes Mienenspiel wurde, für alle im (weiteren!) Umkreis Sitzenden gut hörbar, vorhergesehen und kommentiert.

Das kollektive „Da kommt er“ bei seinem ersten Auftritt konnte man ja noch gelten lassen, denn, ich gebe es zu, auch mein Herzchen war von diesem Anblick hocherfreut, auch wenn ich meine Begeisterung nicht verbal äußerte. Man kann sich doch schließlich auch still freuen.

 

Auf alle anderen Kommentare konnte man gut und gerne verzichten, denn sie waren einfach nur störend. Vor allem, wenn das junge Alter des Prinzen zur Sprache kam („Genießen Sie Ihre Jugend“) wollte das Gekicher kein Ende nehmen.

 

Außerdem kündeten große Taschen und überdimensionale Blumensträuße davon, dass für diese Spezies Fan der Abend längst nicht mit dem Ende des Stücks vorbei war. Anzunehmen, dass sie anhand von genauestem kartographischem Material ausgekundschaftet hatten, wo sich die Bühnentür befand.

 

Nun, wie auch immer. Jedem das Seine. Ich für meinen Teil hatte auf jeden Fall das gesehen, was ich sehen wollte und konnte rundum zufrieden den Rückweg antreten.

 

Aber Moment, da war doch noch was: Der steile Anstieg...

Schon der bloße Gedanke ließ mich in Schnappatmung verfallen, aber es nützte ja nichts.

Kurz und gut, ich habe es geschafft (auch wenn sich eine junge Frau erschrocken umsah, weil sie wohl dachte, ein keuchender Triebtäter ging hinter ihr her) und es hatten tatsächlich noch andere Besucher ihre Autos auf dem Waldparkplatz abgestellt.

 

Dieser Abend hat einmal mehr gezeigt, dass es mir immer wieder eine besondere Freude sein wird, Kevin irgendwo zu sehen: In einem bequemen Musical-Sessel in seiner absoluten Paraderolle als Graf von Krolock, auf einem relativ unbequemen Stuhl, dafür aber in umso schönerer Umgebung in Heidelberg, als absoluten Teamplayer bei einer Musicalgala und hoffentlich irgendwann auch mal bei einem Solo-Konzert. Gerne mal wieder zumindest in der Nähe des Ruhrgebiets...

...aber wenn daraus nichts wird, meinetwegen auch in Timbuktu: Beim rauf und runter singen eines Telefonbuchs.